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Klimawandel "Enkel werden eine andere Welt erleben"

Klimaexperte Will Steffen hat eine Studie zu den ökologischen Grenzen der Erde veröffentlicht. Im Interview erklärt er, warum er davon ausgeht, dass unsere Enkel bereits eine ganz andere Umwelt erleben werden, als wir sie heute kennen.

22.01.2015 08:32
Susanne Götze
Die Erde hat ihre Grenzen - das ist aus dem All gut zu erkennen. Foto: Reuters

Der Klimaexperte Will Steffen, Direktor des Australian National University Climate Chance Institutes, geht davon aus, dass schon unsere Enkel eine ganz andere Umwelt erleben werden. Zusammen mit 18 Wissenschaftlern unter Beteiligung des Potsdams Instituts für Klimafolgenforschung hat er eine Studie zu den ökologischen Grenzen der Erde veröffentlicht.

Die Erde kommt durch das menschliche Handeln langsam aber sicher an ihre ökologischen Grenzen: Ist das nicht schon seit dem ersten Umweltforum der 1970er Jahre, dem Club of Rome, bekannt?
Sicher ist schon lange bekannt, dass der Mensch die Natur stark beeinflusst. Wir haben uns in der Studie aber das Erdsystem insgesamt angeschaut und wollten wissen, wo die Grenzen der Belastbarkeit liegen: Wie weit können wir noch gehen, bevor es zu ökologischen Folgen kommt, die für den Menschen wirklich gefährlich werden? Die Studie entwirft eine Art Leitfaden, wie wir weiter auf unserem Planeten leben können, ohne ihn ganz zu zerstören.

Sie behaupten sogar, dass der Planet durch die menschgemachten Veränderungen in ein neues Stadium versetzt wird – was heißt das und wie viel Zeit bleibt uns noch?
Normalerweise dauert es an die 10 000 Jahre, bis das Erdsystem in ein grundlegend anderes Stadium übergeht. Allerdings beobachten wir einen so schnellen Wandel, der uns vermuten lässt, dass die Erde sich schon innerhalb von 100 bis 200 Jahren grundlegend verändern wird.

Bis zum Jahr 2100 werden wir also extreme Veränderungen zu spüren bekommen?
Ja, davon kann man sicher ausgehen. Wenn wir bis 2100 eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur von bis zu vier Grad bekommen – was sehr wahrscheinlich ist, wenn wir so weiter machen –, dann wird sich mit dem Klima das gesamte Ökosystem verändern. Unsere Enkel werden also eine ganz andere Welt erleben, als wir sie heute kennen.

Sie haben auch mit Paul Crutzen, dem Erfinder des Begriffs Anthropozän – Menschenzeitalter – zusammengearbeitet: Was sagt uns Ihre Studie über den menschlichen Fußabdruck der letzten 200 Jahre?
Vor 200 Jahren gab es eine Wende in der Menschheitsgeschichte. Zu diesem Zeitpunkt begannen wir, in großem Umfang fossile Ressourcen zu nutzen. In unserer neuesten Untersuchung fanden wir heraus, dass sich das Tempo dieser Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg enorm beschleunigt hat: Bevölkerung, Wirtschaft, Konsum und Ressourcennutzung wuchsen rasant. Seitdem beobachten wir Veränderungen in den Meeren, der Atmosphäre, bei den Treibhausgasemissionen, dem Klima und Ökosystemen und stellen fest, dass es zu erheblichen Abweichungen kommt. Das ist der Grund, warum Paul Crutzen entschied, von einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän, zu sprechen.

Wie haben Sie denn die Risikogrenzen ermittelt?
Nehmen wir das Klima: Wir haben derzeit eine Konzentration von 350 ppm CO2 in der Atmosphäre. Wir haben versucht zu erforschen, was mit den Arten, der menschlichen Gesundheit und dem Ökosystem passiert, wenn wir diesen Wert erhöhen. Mit Hilfe dieser Risikogrenzen können wir beschreiben, wann es wirklich brenzlig wird. In Australien beispielsweise beobachten wir immer mehr Buschbrände, Trockenperioden und hohe Temperaturen.

Was müsste zuerst geschehen, um globale Veränderungen wie den Klimawandel und das Artensterben zu stoppen?
Die Politik muss verstehen, dass es nicht in erster Linie um kurzfristige Ziele wie Wachstum oder Arbeitsplätze gehen kann. Es muss auch um das Wohl der nächsten Generationen gehen. Es ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass wir fähig sind, unsere Umwelt – also unsere Lebensgrundlage – zu zerstören. Als Wissenschaftler können wir nur einen Leitfaden mitgeben, der der Politik die Grenzen und Risiken aufzeigt.

Sie haben Ihre Ergebnisse auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgetragen: Hören Politiker und Wirtschaftsführer denn auf die Ergebnisse?
Wir haben schon mit unserem letzten Bericht 2009 für Aufsehen gesorgt. Ohne Frage – vor uns liegt ein langer und schwieriger Weg. Aber allein die Tatsache, dass wir als Wissenschaftler zum Weltwirtschaftsforum eingeladen wurden, zeigt, dass die Botschaft mittlerweile auch ganz oben angekommen ist.

Nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft muss sich an die neuen Herausforderungen anpassen: Was raten Sie?
Das heutige Wirtschaftssystem ist wirklich ein Problem. Sicher können wir weiterhin ungebremst wachsen, aber dann nehmen wir große Risiken in Kauf. Auch die extreme Armut bei gleichzeitiger Überproduktion ist in sozialer wie ökologischer Hinsicht eine Katastrophe. Die von uns dargestellten planetarischen Grenzen zeigen, dass wir dringend ein wirtschaftliches Umdenken brauchen. Mit einem Weiter-So gefährden wir uns und unseren Planeten. Wir müssen den Unternehmen die richtigen Signale geben, damit sie lernen, anders zu wirtschaften.

Interview: Susanne Götze. Susanne Götze ist Redakteurin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die FR in einer Kooperation die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

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