Lade Inhalte...

Klimawandel Die Vermessung der Eiszungen

Selbst wenn der Ausstieg aus Kohle und Öl gelingt, ist das Schmelzen der Gletscher nicht mehr aufzuhalten. Das offenbaren neueste Berechnungen von Bremer Forschern.

Gletscher
Der Klimawandel lässt die Gletscher in den Bergen dauerhaft schrumpfen. Foto: rtr

Gletscherzungen sind immer in Bewegung. Zwischen Felsketten eingeklemmt, tauen sie im Frühling und Sommer an der Oberfläche auf und kleine Rinnsale ergießen sich in Bergseen oder Gebirgsbäche, bis sich im Winter wieder eine neue Schicht Eis und Schnee bildet. So entstehen Schichten aus mehrjährigem Eis – eine Art Klimagedächtnis, mit dessen Hilfe man die Wetter- und Klimadaten über hunderte Jahre zurückverfolgen kann.

Doch seit einigen Jahrzehnten ist dieses Gleichgewicht in vielen Gletschern der Erde gestört. Es taut mehr Eis weg, als neues hinzukommt – die Massebilanz verschiebt sich, wie die Glaziologen sagen.

Die Störung des Gletscherkreislaufs ist nicht vorübergehend, sondern unwiderruflich, haben Forscher der Universität Bremen nun herausgefunden: Rund ein Drittel der Gletschermasse werde auf jeden Fall schmelzen – allein durch die Langzeitfolgen des Ausstoßes von Treibhausgasen durch menschliches Wirken in den vergangenen 150 Jahren. Diese sogenannten historischen Emissionen sorgen mit jahrzehntelanger Verzögerung dafür, dass die Gletscher durch längere und wärmere Sommer und mildere Winter mehr schwitzen.

Bei einer globalen Temperaturerhöhung von 1,5 bis zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts schrumpfen die Eiszungen weltweit sogar mindestens um 36 Prozent, so das Ergebnis der Bremer Forscher. Bisher ist die Welt allerdings auf einem Vier-Grad-Pfad, was entsprechend schlimmere Folgen hätte.

„Die Autoren zeigen, dass Gletscher noch lange auf Veränderungen reagieren, die bereits in der Vergangenheit stattfanden“, erläutert Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) das Resultat. „Während ein großer Teil der Gebirgsgletscher weltweit schon geschmolzen ist, ist mehr als ein Drittel der noch existierenden Gletschermasse bereits einem langfristigen Schmelzen anheimgegeben.“

Um zu ermitteln, wie schnell Eis unter bestimmten Bedingungen schmilzt, muss man eigentlich bestimmen, wie viel Energie dem Eis zur Verfügung steht, so dass der Phasenübergang des Wassers von fest zu flüssig stattfinden kann – man spricht dabei von der Energiebilanz des Eises. Wer eine solche Bilanz aufstellen will, muss zahlreiche meteorologische Größen an vielen Stellen über der Eisoberfläche des Gletschers kennen: Bewölkung, Luftfeuchtigkeit, Windverhältnisse, die genauen Oberflächeneigenschaften des Eises et cetera.

„Auf einzelnen Gletschern ist eine solche Berechnung durchaus möglich“, erklärt Studienautor und Geologe Ben Marzeion von der Uni Bremen. „Aber für alle 200 000 Gletscher der Welt ist es ausgeschlossen, alle dafür nötigen Daten zu kennen.“ Die Bremer Forscher berechneten deshalb die Schmelzprozesse der Gletscher anhand der Lufttemperatur. Daher sind die deutlichsten Aussagen die Mittelwerte über alle Gletscher – auch wenn jeder einzeln untersucht wurde. „Die 36 Prozent sind eine globale Zahl – für einzelne Gletscher kann das ganz anders aussehen“, betont auch Studienautor Marzeion. Während große Gletscher in Patagonien und Alaska relativ wenig Eis einbüßten, seien die Gletscher der Alpen besonders gefährdet, da es dort im Spätsommer auch in großer Höhe kaum mehr schneie.

Besonders hart für Bauern in Asien und Südamerika

Klimaforscher der ETH Zürich hatten schon im August 2017 erklärt, dass es für den Großteil der Gletscher der Schweiz schon zu spät sei. Selbst wenn die Menschheit ab sofort keine Treibhausgasemissionen mehr verursachen würde, werden demnach die meisten Gletscher in der Schweiz bis Ende des Jahrhunderts komplett abschmelzen.

Besonders hart trifft die Gletscherschmelze aber die Bauern und Bergbewohner in Asien und Südamerika. Dort sind viele Dörfer von Überschwemmungen bedroht. Anderen Regionen droht durch die Schmelze das Trinkwasser auszugehen, darunter auch Großstädte wie das peruanische Lima.

Obwohl ein Abschmelzen der Gletscher grundsätzlich nicht mehr aufzuhalten ist, könnten langfristig immerhin bis zu 50 Prozent der Eismassen noch gerettet werden, gibt Torsten Albrecht vom PIK zu bedenken. „Der Unterschied im Schmelzen zwischen dem 1,5-Grad- und dem Zwei-Grad-Szenario macht auf längere Sicht immerhin etwa zehn Prozent aus.“ Zudem könnten schon kleine Unterschiede in der globalen Mitteltemperatur regional darüber entscheiden, ob der Landwirtschaft im Sommer ausreichend Schmelzwasser zur Verfügung steht oder eben nicht. Für Länder wie Indien oder Usbekistan könne das entscheidend sein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen