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Klimawandel Die echte Flüchtlingskrise steht noch bevor

Selbst wenn die Erderwärmung im Durchschnitt auf zwei Grad begrenzt wird, könnte es in den nächsten Jahrzehnten im Nahen Osten und in Nordafrika im Sommer zu heiß für die Bewohner werden. Forscher warnen vor einem „Klima-Exodus“.

Für Menschen wie diese Sahrawi in Südalgerien könnte die Heimatregion bald unbewohnbar sein. Foto: rtr

Der Klimawandel steht im Verdacht, einer der Auslöser des Bürgerkriegs in Syrien gewesen zu sein – und damit auch des Exodus von Flüchtlingen, der bis heute anhält. Vor Beginn der Aufstände litt das Land von Diktator Baschar al-Assad jahrelang unter einer schweren Dürre, die zur Massenflucht vom Land in die Städte führte und damit zur Destabilisierung des Staates beitrug. Doch der Fall Syrien könnte nur ein Vorgeschmack auf künftige Krisen sein. Dem Orient drohe in den nächsten Jahrzehnten ein „Klima-Exodus“, warnt eine Gruppe von Forschern aus Deutschland und Zypern. Und zwar selbst dann, wenn es gelingt, die Erderwärmung im Durchschnitt auf zwei Grad zu begrenzen.

Die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut (MPI) für Chemie in Mainz und vom Cyprus Institute in Nikosia rechnen damit, dass es im Nahen Osten und in Nordafrika im Sommer so heiß wird, dass viele Gegenden dort unbewohnbar werden. „Das Klima in weiten Teilen des Orients könnte sich in den kommenden Jahrzehnten so verändern, dass es geradezu lebensfeindlich wird“, sagt MPI-Direktor Jos Lelieveld. In der „Mena“ (The Middle East and North Africa) genannten Region zwischen Iran und Marokko leben rund 550 Millionen Menschen, Experten erwarten eine Verdoppelung der Zahl bis 2050.

An heißen Tagen klettert das Thermometer in der Region heute im Schnitt auf 43 Grad Celsius. Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl dieser Tage bereits verdoppelt, fand das Forscherteam heraus. Etwa Mitte des Jahrhunderts werden selbst bei Einhaltung des Zwei-Grad-Limits in den Ländern südlich des Mittelmeers an besonders heißen Tagen dann etwa 46 Grad erreicht, und von diesen Hitzetagen wird es dann mehr als fünfmal so viele geben wie noch anno 2000. Bis 2100 könnten die Spitzenwerte sogar bei 50 Grad liegen, falls der Treibhausgas-Ausstoß nicht deutlich gesenkt wird.

Dürre sorgt für Sandstürme

Die Ursache für diese Hitzespitzen liegt darin, dass die Sommertemperaturen in den bereits heute sehr heißen Regionen des Orients nach den Prognosen mindestens doppelt so schnell ansteigen wie im weltweiten Durchschnitt. Dies ist laut MPI in erster Linie auf Wüstengebiete wie die Sahara zurückzuführen. Dort können sich heiße Luftmassen an der Erdoberfläche nicht durch die Verdunstung von Bodenwasser abkühlen. Das Sonnenlicht wird fast komplett in Wärmestrahlung umgewandelt, und dadurch ist der Treibhauseffekt überproportional stark.

Ein weiterer Faktor, der die Lebensqualität in der Mena-Region stark beeinflusst, ist die Belastung der Atemluft mit Feinstaub. Auch hier gibt es Grund zur Besorgnis, wie eine weitere Untersuchung des Mainzer MPI zur Situation in Saudi-Arabien, Irak und Syrien zeigt. Die Feinstaubbelastung hat danach in diesen Ländern seit 2000 um bis zu 70 Prozent zugenommen. Ursache davon seien vor allem die vermehrten Sandstürme aufgrund zunehmender Dürre, so das Institut. Auch hier erwarten die Wissenschaftler, bedingt durch den Klimawandel, einen weiteren Anstieg. Das dürfte die Lebensbedingungen in der Region zusätzlich erschweren. Feinstaub verursacht Atemwegs- sowie Herz- und Kreislauf-Erkrankungen.

Lelieveld ist überzeugt, dass die absehbaren Klimaveränderungen massive Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen hat, die dort leben. „Langandauernde Hitzewellen und Sandstürme werden viele Gebiete unbewohnbar machen, was sicher zum Migrationsdruck beitragen wird.“

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