Lade Inhalte...

Klimawandel Die Angst der Überlebenden

Naturkatastrophen hinterlassen oft tiefe Spuren in der Psyche der Überlebenden. Ärzte warnen vor Depressionen und Angststörungen.

Philippinen
Eine Frau steht nach einem Taifun vor den Trümmern ihres Hauses auf den Philippinen. Foto: rtr

Auf einem Sofa sitzt zusammengesunken ein junger Mann, schmal und verstört, als hätte er gerade einen Geist gesehen. „Ich hatte so eine Angst“, sagt er und bricht in Tränen aus. Der Philippiner ist ein Überlebender eines Taifuns. Obwohl die Katastrophe schon über drei Jahre her ist, sitzt der Schrecken jener Stunden ihm immer noch im Nacken. Die Szene stammt aus dem neuen Film des Klimaaktivisten und Politstars Al Gore. „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ ist der Nachfolgefilm von Gores mit dem Oscar ausgezeichneter Dokumentation über den Klimawandel von 2006. Mit „Eine unbequeme Wahrheit“ warnte Gore damals vor den Folgen der Erderwärmung.

Nun, gut zehn Jahre später, geht der wohl prominenteste Klimaschützer noch weiter. Er beschreibt den Klimawandel nicht mehr als drohende Katastrophe, sondern als ein Phänomen, das längst unseren Alltag eingeholt hat und als ständige Bedrohung in unser Leben sickert. Nicht mehr weit weg, sondern vor unserer Haustür können wir nun die immer schlimmeren Folgen der globalen Erwärmung erleben. Dafür trifft Al Gore auch die Opfer. Er zeigt Bilder von verängstigten Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben, deren Häuser von Wirbelstürmen zerstört wurden und deren Angehörige ertrunken sind oder verschüttet wurden.

Die Psyche der Überlebenden

Damit berührt Gore einen wunden Punkt: Nach Extremwetterereignissen wie Überflutungen oder Hitzewellen werden üblicherweise Todesopfer und Verletzte gezählt. Eventuelle psychische Folgen werden in der Regel ausgeblendet. Wie die Psyche der Überlebenden mit dem Existenzverlust oder dem Schock klarkommt, ist deren Problem.

Klimaforscher gehen davon aus, dass die Stärke und Häufigkeit von Naturkatastrophen wie Hochwasser, Starkregen und Dürren zunehmen. Hurrikans wie Harvey, Irma und Maria sowie Überschwemmungen, Waldbrände, Dürren und Erdbeben haben im vergangenen Jahr die Versicherungsbranche so viel Geld gekostet wie nie.

Nun warnt der nordamerikanische Fachverband für Psychologie, die American Psychological Association: Die Folgen der Erderwärmung können psychische Krankheiten wie Depressionen auslösen. Der Verband und die Nichtregierungsorganisation Ecoamerica weisen in ihrem mittlerweile zweiten Report über die psychische Gesundheit in Zeiten des Klimawandels auf diese oft vernachlässigten Leiden hin.

Der Klimawandel könne direkte und indirekte Folgen für das psychische Wohlbefinden haben, heißt es in dem Bericht. „Einige Effekte resultieren direkt aus Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel verstärkt werden – etwa Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände oder Hitzewellen. Andere Folgen treten graduell zutage durch zunehmende Temperaturen oder steigende Meerespegel, die Menschen zur Migration zwingen.“

Drastischer Anstieg der Selbsttötungen

Übliche Reaktionen auf den resultierenden Stress seien Depressionen, Angststörungen, Aggression oder auch Drogenabhängigkeit. So habe man nach dem verheerenden Hurrikan „Katrina“ 2005 innerhalb kürzester Zeit einen drastischen Anstieg der Zahl der Selbsttötungen verzeichnen müssen. Betroffen von psychischen Erkrankungen seien beispielsweise auch Bauern, die ihre Äcker verlassen müssen, weil nicht mehr genügend Regen fällt. Für große Bevölkerungsgruppen sind die Risiken laut Report erhöht – etwa für Menschen mit Vorerkrankungen oder Einkommensschwache.

Der Schlüssel zur Bekämpfung psychischer Schädigungen, so die Forscher, sei Vorsorge – und die müsse nicht teuer sein. Vorsorge beginne vor allem damit, die soziale Vernetzung zu stärken: Nachbarn, Bürger, Kollegen müssten näher zusammenrücken, um sich im Falle einer Katastrophe unterstützen zu können. „Die eigene Widerstandsfähigkeit steigt enorm, wenn es ein funktionierendes soziales Umfeld gibt“, heißt es in dem Bericht. „Forschern zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung während und nach einer Naturkatastrophe und einer geringeren Häufigkeit psychologischer Erkrankungen.“

Doch nicht nur gute Nachbarschaft hilft, sondern vor allem der Informationsaustausch, betonen die Studienautoren. Wer mehr miteinander redet, so die Annahme, informiere sich auch besser über Gefahren. „Der Umstand, dass die meisten von uns den Klimawandel ignorieren, macht seine Folgen noch schlimmer, denn wir wissen nicht genau, was uns erwartet, und das Ganze bleibt irgendwie unheimlich“, erklärt die Psychologin und Studienautorin Susan Clayton in der Washington Post. „Aber wenn wir uns informieren, was in unserer Region passieren kann, sind wir besser vorbereitet und behalten die Kontrolle.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum