Lade Inhalte...

Klimaschutz „Noch eine minimale Chance“

Professor Hartmut Graßl spricht im Interview über Klimagipfel – und warum man sie braucht, auch wenn sie nervig sind.

Für den Schutz des Regenwalds schenkte Helmut Kohl der brasilianischen Regierung 250 Millionen D-Mark. Foto: REUTERS

Herr Professor, Sie haben am Rio-Erdgipfel und den ersten Klimakonferenzen in den 1990er Jahren teilgenommen. Was hat sich seither verändert?
Es gab damals eine viel größere Aufbruchsstimmung und viel mehr Bereitschaft, das Problem anzupacken. Inzwischen ist alles ziemlich eingefahren. Die Verhandlungen sind ungemein komplex geworden, im Grunde ist ein Klimagipfel fünf verschiedene Konferenzen. Es geht um CO2-Ziele, Waldschutz, um Finanzhilfen, um „Loss and Damage“, um Anpassung. Und alles hängt mit allem zusammen.

Sind Klimagipfel denn noch das geeignete Forum, Klimaschutz voran zu bringen?
Auf jeden Fall! Stellen sie sich vor, wir hätten diese Arena nicht, in der alle Länder mit den gleichen Rechten zusammenkommen. Ohne die Klimakonferenzen hätten wir überhaupt noch keinen Klimaschutz. Wir hätten weltweit noch fast keine erneuerbaren Energien. Wir hätten noch nicht einmal Regeln, wie die Treibhausgas-Emissionen der einzelnen Ländern vergleichbar zu messen sind. Natürlich sind das immer zähe Verhandlungen. Und natürlich muss man dem Prozess vorwerfen, dass er langsam ist. Dass manchmal – wie 2009 beim Kopenhagen-Gipfel – etwas nicht klappt, berührt mich aber nicht so sehr. Es ist entscheidend, dass durch die Klimakonferenzen ein weltweites Bewusstsein für das Problem entwickelt wurde.

Die Wissenschaft mahnt aber zu mehr Eile.
Dass Politiker nicht immer so handeln, wie wir Wissenschaftler das wollen, ist für mich klar. Meine Erfahrung ist aber, dass die Wissenschaft in die Politik durchtröpfelt. Es dauert einige Jahre, bis die Politiker verinnerlicht haben, was ihnen die Wissenschaft sagt. Als ich 1993 Bundeskanzler Helmut Kohl ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen übergab und wir darüber diskutierten, sprudelte es aus ihm heraus. Kohl schimpfte auf Margret Thatcher. Jedes Mal, wenn er ein Umweltthema auf die Agenda der G7- Staaten setzen wollte, habe das die Eiserne Lady gemeinsam mit Japans Ministerpräsident abgeblockt. Kohl brodelte richtig. Er hat dann Brasiliens Regierung 250 Millionen D-Mark für den Schutz des Regenwaldes geschenkt. Das war damals noch so ungewöhnlich, dass Brasilien zwei bis drei Jahre gebraucht hat, um über die Verwendung des Geldes zu beraten.

Helmut Kohl – ein Umweltpolitiker? Die Klimabilanz seiner Politik ist nicht gerade vorzeigbar....
Kohl wollte Umweltthemen hochfahren, weil er eine Bevölkerung regierte, die das verlangte. Auch Kanzlerin Angela Merkel hat die Energiewende gegen die Widerstände in ihrer Partei nur durchsetzen können, weil die Zivilgesellschaft das wollte. Merkel versteht viel von der Problematik, die muss man nicht belehren.

In den letzten Jahren ist die Kanzlerin aber eher Bremser als Motor in der Klimapolitik gewesen – man denke an die Energieeffizienz oder die CO2-Genzwerte für Autos. Müsste sich die deutsche Zivilgesellschaft stärker für Klimaschutz aussprechen?
Absolut. Es ist die Allgemeinheit, die die politische Agenda bestimmt. Allerdings ist das wahlpolitisch nicht ganz einfach. Man hat bei der Bundestagswahl gesehen, wie den Grünen die Wähler schwinden, weil die Kanzlerin in einer brutalen Art ein ur-grünes Feld besetzt. Die SPD wird als Kohlepartei hingestellt, ist das aber nur zum Teil. Es ist also nicht ganz einfach, Klimaschutz politisch zu verorten, weshalb ein politischer Druck der Wähler für eine echte Mobilisierung nur schwer hinzubekommen ist.

Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass nach dem Lima-Gipfel dann 2015 in Paris ein neuer globaler Klimaschutz-Vertrag verabschiedet wird?
Die Dramaturgie dafür ist günstig. Ohne ein Abkommen wird die Politik aus Paris nicht mehr heraus kommen. Ein neuerliches Scheitern wie in Kopenhagen wäre eine Ohrfeige für all die Präsidenten und Regierungschefs. Getrieben ist momentan die EU. Nach der Einigung von China und den USA zu gemeinsamen, wenn auch lauen Klimaschutz-Anstrengungen muss die EU zeigen, dass sie es mit dem Klimaschutz ernster meint als andere. Sie hat auf militärischem Gebiet wenig zu sagen, sie hat nichts zu bieten im Bereich hoher Anteil junger, kreativer Bevölkerung. Der EU bleibt nur noch ein Feld, auf dem sie dominant sein kann: im Klimaschutz.

Wird das Paris-Abkommen das Problem Erderwärmung lösen?
Nein, das kann man jetzt schon sagen. Aber es wird ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein. Der Vertrag wird uns eine minimale Chance lassen, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Interview: Nick Reimer, Joachim Wille

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen