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Klimaschutz Je älter, desto widerständsfähiger

Eine Studie zeigt, dass artenreiche, alte Wälder dem Klimawandel wohl am besten trotzen können. Woran liegt das?

Beobachter
Von diesem Turm in einem Forst in Thüringen aus messen die Forscher den Atem des Waldes. Foto: Georg August-Universität Göttingen

In der Mitte Deutschlands erobert sich die Natur Stück für Stück ihre Räume zurück. Buchen, Eschen und Ahorne sind sich seit fast 20 Jahren selbst überlassen im Thüringer Nationalpark Hainich, dem größten zusammenhängenden ungenutzten Laubwald Deutschlands. Auf einer Fläche von 50 Quadratkilometern – halb so groß wie die Insel Sylt – soll ein Urwald entstehen, in dem sich die „Natur nach ihren eigenen Regeln entwickeln kann“, heißt es auf der Seite des Nationalparks. Darüber hinaus soll der Wald Rückzugsgebiete für Wildtiere und bedrohte Pflanzen bieten.

Dem Wald mit seinen bis zu 250 Jahre alten Bäumen kommt aber noch eine weitere Bedeutung zu: Er arbeitet dem Klimawandel entgegen. Und zwar deutlich konstanter als junge Wälder. Das hat eine internationale Forschergruppe unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena herausgefunden. Je älter die Waldbestände sind und je größer deren Artenvielfalt, desto konstanter und stabiler können sie auch Kohlendioxid aufnehmen, schreiben sie in einer Studie, die im Fachmagazin Nature Ecology & Evolution veröffentlicht wurde.

Die Forscher haben dafür 50 verschiedene Waldgebiete verglichen – junge und alte, naturnahe und bewirtschaftete. Sie erstrecken sich vor allem in Nordamerika und Europa. Eines davon liegt im Thüringer Hainich. In dem Wald erhebt sich ein Turm über den Wipfeln, der ein bisschen so aussieht wie ein vergessenes Baugerüst. Von oben erblickt man, soweit das Auge reicht, nur Grün. „Hier messen wir den Atem des Waldes“, sagt Alexander Knohl, Bioklimatologe von der Universität Göttingen.

Es gab Zeiten, da kam Knohl jede Woche hierher. Als damaliger Doktorand hatte er den Turm mit aufgebaut. In diesem angebracht sind unter anderem Infrarot-Gasanalysatoren und Ultraschall-Windsensoren. 20mal pro Sekunde werden die Konzentration des Kohlendioxids und die Windgeschwindigkeit gemessen, woraus die Forscher dann berechnen, wie viel CO2 das gesamte Ökosystem tagsüber aufnimmt und nachts abgibt und wie sehr dieser Austausch schwankt – etwa durch Hitzewellen und Stürme. All die Daten zu den CO2-Flüssen, der Artenvielfalt, dem Alter der Bäume und dem Wetter speisten die Forscher in statistische Modelle. Das Ergebnis: Besonders die Betagteren unter den Bäumen waren gut gegen Klimaschwankungen gewappnet. Die jüngeren Wälder hingegen zeigten sich anfällig und reagierten sensibel.

Besser „durchwurzelt“

Warum das so ist, haben die Forscher zwar nicht untersucht. Aber einige Gründe liegen auf der Hand: Die alten Wälder sind besser „durchwurzelt“, können also tiefer liegendes Wasser erreichen, besser die Nährstoffe verteilen, Wasser speichern und eine dickere Humusschicht aufbauen. Wälder können Klimaschwankungen außerdem besser trotzen, wenn sie besonders artenreich sind, fanden die Wissenschaftler heraus. Auch das fördere die effiziente Nutzung von Nährstoffen und Wasser.

Allerdings ist hier noch nicht das letzte Wort gesprochen. „Ist wirklich der Artenreichtum das entscheidende“, fragt Knohl. „Oder nicht eher der Strukturreichtum?“ Denn etwa in den alten Buchenmischwäldern wie dem Hainich würden sich langfristig die Buchen durchsetzen. Das heißt aber nicht, dass diese Wälder weniger komplex wären.

Wälder helfen weltweit, dem Klimawandel entgegenzuwirken, indem sie Kohlendioxid durch Photosynthese aufnehmen und Biomasse bilden. Umstritten war aber seit langem, wie stabil diese Aufnahme ist und wie stark sie durch Klimaschwankungen von Jahr zu Jahr variiert. Auch für die Genauigkeit der Klimamodelle war diese Wissenslücke ein Problem. „Um Klimaschutz betreiben zu können, müssen wir wissen, wie sich Wälder verhalten“, sagt Mirco Migliavacca vom Max Planck Institut für Biogeochemie.

Die Forscher um Talie Musavi vom Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena konnten diese Frage nun – zumindest teilweise – beantworten. Möglich macht das ein Datennetzwerk namens Fluxnet. Das sammelt die Daten aus 500 Messstationen weltweit. Die 50 ältesten Zeitreihen wurden nun für die Studie berücksichtigt, etwa der Hainich mit seinen Messungen seit 17 Jahren.

Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher, dass alte Wälder, die 15 Prozent der Erdoberfläche abdecken, eine stärkere Wertschätzung erhalten sollten. „Generell sollten wir den Fokus darauf legen, die älteren Wälder zu erhalten, um die Anfälligkeit für Klimaschwankungen zu minimieren“, sagt Migliavacca.

Allerdings gibt es auch Einschränkungen. Noch wisse man etwa nicht, ob Wälder nicht irgendwann eine Altersgrenze erreichen, ab der sie nicht doch wieder anfälliger gegenüber Klimaschwankungen werden, gibt Knohl zu bedenken. Buchenmischwälder wie der Hainich, dessen Bäume im Schnitt 120 Jahre alt sind, können darüber noch keine abschließende Auskunft geben. Außerdem würden Wälder noch ganz andere Aufgaben erfüllen neben dem Speichern von Kohlendioxid – etwa für die Erholung oder die Forstwirtschaft.

Wenn alte Wälder komplett geschützt und andere deshalb um so intensiver bewirtschaftet werden müssen, könnte der Schaden am Ende größer sein. „Als Gesellschaft müssen wir abwägen, welcher Service wo besonders wichtig ist“, sagt Knohl.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Natur, Klimaschutz

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