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Klimagipfel In 50 Jahren nur noch Tee

Die empfindlichen Arabica-Bohnen vertragen keine extremen Temperaturen – das sind düstere Aussichten für Kaffee-Trinker. Klimabedingt dürfte die Qualität des Kaffees langfristig sinken.

Der Klimawandel könnte die Anbauflächen für Kaffee in 30 Jahren auf die Hälfte geschrumpft haben. Schon jetzt beobachten Experten massive Ernteausfälle in Vietnam und Tansania. Foto: rtr

Wir wissen nicht, wie viel Kaffee die rund 20 000 Teilnehmer des Klimagipfels konsumieren werden. Doch die Maschinen dürften heiß laufen, um Regierungsvertreter und Experten während der zähen Verhandlungen in Paris mit Koffein wach und bei Laune zu halten. Dabei steht der Kaffee-Genuss selbst auf dem Spiel, sollte die Konferenz nicht zu einer ambitionierten Klimaschutz-Vereinbarung führen. Denn die begehrte Energie-Bohne könnte schon bald zu einem knappen Gut werden, warnen Experten.

So zeigt die Studie „Coffee under pressure“ des International Center for Tropical Agriculture (Ciat), dass selbst bei gemäßigtem Klimawandel schon in 30 Jahren auf fast der Hälfte der heutigen Anbauflächen kein Kaffee mehr kultiviert werden könnte. Bei einer Erderwärmung von vier Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter würde Kaffee sogar in den meisten Regionen nicht mehr reifen können, warnen die Forscher, die für ihre Prognosen die Daten aus Modellszenarien des Weltklimarates zugrunde legten.

Szenarien, Prognosen – das klingt nach Zukunft. Dabei zeigt der Klimawandel schon jetzt seine Wirkung, betont Ciat-Experte Christian Bunn. „Massive Ernteausfälle aufgrund höherer Temperaturen und Trockenheit sind beispielsweise in Vietnam oder Tansania zu beobachten.“ Betroffen ist besonders die hochwertige Arabica-Bohne, deren Anteil an der weltweiten Kaffeeproduktion bei etwa 70 Prozent liegt, wie Bunn erläutert.

Die Sorte Arabica ist im Gegensatz zur widerstandsfähigeren Kaffee-Pflanze Robusta ein Sensibelchen. Sie gedeiht vor allem in tropischen Gebieten entlang des Äquators – dem Kaffeegürtel – und da in Lagen von 600 bis 2000 Metern. Und sie braucht verlässliche klimatische Bedingungen. Schon Tagestemperaturen von mehr als 20 Grad beeinträchtigen das Wachstum der Bohnen, machen die Pflanzen anfälliger und schaffen ideale Bedingungen für Schädlinge wie Kaffeekirschenkäfer und Krankheiten wie Kaffeerost.

Gebeutelt sind die Kleinbauern

Auch Produzenten in Kenia, Mexiko, Peru, Nicaragua und zuletzt Brasilien bekommen das bereits zu spüren. „Die Verschiebung von Niederschlagsmustern, verlängerte Trockenzeiten und die Zunahme von Extremwetter dezimieren die Erträge teilweise gewaltig“, sagt Sophie Grunze, Agrarexpertin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Wenn es dem Kaffee zu heiß wird, trifft das die klassischen Exportländer hart. In Staaten wie Honduras, Guatemala, Costa Rica und El Salvador trägt Kaffeeanbau bis zu fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Richtig gebeutelt sind dabei Kleinbauern, die global 70 Prozent des Kaffees kultivieren und ihre Existenzgrundlage verlieren, wenn die Kaffeekirschen nicht mehr gedeihen. Weltweit, so die Internationale Kaffee-Organisation, wären 25 Millionen Menschen betroffen, die vom Anbau leben.

Auch deshalb arbeiten Forscher an Strategien zur Anpassung an den Klimawandel. So könnte Kaffee künftig grundsätzlich in noch höheren Lagen angebaut werden. Allerdings hat beispielsweise Brasilien als weltgrößter Kaffeeexporteur solche geeigneten Hochebenen kaum zu bieten, bemerkt Ciat-Experte Bunn. In anderen Ländern wiederum müssten für den Anbau in höheren Regionen erst Flächen gerodet werden – mit entsprechend negativen Effekten fürs Klima.

Schattenbäume pflanzen

Die Initiative „Coffee und Climate“, zu der sich führende Unternehmen der Branche und die GIZ im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums zusammengefunden haben, arbeitet deshalb an nachhaltigeren Konzepten. Dazu gehört etwa die Verbesserung des Mikroklimas auf den Plantagen. „Das kann unter anderem durch die Bedeckung des Bodens mit Mulch erreicht werden“, erklärt GIZ-Expertin Grunze. Empfohlen wird den Bauern auch, Schattenbäume zwischen den Kaffee zu pflanzen. Studien des International Institute of Tropical Agriculture in Uganda haben gezeigt, dass sich dafür Bananenstauden gut eignen. Sie stabilisieren nicht nur die Kaffee-Erträge, sondern verschaffen den Farmern auch zusätzliche Einnahmen.

„Es braucht je nach Land angepasste Lösungen“, erklärt Grunze. Die reichen vom Erosionsschutz durch Aufforstung in Guatemala bis zu Bewässerungssystemen in Vietnam. Aber auch an der Kaffeepflanze selbst wird geforscht und gearbeitet. Setzlinge etwa werden so gezogen, dass sie längere Wurzeln bilden, die tiefer in den Boden reichen. Und die Kaffee-Institute führender Anbauländer experimentieren mit neuen Sorten. Die Natur bietet reichlich davon. Zur Gattung Coffea der Pflanzenfamilie Rubiaceae zählen rund 6000 Arten – von denen bislang nur Arabica und Robusta in unseren Tassen landen. Der genetische Vorrat , so die Hoffnung, ist groß genug, um widerstandsfähigere Sorten zu züchten.

Ob die jedoch das Aroma einer hochlandgereiften Arabica-Bohne bieten können? Ciat-Experte Bunn geht jedenfalls davon aus, dass die Qualität des Kaffees klimabedingt künftig sinken und der Preis für Qualitätsbohnen steigen wird. Leo Lombardi, Vize-Direktor von World Coffee Research, malt angesichts der Erderwärmung ein noch düstereres Bild: „Wenn das so weitergeht, werden wir in 50 Jahren alle Tee trinken.“ „Abwarten und Tee trinken“ wäre insofern kein guter Rat an die Entscheider des Klimagipfels in Paris.

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