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Klima Wie sich die globale Erwärmung umdrehen ließe

Erneuerbare Energien reichen nicht aus, um die drohende Klimakatastrophe abzuwenden.

Regenwald
Der tropische Regenwald ist Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen und wichtig fürs Klima. Foto: rtr

Wenn man auf einen Abgrund zurast, dann ist es nicht sinnvoll, abzubremsen und langsam über die Klippe zu fahren, sondern das einzig Sinnvolle ist anzuhalten und umzukehren.“ So erklärt Paul Hawken die Logik hinter dem Projekt und Buch „Drawdown“ (auf Deutsch etwa „Absenken“). Konkret geht es um das Absenken der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Für Kohlendioxid liegt diese derzeit bei 410 CO2-Molekülen pro einer Million „Luftteilchen“, wissenschaftlich ausgedrückt 410 ppm (parts per million).

Zu Beginn der industriellen Revolution lag dieser Wert bei 280 ppm. Um das Klima zu stabilisieren, muss die CO2-Konzentration also sinken – Jahr für Jahr, bis ein Wert unter 350 ppm erreicht ist. Hawken glaubt, dass die Menschheit die Trendumkehr von einer steigenden zu einer sinkenden Konzentration in den nächsten 30 Jahren schaffen kann, und er hat Zahlen vorgelegt, um das zu beweisen.

Im Rahmen des „Drawdown“-Projekts haben Wissenschaftler das Potenzial von über hundert verschiedenen Maßnahmen ermittelt und eine Rangliste der wirksamsten aufgestellt. Auf Platz eins der Einzelmaßnahmen liegt eine Gruppe von Kühlmitteln, die Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs). Diese ersetzen die ozonschädlichen FCKWs in Klimaanlagen und Kühlschränken. Hier gibt es eine gute Nachricht: Im Rahmen des Montreal-Protokolls zum Schutz der Ozonschicht werden seit letztem Jahr auch FKWs nach und nach abgeschafft.

Das absolut größte Potenzial aber hat eine Kombination von zwei Maßnahmen, die sonst nur selten mit Klimaschutz in Verbindung gebracht werden: Bildung für Mädchen und Zugang zu Verhütungsmitteln für die Familienplanung. Je länger Mädchen in die Schule gehen, desto später heiraten sie und desto weniger Kinder bekommen sie. Die Unesco schätzt, dass sich mit einer zusätzlichen Investition von nur 39 Milliarden US-Dollar pro Jahr sicherstellen lässt, dass alle Mädchen weltweit in die Schule gehen.

Dann kommt die Familienplanung: 214 Millionen Frauen, die eine Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keine modernen Verhütungsmittel, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Dieses Problem lässt sich Hawken zufolge mit 9,4 Milliarden Dollar pro Jahr lösen. Bis zum Jahr 2050 lässt sich mit der Kombination dieser beiden Maßnahmen der Zuwachs der Weltbevölkerung um eine Milliarde Menschen reduzieren. Dadurch werden CO2-Emissionen von knapp 120 Milliarden Tonnen verhindert. Das ist mehr als die globalen Emissionen der letzten drei Jahre.

Um den „Drawdown“ zu erreichen, reicht es aber nicht, Emissionen zu vermeiden, sondern der Luft muss CO2 entzogen werden. Technisch ist dies derzeit nicht möglich: „Die einzige, bekannte Methode, um das zuverlässig zu tun, ist Photosynthese“, sagt Hawken.

Die Hälfte der 20 wirksamsten Maßnahmen betrifft denn auch die Landnutzung. Das größte Potenzial hat hier die Wiederaufforstung tropischer Regenwälder, gefolgt von der Nutzung von Wäldern als Weide (Hutewald). Insgesamt lässt sich mit diesen zehn Änderungen in Land- und Forstwirtschaft die CO2-Last der Atmosphäre bis zum Jahr 2050 um 250 Milliarden Tonnen verringern – sowohl durch die Vermeidung von Emissionen als auch durch die Speicherung von Kohlenstoff in Pflanzen und Böden.

Um dies zu erreichen, müsste allerdings die Landnutzung auf knapp 20 Millionen Quadratkilometern oder rund zwölf Prozent der Landfläche des Planeten für den Klimaschutz optimiert werden. Noch werde die Landnutzung aber „nur am Rande“ berücksichtigt, beklagt Hawken gegenüber dem US-Nachrichtenportal Vox. So ignoriere der Weltklimarat etwa die mögliche Wiederherstellung von Landwirtschaftsflächen – „mehr als zehn Millionen Quadratkilometer aufgegebenes Land weltweit. Wir wissen, wie man dieses Land regenerieren kann. Kostest das etwas? Ja, klar, aber es ist eine große Senke.“

Bei den Klimaverhandlungen läuft die Bodennutzung unter dem Akronym „LULUCF“ und ist ein Nebenthema. Es ist Ländern sogar freigestellt, ob sie die Böden in ihren Klimaplänen berücksichtigen wollen. Der Grund ist einfach: Die Datenlage ist dünn und Umweltorganisationen befürchten, dass Länder ihre Emissionen mithilfe von LULUCF kleinrechnen.

Um die Klimakatastrophe abzuwenden, reichen erneuerbare Energien aber nicht aus. Daher lohnt es sich den Blick zu weiten, nicht zuletzt auf Bildung für Mädchen und Verhütungsmittel.

Das Buch liegt bisher nur auf Englisch vor: „Drawdown: The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming“

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