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Klima Die unterschätzten Moore

Die Ökosysteme binden Kohlenstoff effektiv – und helfen dem Klima noch auf weitere Weise. Das Verhalten von Mooren birgt Überraschungen.

Moor
Einzigartige Landschaft: Das Recker Moor in Nordrhein-Westfalen. Foto: Getty

Moore bergen Überraschungen. Das mussten jüngst die Verwalter der Ostseeautobahn A 20 erfahren, als ein ganzer vierspuriger Abschnitt mitten in Mecklenburg-Vorpommern langsam, aber unaufhaltsam im Untergrund versank. Seit Ende Oktober sind die Fahrbahnen gesperrt. Die A 20 führt über das Grenztalmoor, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts großflächig entwässert und seit dem Jahr 2000 im Zuge von Moorschutzprojekten wiedervernässt wurde. Die Planer wollen das beim Bau eigentlich berücksichtigt haben, stehen aber nun vor Rätseln.

Das Verhalten von Mooren birgt Überraschungen, auch klimapolitisch. Sie gelten zu Lande als effektivstes Ökosystem, um Kohlenstoff zu binden, und ihre Wiedervernässung ist ein probates Mittel, um CO2 dauerhaft der Atmosphäre zu entziehen. In Grasland umgewandelte Moore setzen nach den Angaben der Greifswalder Experten jedes Jahr pro Hektar 29 Tonnen CO2 frei. Weltweit soll das zunehmende Verschwinden der Moore jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Tonnen CO2 in die Luft freisetzen, fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen Wahrscheinlich dürften diese Zahlen wegen begrenzten Messungen sogar noch höher liegen. „Moore sind in ihrer Klimabedeutung bisher unterschätzt worden“, befindet Tom Kirschey vom internationalen Moorschutzprojekt beim Naturschutzbund. Noch wisse man sehr wenig über den Zustand der Moore. Eine systematische Erfassung fehlt.

Wer Moore trocken legt, schadet dem Klima

Das hat seinen Grund: Sie ist mitunter sehr schwierig. So führen etwa die für Moore so kennzeichnenden Orchideen mitunter in die Irre. „In Mitteleuropa kommen die meisten Orchideen in ‚gestörten‘ Mooren vor“, sagt der Nabu-Experte. „Als Flaggschiffe für den Moorschutz sind sie nicht so geeignet.“ Eines könne Kirschey aber schon heute sagen. Wenn die Degradierung aber so weitergehe wie bisher, werde irgendwann die gesamte Torfbasis „ausgezehrt sein und sich in die Atmosphäre verabschiedet haben“.

Wer Moore trocken legt, schadet dem Klima gleich doppelt, da sie sich hinterher leichter entzünden oder in Brand stecken lassen. In Indonesien startete deshalb nach den großen Moorbränden 2015, durch die 875 000 Hektar Moore in Flammen aufgegangen waren, erst ein staatliches Programm zur Erfassung der Moorflächen und dann zu ihrer Wiederherstellung.
Mittlerweile sind fast 13 Millionen Hektar in Indonesien als Moore identifiziert, weniger als die Hälfte davon ist noch von Primärwald bedeckt und etwas mehr als die Hälfte verfügt noch über einen intakten Torfkörper. Drei Millionen Hektar liegen in geschützten Gebieten. Das Moor „an sich“ gibt es also gar nicht.

Knapp 2,5 Millionen Hektar degradierten Moorlandes sollen in Indonesien wiederhergestellt werden. Das Problem: Auf rund 30 Prozent dieser Flächen befinden sich rund 1200 Orte.
Die Wiedervernässung hilft dem Klima nicht nur direkt, indem die CO2-Bilanz verbessert wird. Auch hilft sie, das lokale Klima zu kühlen. Nebenbei sinken Staubemissionen und Drainagekosten.

Den Moorschützern ist allerdings auch klar, dass sich nicht alle degradierten Moore rückverwandeln lassen, schließlich muss sich die Bevölkerung Indonesiens ernähren. Hunderttausende von Menschen, die heute auf trockengelegten Moorflächen vom Palmölanbau leben, wollen die Behörden nicht immer nur finanziell kompensieren, damit jene ihre Flächen aufgeben.

Das große Zauberwort heißt nun „Paludikultur“, eine Agrarwirtschaft auf nassen Mooren. Das ist ein so junger Landwirtschaftszweig, dass er weltweit nur auf wenigen hundert Hektar betrieben wird. Genutzt werden kann vor allem das Schilf, das in den Mooren wächst.

Franziska Tanneberger, Expertin am Moorzentrum Greifswald, hat auf den Klimagipfel in Bonn Proben von Pellets mitgebracht, die aus Moorschilf hergestellt wurden und sich als Biomasse verbrennen und in Energie verwandeln lassen. Das würde allerdings den Klima-Effekt vermindern, da die Moor-Biomasse nicht mehr luftdicht abgeschlossen bleibt. Genaue Berechnungen über den CO2-Effekt fehlen bislang.

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