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Kenia Kühe mit guten Manieren

Dank eines Projektes haben viele kenianische Kühe ihren europäischen Schwestern in Sachen Anstand einiges voraus: Sie furzen und rülpsen weniger. Das ist gut fürs Klima.

Kühe
Viele Kühe, viele Gase: Wangu Mutua hofft, dass sich ihr Projekt bald über den ganzen afrikanischen Kontinent ausbreitet. Foto: imago

So oft wie in Kitale ist das Wort „glücklich“ in Afrika nur selten zu hören. „Das Tier ist glücklich“, sagt Christina Musasia, während sie ihrer Kuh das Euter putzt: Und weil es ihrem Haustier gutgeht, ist auch die kenianische Kleinbäuerin glücklich. Statt ein bis zwei produzieren ihre Rinder inzwischen fünf Liter Milch pro Tag. Jetzt kann Christina Musasia ihre Familie mit ihren fünf Milchkühen ernähren. „Meine Kinder gehen zur Schule und lernen etwas“, sagt die Farmerin der BBC: „Und wenn ich mir ein neues Kleid kaufen will, dann mache ich das.“

Glücklich sind auch die Manager der Firmen Danone und Mars, deren Laster Tag für Tag die Region um Kitale im äußersten Westen Kenias durchkreuzen. Außer von Musasia sammeln sie hier Milch von fast 30.000 Kleinbauern ein, die ihnen eine verlässliche Belieferung ihrer Joghurt- und Schokoladenfirmen sichern. Schließlich machen Kitales Kühe sogar die ganze Welt ein wenig glücklicher, indem sie nur geringfügig zur Klimaerwärmung beitragen: Sie furzen und rülpsen wesentlich weniger als anderswo.

Der Beitrag der gefräßigen Wiederkäuer zur Klimakatastrophe wird oft unterschätzt. Eine Kuh produziert täglich genauso viel Treibhausgas wie ein durchschnittlich chauffiertes Automobil, wissen Experten – und zwar mit steigender Tendenz. Schon heute sollen die 1,5 Milliarden Rinder dieser Welt (mehr als alle anderen Wiederkäuer zusammengerechnet) jeweils zwischen 200 und 500 Liter Methangas am Tag an die Atmosphäre abgeben – und Methangas trägt wegen seiner Eigenschaften 23 Mal mehr zur Erwärmung der Luft als Kohlenwasserstoff bei.

Kühe verursachen fünf bis 15 Prozent der Triebhausgase

In den vergangenen 120 Jahren stieg der Methangehalt in der Erdatmosphäre um weit über 100 Prozent, wofür zumindest zu einem Drittel die Rinder verantwortlich gemacht werden: Manche Wissenschaftler schreiben den rülpsenden und furzenden Wiederkäuern bis zu 15 Prozent der gesamten Treibhausgase zu, andere sprechen von mindestens fünf Prozent. In Neuseeland sollen sogar 50 Prozent der für die Klimaerwärmung verantwortlichen Gase aus Kühen und dort vor allem auch aus Schafen kommen.

Um den Ausstoß der vierbeinigen Gasreaktoren zu vermindern, ließen sich Tüftler bereits die merkwürdigsten Erfindungen einfallen: So wurden Rindern Plastiksäcke auf den Rücken gepackt, die zumindest die nach hinten abgegebenen Methanausstöße auffangen sollten – diese machen allerdings nur zehn Prozent der Gasproduktion eines Rindviehs aus.

Andere experimentierten mit vollisolierten Ställen, in denen das abgegebene Methan aufgefangen wird: Doch die zeltartigen Behausungen sind für die Bauern zu teuer und für die Kühe unzumutbar, weil sie ihr Leben dann isoliert von der Natur verbringen müssen. Der einzige erfolgversprechende Weg zur Drosselung der schädlichen Gasproduktion setzt bei der Diät der Tiere an: Schon seit Jahren suchen Wissenschaftler den Bäuerchen und Windchen mit hochwertigem Futter oder der Beigabe von Knoblauch oder Seetang zum Futter zu begegnen.

Das Methan entsteht vor allem im Pansen, dem größten der Vormägen oder der „Gärkammer“ der Wiederkäuer. Dort zersetzen rund 400 verschiedene Mikroben-Arten die durchs Futter aufgenommene Zellulose: Das anfallende Gas wird vor allem nach vorne, zu einem kleineren Teil nach hinten aus dem Körper geleitet. Untersuchungen ergaben, dass der Methanausstoß größer wird, je gröber das aufgenommene Futter ist. In wärmeren Regionen der Welt, wie in Afrika, haben die aufgenommenen Pflanzen auch einen geringeren Nährwert. Deshalb müssen Kühe hier mehr essen und rülpsen auch mehr, womit sie nach Auffassung von Wissenschaftlern des Senckenberg-Forschungszentrums in Frankfurt am Main einen „Teufelskreis“ in Gang setzen.

Gutes Futter, glückliche Kühe

Das freigesetzte Methan heizt die Luft auf, was wiederum zu weniger nährstoffreichen Pflanzen führt. Die Klimaerwärmung und die weltweit wachsenden Tierbeständen könnten bis zum Jahr 2050 zu einem Methanausstoß führen, der das Erwärmungspotenzial von 4,7 Gigatonnen Kohlenstoff entspricht, fürchten die Frankfurter Experten – gegenüber heute ein Anstieg um mehr als 70 Prozent.

„Um glückliche Kühe zu bekommen, brauchen wir gutes Futter“, sagt Wangu Mutua. Die Mitarbeiterin der schwedischen Nichtregierungsorganisation „VI Agrarforestry“ berät Christine Musasia, wie sie ihre fünf Kühe am besten ernähren sollte. Jedenfalls sollten sie nicht, wie die meisten Rinder des Kontinents, durch die Gegend stromern, um hier und dort etwas Essbares zu finden. Denn das sind genau die nährstoffarmen Pflanzen, die Musasias Tiere zu viel essen und so auch zu viel furzen lassen. Mutua empfahl der Kleinbäuerin, hoch nahrhafte Gräser anzupflanzen. Die füttert sie ihren Kühen nun mit ungeahntem Erfolg: Nicht nur, dass sie weniger Gase von sich geben, sie geben auch die gut dreifache Menge an Milch. Das bedeutet wiederum, dass Christine Musasia dreimal weniger Kühe für denselben Verdienst braucht: Die Atmosphäre dankt es ihr. Doch damit noch lange nicht genug.

Wangu Mutua sorgt auch dafür, dass die Kleinfarmerin Kohlenstoffgutschriften aus einem Fonds der Weltbank bekommt: Schließlich belastet sie mit ihrer geringeren Zahl an Kühen die Umwelt weniger. In den Fonds zahlen unter anderem Mars und Danone ein, die auf diese Weise für ihren ökologischen Fußabdruck löhnen. Das Projekt der schwedischen Nichtregierungsorganisation bringt so lediglich Gewinner und keine Verlierer hervor: Kein Wunder, dass in Kitale alle so glücklich sind. Wangu Mutua hat nur noch einen bislang unerfüllten Wunsch: dass sich das Projekt bald über den ganzen afrikanischen Kontinent ausbreitet.

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