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Gezeitenkraftwerke Strom aus der Strömung

Das Gewinnen von Energie aus den Gezeiten gilt als besonders berechenbar. Doch es gibt auch Probleme.

Wissen-Turbinen
Die Gezeitenturbine ist an einer schwimmenden Anlage befestigt, in der Strom erzeugt wird. Foto: scrotenewables

Die Idee, die Kraft der Gezeiten zur Energiegewinnung zu nutzen, ist nicht ganz neu. Schon in den 1960er Jahren entstand in der Bretagne das erste Gezeitenkraftwerk der Welt. Die „Usine marémotrice de la Rance“, ein riesiger Damm an der Mündung des Flusses Rance, gewinnt Energie aus den Gezeiten des Atlantiks. Das Kraftwerk hat eine Leistung von 240 Megawatt und speiste im Jahr 1967 zum ersten Mal Strom ins französische Netz ein.

Gezeiten- und Strömungsenergie hat den Vorteil, dass sie im Vergleich zu Sonne und Wind gut vorhersagbar ist und gleichmäßig Strom liefern kann. Energieforscher schätzen das weltweite Potenzial für Meeresenergie insgesamt auf etwa 1500 Terawattstunden im Jahr. Etwa zehn Prozent davon entfallen auf Europa – damit ließe sich rein rechnerisch etwa ein Viertel des deutschen Strombedarfs decken.

Allerdings haben Dämme wie der in Frankreich große Nachteile. Denn dadurch, dass das Kraftwerk die Strömung verringert, verschlammen der Fluss Rance und seine Mündung zunehmend. Außerdem kommen bestimmte Fischarten auf der „Landseite“ des Damms nicht mehr vor.

Doch es gibt noch andere Möglichkeiten, dem Wasser Energie zu entlocken. Eine davon verfolgt die Firma Scotrenewables in Schottland. Sie hat im vergangenen Jahr erfolgreich eine neuartige Gezeitenturbine getestet. Die Turbine ist an einer schwimmenden Anlage befestigt, in der der Strom erzeugt wird. Nach Angaben der Betreiberfirma verfügt das Kraftwerk mit einer Leistung von zwei Megawatt über die weltweit leistungsstärkste Gezeitenturbine und hat in seinem ersten Jahr über 3000 Megawattstunden Strom produziert.

Das sei mehr, als die gesamten Wellen- und Gezeitenkraftwerke Schottlands in den zwölf Jahren vor der Fertigstellung des neuen Systems im Jahr 2016 ins Netz lieferten, erklärt das Unternehmen.

Die schwimmende Turbine wurde vor der Küste der Orkney-Inseln vom dortigen European Marine Energy Centre getestet. Die Turbine könne 830 Haushalte versorgen und habe zeitweise ein Viertel des auf Orkney benötigten Stroms hergestellt, heißt es von Scotrenewables. Das Unternehmen spricht von einem Rekord.

Dass die Turbine auch über den Winter gut für Wartungsarbeiten zu erreichen war, gab aus Sicht der Betreiber den Ausschlag dafür, dass sie auf diesem Level Strom erzeugen konnte. „Weil wir kostengünstige Schiffe einsetzen konnten, ließen sich die Betriebskosten und Ausfälle gering halten“, sagte Andrew Scott, Geschäftsführer von Scotrenewables.

Das bisher größte Kraftwerk für Gezeitenturbinen

„Auch wenn das System erst in der Testphase ist und es unsere erste Turbine im großen Maßstab ist, hat dieses erste Testjahr gezeigt, dass es eine Leistung auf dem Niveau von ausgereiften Erneuerbaren-Technologien bringt“, so Scott weiter.

Sein Team sei überzeugt, dass das neue System zusammen mit den 8000 Megawattstunden, die im vergangenen Jahr vom ebenfalls schottischen Projekt Meygen erzeugt wurden, die Marktfähigkeit der Gezeitenkraft beweise.

Das Meygen-Projekt ist vermutlich das bisher größte im Bau befindliche Kraftwerk mit Gezeitenturbinen. Es liegt vor der Nordküste Schottlands im Pentland Firth, der Meerenge zwischen dem schottischen Festland und Orkney.

Der Pentland Firth wird aufgrund der Geschwindigkeit, mit der ihn das Meerwasser durchströmt, auch als „Saudi-Arabien der Gezeitenkraft“ bezeichnet. Das Projekt soll einmal eine Gesamtleistung von 398 Megawatt haben. Bisher sind vier 1,5-Megawatt-Turbinen installiert und am Netz.

Allerdings können die starken Meeresströmungen, die die Turbinen antreiben, auch zum Problem werden. So ging der irische Meeresturbinenentwickler Open Hydro in diesem Monat pleite, nachdem bei einer Turbine vor Kanada Wasser in das Umspann- und Kontrollzentrum eingedrungen war und sich eine Bergung als schwierig herausstellte.

Turbinen haben andererseits den Vorteil, dass sie die Ökosysteme nicht so stark durcheinanderbringen wie die Betonmauer in Frankreich. So begrüßen auch die Naturschützer vom WWF die Fortschritte mit der Technologie. „Bei der Umstellung zu einem komplett erneuerbaren System ist es wirklich wichtig, dass wir viele verschiedene Stromquellen haben“, kommentiert Gina Hanrahan vom schottischen WWF-Büro den erfolgreichen Turbinentest gegenüber der Frankfurter Rundschau.

„Wir hatten in den letzten Jahren ein enormes Wachstum bei Windkraft an Land und auf See“, sagt Hanrahan. „Es ist großartig zu sehen, wie neue Gezeitentechnologien jetzt neue Rekorde aufstellen.“ Um negative Auswirkungen auf die Natur zu vermeiden, sollte laut WWF bei der Auswahl neuer Standorte für Meeresenergie auf empfindliche Gebiete und bedrohte Arten geachtet werden.

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