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Erderwärmung Wie der Klimawandel das Land verändert

Eine Studie im Auftrag der Grünen im Bundestag zeigt, was auf Deutschland zukommt: Bayerns Skigebiete könnten verschwinden,Waldbrände und Stürme zunehmen.

Die Hochwassergefahr an Rhein, Donau, Elbe und kleineren Flüssen insbesondere in Süddeutschland könnte stark ansteigen. Foto: Monika Müller

Was die Tagestemperaturen betrifft, dürfte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag ganz wie zu Hause gefühlt haben. 31 Grad zeigte das Thermometer in Brasilia während des eintägigen Besuchs der deutschen Regierungsdelegation an – und damit auch nicht mehr als in den brütend heißen deutschen Sommerwochen. Dass in mitteleuropäischen Breiten mittlerweile immer häufiger ähnliche Wetterbedingungen herrschen wie in tropischen Zonen, hängt mit einem der zentralen Themen der Visite zusammen: mit der globalen Erwärmung.

Laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) war das vergangene das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Die Klimaveränderung hin zu höheren Temperaturen ist zumindest für die kommenden 100 Jahre unumkehrbar“, heißt es in einer aktuellen Studie des DWD für das Umweltbundesamt (UBA).

Für Deutschlands Bevölkerung und Wirtschaft hat die Erwärmung tiefgreifende Konsequenzen, wie eine Untersuchung der Klimaexpertin Stefanie Groll im Auftrag der Grünen im Bundestag zeigt. Dabei geht die Wissenschaftlerin auf Basis meteorologischer Studien bis 2050 von regional unterschiedlichen Temperaturanstiegen zwischen 1,5 und 3,7 Grad aus. Unter der zunehmenden Sommerhitze werden laut Groll insbesondere Menschen in städtischen Räumen leiden. In Großstädten wie Köln, Frankfurt oder Stuttgart lägen die Temperaturen ohnehin um bis zu zehn Grad über denen des Umlandes. Die urbanen Brutöfen hätten bereits in den vergangenen Jahren zu deutlich mehr Hitzetoten geführt.

Auch die Wirtschaft bekommt den Klimawandel zu spüren. Laut Groll wird die Hochwassergefahr an Rhein, Donau, Elbe und kleineren Flüssen insbesondere in Süddeutschland stark ansteigen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn nennt gestiegene Versicherungsprämien, die Landwirte in Nordrhein-Westfalen wegen der zunehmenden Ernteschäden durch Unwetter zahlen müssen. Auch der Hopfenanbau in Nordbayern, der ein Drittel des weltweiten Bedarfs abdeckt, werde durch die Zunahme gravierender Hagelschäden auf Dauer in Frage gestellt. Die Zahl schwerer Schäden hat Groll zufolge seit 2010 gegenüber dem langfristigen Mittel um 500 Prozent zugenommen. Tendenz: weiter steigend.

Umgekehrt werden Schneefälle nach Ansicht von Experten zur Seltenheit, jedenfalls in den westdeutschen Mittelgebirgen. Sogar in den deutschen Alpen werde Wintersport, von wenigen Ausnahmen wie der Zugspitzregion abgesehen, kaum mehr möglich sein. Die OECD hat prognostiziert, dass die Zahl der bislang als schneesicher geltenden Regionen von 27 auf fünf zurückgehen wird, wenn die Temperatur in den Alpen um zwei Grad ansteigt. „Das Verschwinden quasi sämtlicher Skigebiete in den bayerischen Alpen in den nächsten 50 Jahren gilt als realistische Aussicht“, bilanziert Groll.

Insbesondere in Ostdeutschland wächst zudem das Risiko von Waldbränden. In Brandenburg fielen in diesem Jahr bereits mehr Bäume den Flammen zum Opfer als 2013 und 2014 zusammengenommen. In Thüringen wird sich die Zahl der Tage mit hoher Waldbrandgefahr bis Mitte des Jahrhunderts der Studie zufolge verdreifachen.

Zudem dürften sich Schädlinge wie Eichenwickler, Nonnenspinner und Borkenkäfer ausbreiten und die Widerstandskraft der Bäume gegen Orkane schwächen. Dabei geht das Thüringer Landesministerium für Landwirtschaft davon aus, dass sich die Zahl schwerer Stürme bis 2100 fast verdoppeln wird. Die wirtschaftlichen Schäden sind schon jetzt beträchtlich. So vernichtete der Orkan Kyrill im Januar 2007 allein in Thüringen 6300 Hektar Wald; 2,4 Millionen Festmeter Holz gingen zu Bruch, der forstwirtschaftliche Schaden belief sich auf fast 100 Millionen Euro.

Mit Schadensangaben für die Zukunft hält sich Groll in ihrer Studie bewusst zurück, da sie auch möglicherweise gewinnbringende Folgen des Klimawandels in ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt hat. Schließlich könnten schwindenden Wintersporteinnahmen steigende Besucherzahlen an Nord- und Ostsee und bessere Erträge der Winzer gegenüberstehen.

Schätzungen gibt es gleichwohl: Der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission geht allein von 122 Milliarden Euro aus, die bei einem Temperaturanstieg um 3,5 Grad bis zum Ende des Jahrhundert in der europäischen Gesundheitsversorgung anfielen. Den Gesamtschaden für die deutsche Volkswirtschaft bis 2050 bezifferte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2007 auf 800 Milliarden Euro.

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