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Erderwärmung Unverzeihliche Lücke in der EU-Klimastrategie

Die Erderwärmung muss auf 1,5 Grad begrenzt werden. Doch die schnellste und preiswerteste Methode – die Wiederherstellung der Wälder in den gemäßigten und nördlichen Breiten – geht in der Euphorie über neue Techniken fast unter.

Schnee im Bayerischen Wald
Mit dem Erhalt und dem Wiederaufforsten von Wäldern könnte man viel erreichen. Foto: dpa

Vermeiden, vermeiden, vermeiden – das stehe ganz vorn an. Christoph Beuttler von der Schweizer Firma Climeworks, die in Island das erste große „Direct Air Capture“-Projekt zum Laufen gebracht hat, suchte nach Kräften die Zweifel zu zerstreuen, er habe gar kein großes Interesse an einer radikalen CO2-Einsparung.

„Direct Air Capture“ ist eine Technologie, bei der das CO2 direkt aus der Luft herausgefiltert und dann unter der Erde gespeichert wird. Dabei entstehen „negative Emissionen“. Solche Technologien haben zurzeit Auftrieb, weil das Einsparen von Treibhausgasen weltweit nicht vorankommt. Dabei darf der CO2-Gehalt der Atmosphäre nur noch wenig steigen, das hat kürzlich der Sonderbericht des Weltklimarates zum 1,5-Grad-Ziel in bisher ungekannter Dramatik klargemacht. 

Beuttler und sieben weitere Experten äußerten sich beim Klimagipfel in Kattowitz in einer groß aufgezogenen Veranstaltung der EU unter dem offensiven Titel „Negativ-Emissions-Technologien entmystifizieren“. Tatsächlich scheint die EU-Kommission nun entschlossen, mit der verbreiteten Skepsis gegenüber diesen Technologien aufzuräumen.

Preiswerteste und schnellste Methode geht fast unter

Schade nur, dass bei dem Event in Kattowitz die schnellste und preiswerteste Methode – die Wiederherstellung der Wälder in den gemäßigten und nördlichen Breiten – in der Euphorie über die vielen neuen Techniken fast unterging. Für Kelsey Perlman von der Umweltorganisation Fern ist die sogenannte „Ecosystem Restoration“ sogar eine unverzeihliche Lücke in der EU-Klimastrategie.

Perlman unterscheidet dabei klar zwischen der Wiederherstellung von CO2 speichernden Ökosystemen und einer „Turbo-Wiederaufforstung“ mit schnell wachsenden Hölzern, um diese zur Energiegewinnung zu verbrennen und das frei werdende CO2 in den Untergrund zu verpressen. Denn die Möglichkeiten dieser unter der Abkürzung BECCS schon recht bekannten Technologie seien begrenzt. Extreme globale Szenarien für negative Emissionen wollten für BECCS eine Landfläche von der Größe Chinas reservieren, kritisierte Perlman. Andere kämen mit der Ökosystem-Renaturierung aus.

Nach Berechnungen von Fern könnte damit weltweit ein Drittel der heutigen jährlichen CO2-Emissionen aus der Atmosphäre geholt werden. Dazu kommen positive Effekte für das lokale Klima und die Biodiversität – die sich aber kaum monetarisieren lassen und als Geschäft weniger interessant sind.

Ob Stangenforste oder naturnahe Wälder: Gegenüber der limitierten Oberfläche des Planeten bieten die geologischen Untergründe scheinbar ganz andere Möglichkeiten. Auf der EU-Veranstaltung präsentierten sich mehrere CCS-Projekte, die schon damit begonnen haben, das CO2 in tiefe Salzlager oder unter den Nordseeboden zu verpressen. 

Wiederherstellung natürlicher Wälder kostet wenig

Die versprochenen Zahlen sind dabei aber deutlich bescheidener als bei „Direct Air Capture“, das ohne den Einsatz von Biomasse auskommt. Die Technologie soll nach den Worten von Climeworks-Manager Beuttler bis zu einem Siebtel der heutigen Emissionen beseitigen können, allerdings erst weit nach 2050.

Schon 2030 sollen aber die Kosten Beuttler zufolge auf 100 Euro je Tonne „entsorgtes“ CO2 sinken. Steigt dann der CO2-Preis aus politischen Gründen oder aufgrund von Knappheit in ähnliche Regionen, kann Climeworks offenbar langsam an schwarze Zahlen denken.

Ob das alles so eintrifft, weiß natürlich niemand. Klar ist nur, dass es bei der von Perlman vorgeschlagenen Wiederherstellung natürlicher Wälder nur fünf bis 50 US-Dollar kostet, eine Tonne CO2 zu entsorgen. Man braucht eben nur Sonnenlicht für die Photosynthese – und keine aufwendigen technischen Einrichtungen, die auch selbst wieder jede Menge Energie schlucken.

Die Verfechter industrieller CCS-Technologien ficht das nicht an – im Gegenteil. Für sie zeichnen sich am Jahrhunderthorizont ganz neue Geschäftsmodelle ab. Allein von ihren Visionen können die CCS-Firmen aber nicht leben. Um ihre Konzepte technisch und politisch auf den Weg zu bringen, kämpfen sie nicht nur um Akzeptanz im CCS-kritischen Europa, sondern auch um einen ordentlichen Teil vom Subventionskuchen.

Hinzu kommt: Wenn ein unterirdisches Lager für die eine Technologie genutzt wird, fällt es für die andere aus. So kämpft die aufstrebende Branche nicht nur gemeinsam gegen das handgreifliche Misstrauen, sondern auch untereinander um sich schon jetzt verknappende geologische Ressourcen im Untergrund.

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