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Energiewende Klimaschutz unter der Erde

In der Schweiz und in Island erzeugen Firmen mit neuer Technik erstmals negative Emissionen.

Klimawandel
Pioniere: Die Firma Climeworks baut Anlagen, die Kohlendioxid aus der Luft saugen. Foto: Climeworks / Zev Starr-Tambor

Am Dienstag wurde im weltweiten Klimaschutz eine Zeitenwende eingeläutet: Auf einer Hochebene im Südwesten Islands hat ein Unternehmen erstmals mit Hilfe einer technischen Lösung sogenannte negative Emissionen erzeugt. Außerhalb von Laboren. Das heißt: das Klimagas CO2 aus der Luft gefischt und unter die Erde verpresst. Bislang drehte sich in den Klimaverhandlungen alles darum, dass die Staaten immer weniger CO2 ausstoßen, indem sie ihre Energieversorgung von fossilen Quellen auf Sonne, Wind und Co umstellen. Doch laut dem aktuellen Weltklimabericht lässt sich allein mit CO2-Vermeidung die Erderwärmung weder auf 1,5 Grad noch auf zwei Grad begrenzen. Zumindest in den allermeisten Szenarien geht es nicht mehr ohne negative Emissionen.

Der theoretische Diskurs ist seit Dienstag nun in die Praxis übergegangen. Und zwar mit der Fusion zweier Pionierprojekte aus Island und der Schweiz. Zunächst die Schweiz: Die Firma Climeworks baut Anlagen, die Kohlendioxid aus der Luft saugen – und sich in Modulform beliebig hochskalieren lassen. Die CO2-Filter funktionieren wie umgedrehte Ventilatoren: Ein Gebläse saugt die Umgebungsluft an und presst sie durch einen Filter aus Zellulose. Wie ein Schwamm. Der ist beschichtet mit einer aminhaltigen Flüssigkeit, die das Kohlendioxid in Form von Salzen bindet. Sensoren zeigen an, wenn der Filter voll ist. Durch Erwärmung auf 100 Grad löst sich das CO2 vom Filter und lässt sich absaugen.

Wer zahlt dafür, dass CO2 aus der Atmosphäre eliminiert wird?

In der Schweiz wurde das CO2 über Schläuche in ein Gewächshaus geleitet. Dessen Betreiber zahlt für das Gas, damit die Tomaten, Gurken und Peperoni dort besser wachsen. Die Abwärme liefert eine Müllverbrennungsanlage. Damit haben die Schweizer gezeigt, dass ihre Idee funktioniert – allerdings wurde damit noch kein CO2 aus der Atmosphäre getilgt. Das passiert jetzt mit Hilfe der Isländer.

Die verfrachten im Rahmen des EU-geförderten Projekts „Carbfix2“ das CO2 in den Untergrund – CCS (Carbon Capture and Storage) nennt sich das umstrittene Verfahren. Umstritten auch deshalb, weil nicht klar ist, ob das Gas tatsächlich im Untergrund bleibt und nicht auf irgendwelchen Wegen wieder an die Oberfläche gelangt. Lange wurde angenommen, dass es Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren dauert, bis sich CO2 in porösem Gestein mineralisiert. Auf Island – so fanden Forscher vergangenes Jahr heraus – dauert es nicht mal zwei Jahre.

Forscher um Juerg Matter von der Universität Southampton setzten CO2 aus dem Geothermie-Kraftwerk Hellisheidi Wasser zu und pumpten 250 Tonnen Kohlensäure und Schwefelwasserstoff 700 Meter in den Untergrund, wo es zwischen 25 und 33 Grad Celsius warm ist. Das dortige Basaltgestein ist reich an Magnesium, Kalzium und Eisen. Und es kann in Kontakt mit CO2 Karbonate ausbilden. Mithilfe einer Markierungssubstanz untersuchten die Forscher, wie sich die Zusammensetzung des Klimagases änderte. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass zwischen 95 und 98 Prozent des eingebrachten Kohlendioxids mineralisiert wurde“, sagt Matter.

Bislang wurden nur kleine Mengen an CO2 mineralisiert. Mit Climeworks soll sich das nun ändern. „Das ist das erste Mal, dass CO2-Filterung aus der Luft und unterirdische Speicherung kombiniert und negative Emissionen erzeugt werden“, sagt Jan Wurzbacher, einer der beiden Chefs der Schweizer Firma.

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