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Doggerbank Neue Insel für die Nordsee

Ein künstliches Eiland soll als Basis für einen riesigen Offshore-Park dienen. Mit 90 bis 100 Gigawatt hätte Neu-Doggerland soviel Kraftwerkskapazität wie Großbritannien.

Sylt
Irgendwann wird der Platz knapp: In den küstennahen Gebieten der Nordsee gibt es viele Windparks wie hier nahe Sylt. Foto: rtr

Doggerland ist das Atlantis Nordeuropas – ein untergegangenes Paradies. Die Landbrücke zwischen Kontinentaleuropa und den britischen Inseln war die Heimat von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, bis vor 7500 Jahren der letzte Teil von Doggerland in Folge eines Tsunamis unterging. Geblieben ist eine Untiefe in der Nordsee, die Doggerbank, wo Fischer gelegentlich steinzeitliche Artefakte in ihren Netzen finden. Nun könnte Doggerland aber wiederauferstehen: Der holländisch-deutsche Netzbetreiber Tennet und sein dänisches Pendant Energinet planen auf der Doggerbank eine oder sogar mehrere künstliche Inseln zu bauen. Diese sollen als Basis für einen gigantischen Windpark dienen. Torben Nielsen von Energinet erklärt die Logik hinter dem Projekt: „Vielleicht klingt es ein bisschen verrückt und wie Science Fiction, aber eine Insel auf Doggerbank könnte die Windkraft der Zukunft viel billiger machen.“

Die geplante Insel ist sechs Quadratkilometer groß und rund. Vorgesehen sind ein eigener Hafen, ein Flugplatz und Unterkünfte für bis zu 2000 Mitarbeiter. Um die Insel herum soll dann ein Offshore-Windpark entstehen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat: Mit 90 bis 100 Gigawatt hätte Neu-Doggerland soviel Kraftwerkskapazität wie Großbritannien. Mel Kroon, der Chef von Tennet, sagte denn auch: „Dieses Projekt kann zu einer komplett erneuerbaren Stromproduktion in Nordwesteuropa beitragen.“ In einem ersten Schritt haben Tennet und Energinet Ende März ein Konsortium gegründet, das weiteren Interessenten offen steht: „Das Ziel ist eine solide Koalition von Firmen zu bauen, das die europäische Energiewende möglich und bezahlbar macht“, sagte Kroon. Das Konsortium wird nun die Machbarkeit genauer abklären. Mit dem Baubeginn von Neu-Doggerland ist aber nicht kurzfristig zu rechnen. Erst sollen alle küstennahen Seegebiete für Offshore-Wind genutzt werden. „Aber wenn alle küstennahen Gebiete voll sind, dann brauchen wir Platz weit von den Küsten entfernt“, sagt Jeroen Brouwers, ein Tennet-Sprecher. Dies dürfte aber nicht vor den 30er Jahren dieses Jahrhunderts der Fall sein.

Der Bau einer Insel auf Doggerbank bringt diverse Vorteile. Doggerbank hat gute Windverhältnisse, ist zentral gelegen und das Wasser ist dort nur 15 bis 36 Meter tief und damit rund 20 Meter flacher als in der umliegenden Nordsee. Platz ist auch da: Die Doggerbank hat eine Fläche von knapp 18 000 Quadratkilometern. Die geplante Insel soll als Logistikumschlagplatz für den Bau des Windparks dienen. Mitarbeiter, Baumaterial und Werkstätten lägen inmitten des Windparks, was die ansonsten komplizierte Hochseelogistik vereinfacht. Dank der Insel wäre der Windpark ‚küstennah‘. Die Insel soll aber auch als Umschlagplatz für Strom dienen. Windräder produzieren Wechselstrom, der auf der Insel in Gleichstrom umgewandelt werden soll. Letzterer kann verlustarm über große Distanzen transportiert werden. Die Insel soll denn auch mittels Unterseekabeln an die Stromnetze von Deutschland, England, Holland, Belgien, Dänemark und Norwegen angebunden werden. „Die Insel dient als Spinne in einem Nordseenetz von Offshore-Windparks und internationalen Stromleitungen.“, erklärt Tennet in der Projektskizze. Dank dieser Verbindungen ließen sich etwa die norwegischen Pumpspeicherkraftwerke als Batterie für ganz Nordwesteuropa nutzen.

Die größte Sorge ist der Artenschutz. „Die Doggerbank ist sehr artenreich“, sagt der Meeresbiologe Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). „Weite Teile der Doggerbank sind daher als europäisches Naturerbe, als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet, ausgewiesen. Insbesondere die dort heimischen Schweins- und Zwergwale sind streng geschützt.“ Die Projektidee sei daher „überraschend“ und Ausdruck einer „rein wirtschaftlich-technischen Betrachtung“. Zumindest für den deutschen Teil von Doggerbank hält Detloff daher den Bau einer Insel und eines Windparks für „unrealistisch“. Doch nur ein kleiner Teil der Doggerbank liegt in deutschen Gewässern. Vier Länder teilen sich die Untiefe. Neben Deutschland sind das die Niederlande, Dänemark und für weit über die Hälfte Großbritannien. Dänemark hat die Doggerbank nicht als Naturerbe ausgewiesen und Großbritannien hat sich eine Hintertür offen gehalten: Dort ist der Schweinswal nicht explizit unter Schutz gestellt. Großbritannien hat denn auch schon den Bau von vier Windparks (ohne Insel) auf der Doggerbank genehmigt. Zusammen werden die Parks 800 Windräder mit einer Kapazität von 4,8 Gigawatt haben. Der deutsche Energiekonzern Innogy ist an dem Projekt beteiligt.

Ganz billig wird Neu-Doggerland außerdem nicht: Der Bau der Insel allein koste rund 1,5 Milliarden Euro, schätzt Tennet. Dazu kommen die Bauten, der Flugplatz und natürlich die Umspannwerke, unter anderem. Dafür fallen die Kosten für Offshore-Wind rapide: Letztes Jahr folgte ein Niedrigpreisrekord auf den nächsten: Im Juli gewann der dänische Stromkonzern Dong eine Auktion für Offshore-Wind mit einem Preis von 72,50 Euro pro Megawattstunde (MWh). Im September bot dann der schwedische Stromkonzern Vattenfall 60 Euro pro MWh und im November sogar nur noch 49,90 Euro pro MWh. Vor sechs Monaten galt das noch als Sensation.

Bei der ersten deutschen Auktion für Offshore-Wind im April wurde dann aber ein neuer Rekord gesetzt: Null Euro. Die Energiekonzerne EnBW und Dong verzichteten ganz auf eine garantierte Einspeisevergütung. Spätestens damit sei Offshore-Wind konkurrenzfähig mit Kohlekraftwerken, sagte Henrik Poulsen, der Chef von Dong: „Wenn man ausreichend Platz hat und die richtige Windgeschwindigkeit, dann kann man Offshore-Wind mindestens zum gleichen Preis bauen, wie ein neues Kohlekraftwerk.“ Diese Bedingungen erfüllt Doggerland: Platz ist da und Wind auch. Jetzt fehlt nur noch eine Insel.

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