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Club of Rome Wir sind dran

Vor fünfundvierzig Jahren rüttelte ein Bericht des Thinktanks „Club of Rome“ die Welt wach. Jetzt legen die Autoren mit einem neuen Buch nach. Und warnen: Es droht der Systemkollaps.

Ägypten
Zunehmende Dürren – hier in Ägypten nahe des Nils – sind auch eine Folge des Klimawandels. Foto: rtr

Die Grenzen des Wachstums“ erschienen 1972, kurz vor der ersten Ölkrise. Bis heute gibt es keine einflussreichere wissenschaftliche Studie. Der erste große Bericht des Thinktanks „Club of Rome“ (COR) veränderte damals schlagartig weltweit das öffentliche Bewusstsein. Die Prognose der Wissenschaftler rüttelte Bürger, Politiker und Industrie auf: Fortschreitende Industrialisierung, zunehmende Ausbeutung von Rohstoffen, Zerstörung von Lebensräumen, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit und Bevölkerungswachstum würden bei Fortschreibung der Trends im Laufe des nächsten Jahrhunderts unweigerlich zum Kollaps der globalen Systeme führen. Der Report wurde in 30 Sprachen übersetzt, Gesamtauflage über 30 Millionen.

Das Buch war aber gleichzeitig ein politischer Appell. Denn es zeigte auch auf, dass es durchaus möglich sei, durch Maßnahmen wie effizientere Technologie, Umweltschutz, Rohstoff-Recycling und Stopp des Bevölkerungswachstum ein stabiles Welt-System zu etablieren. Ziel war ein Gleichgewichtszustand, der einen „guten materiellen Lebensstandard“ ermöglicht.

Nun aber sagte der Club: „Wir sind dran“. Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des Thinktanks, der sich für eine nachhaltige und sozial gerechte Entwicklung einsetzt, und 45 Jahre nach dem Erscheinen des „Grenzen“-Reports liegt ein neuer COR-Bericht vor, verfasst von die 35 Autoren um die beiden Club-Präsidenten Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman (Gütersloher Verlagshaus, 24,99 Euro) Weizsäcker ist einer der renommiertesten deutschen Umweltforscher, Wijkman ein schwedischer Umweltpolitiker. Sie ziehen eine Bilanz des halben Jahrhunderts, das wie keines vorher unter dem ökonomischen Wachstums-Paradigma stand, und sie versuchen erneut, die Auswege aufzuzeigen.

Der Titel des 400-Seiten-Buchs hat daher, wie der „Grenzen“-Bericht, zwei Bedeutungen – als Analyse und Appell. „Wir sind dran“ meint einerseits: Die Grundaussage von 1972 ist weiter richtig. Zwar haben sich einige ökologisch günstige Formen des Wachstums entwickelt, etwa der Boom von Windkraft und Solarenergie. Doch das gefährliche Wachstum geht kaum gebremst weiter. Und es sind Gefahren hinzugekommen, die der Club of Rome damals noch gar nicht auf dem Schirm hatte, die die globale Krise noch verschärfen. Die Stichwörter lauten : Klimawandel, Vernichtung fruchtbarer Böden, Schwund der Artenvielfalt.

Die jährlichen CO2-Emissionen haben sich allein in den letzten 25 Jahren verdoppelt, der Biodiversitätsindex ist um über 50 Prozent gesunken und der „ökologische Fußabdruck“ ist  so groß geworden, dass eigentlich 1,6 Planeten nötig wären, um den täglichen Verbrauch zu decken. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt laut der Diagnose der Experten bereits heute in unterschiedlichen Notlagen, darunter Hunger, Kriegsbedingungen, regelmäßig auftretende Dürren und Überflutungen.

Die Analyse der multiplen Welt-Krisen im ersten Teil des Buches ist schonungslos. Zwar wurden neue Rohstoffvorkommen gefunden, neue Fördertechniken (wie Fracking beim Erdöl) und effizientere Technologien eingesetzt, so dass bisher echte Knappheiten noch weitgehend vermieden wurden. Doch der ökologische GAU spitzt sich zu, während die Gesellschaften in Nord und Süd zunehmend desintegrieren. „Politisch haben wir eine Krise der Demokratie, der Ideologien und des Kapitalismus. Sozial geht es um bittere Armut und hoffnungslose Arbeitslosigkeit. Milliarden Menschen haben das Zutrauen in ihre Regierungen verloren“, schreiben Weizsäcker und Co. Trump und AfD lassen grüßen.

Um so schneller müsse gehandelt werden, meint der Club of Rome: „Es eilt sehr. Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr.“ Im zweiten Teil des Buches postulieren die Autoren: Es sei nichts weniger als eine „neue Aufklärung“ notwendig, um die Kurskorrektur hinzubekommen. An den Errungenschaften der ersten Aufklärung, im Sinne von Descartes bis Kant, wollen sie durchaus festhalten. „Die Entdeckung der menschlichen Werte des Individualismus, des Privateigentums, des Schutzes gegen staatliches Eindringen gehört zu den wertvollsten Errungenschaften der europäischen Aufklärung. Aber heute sehen wir die öffentlichen Güter stärker gefährdet als Privatgüter.“

Notwendig sei die neue Aufklärung unter anderem, weil die alte im 17. und 18. Jahrhundert für eine „leere“ Welt konzipiert wurde, als die Weltbevölkerung etwa ein Milliarde betrug und weitgehend intakte Ökosysteme deren Einfluss noch abpuffern konnten. Heute brauche es eine Ethik für die „volle Welt“ mit sieben mal so vielen Menschen, meinen die Autoren, die das „extreme, von der ungezügelten Marktwirtschaft geprägte Denken“, ablöst. Diese identifizieren sie als „Wurzel des Schadens, den die Menschheit dem Planeten zufügt“ – durch Phänomene wie Bereicherungsgier, fehlgeleitete Globalisierung, deregulierte Finanzsysteme.

Der Club schlägt vor, die Basis für neue „Balancen“ zu erarbeiten – zwischen Mensch und Natur, Geschwindigkeit und Stabilität, Gleichheit und Leistungsanreiz. Sie empfehlen, durchaus auch Anleihen bei Naturvölkern, zum Beispiel den Hopi-Indianer zu nehmen, deren Kultur 3000 Jahre lang stabil und nachhaltig war, oder bei asiatischen Traditionen.

Sehr konkret wird es im letzten Teil des Buches, dem mit 200 Seiten voluminösesten. „Wir sind dran“ soll ja auch heißen: Die jetzt lebenden Generationen sind die letzten, die es noch in der Hand haben, die falschen Strukturen von Energieversorgung, Landwirtschaft, Wohnen und Verkehr für 7,5 Milliarden Menschen global so umzubauen, dass sie die ökologischen Grenzen nicht irreversibel sprengen.

Und hier wagt der Thinktank ein positive Sicht: Die finanziellen Voraussetzungen dafür seien heute besser denn je. In der Welt habe sich ein „solcher Reichtum eingestellt, dass man unter Nutzung von Wissenschaft und Technik all die Veränderungen durchführen können sollte, von denen die Autoren von ,Grenzen des Wachstums‘ die Schaffung einer auch ökologisch nachhaltigen Welt erwarteten.“

Die Autoren breiten eine Fülle von Beispielen und Konzepten aus, in denen ein vernünftiges Wirtschaften innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten konzipiert oder bereits umgesetzt wird. Es geht von Chinas 13. Fünfjahresplan, der auf die Dekarbonisierung der Wirtschaft und Öko-Energien zielt, über Indices für eine neue Wohlstandsmessung wie den „Gross National Happiness Index“ aus Bhutan bis zu eine Vielzahl von Grassroots-Projekten wie der „Kaffeechemie“, bei der essbare Pilze auf der Abfall-Biomasse aus der Kaffeeproduktion wachsen und so die Ernährung in den Anbauländern verbessern. Damit schafft das Buch es immerhin, etwas Hoffnung zu erzeugen. Nämlich, dass wir jetzt zwar dran sind, also an der Reihe, das Richtige zu tun, aber dann am Ende nicht „dran“ sein werden.

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