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Klimawandel Die Wahrheit über Fehler des Klimarats

Forscher warnen vor den Folgen des Klimawandels - und Kritiker versuchen sie zu desavouieren. Der jüngste Erfolg der Skeptiker: eine Kampagne, die den UN-Klimarat in Verruf bringen sollte. Die FR untersucht die Vorwürfe.

30.04.2010 22:04
Foto: Benjamin Wenz

Afrika

Vorwurf: Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) hat eine Studie unzulässig verallgemeinert und auch in der Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger behauptet, aufgrund des Klimawandels könnten die Ernten in Afrika um bis zu 50 Prozent zurückgehen. Zudem sei die Quelle zweifelhaft, da sie nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurde.

Grundlage: Ein Artikel, der am 8. Februar in der FR erschien, bezieht sich auf den britischen Blogger Richard North und die Sunday Times. Dort taucht der Vorwurf der Verallgemeinerung aber gar nicht auf, in der Überschrift des FR-Artikels aber schon.

Substanz: Die Verallgemeinerung lässt sich im IPCC-Report an keiner Stelle finden. Dort ist stets von "einigen Ländern" in Afrika die Rede - sowohl in der Zusammenfassung als auch im Hauptteil. Der Report bezieht sich dabei auf ein Papier von Ali Agoumi, der darin die Ergebnisse mehrerer Studien im Auftrag der Regierungen von Marokko, Tunesien und Algerien zusammenfasst.

Das steht im Einklang mit den IPCC-Richtlinien zur Frage, welche Literatur für den Bericht verwendet werden darf. Die Autoren des Klimaberichts dürfen danach auch auf Studien von Behörden zurückgreifen. Vor allem dann, wenn die Informationen nicht in Fachartikeln zu finden sind. Da der Report die Auswirkungen des Klimawandels auf alle Erdteile darstellen soll, ist dies in einigen Fällen unumgänglich. Die Gesamtprognose für den Einfluss des Klimawandels auf die afrikanische Landwirtschaft insgesamt stützt sich zudem auf zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen.

Moral: Die FR hat den Artikel in ihrer Online-Ausgabe gelöscht.

Regenwald

Vorwurf: Die Behauptung des IPCC , mit dem Klimawandel würden auch 40 Prozent des Amazonas-Regenwaldes verschwinden, stütze sich allein auf die Arbeit grüner Aktivisten.

Grundlage: Im IPCC-Bericht heißt es, 40 Prozent des Amazonas-Regenwaldes könnten "drastisch auf selbst kleine Rückgänge der Niederschläge reagieren". Als Quelle wird ein WWF-Report genannt.´Herkunft: Die Geschichte erschien zuerst in der Sunday Times, die sich dabei auf Recherchen des Bloggers Richard North stützte. Der behauptete, die Studie auf die sich der WWF stütze, beziehe sich nicht auf Niederschläge sondern auf Abholzung und Waldbrände. North ist seit Jahren als Klimaskeptiker bekannt.

Zusammen mit Christopher Booker hat er ein Buch veröffentlicht, indem die These aufgestellt wird, Wissenschaftler würden Daten manipulieren, um so Angst zu schüren. Der Titel des Werks: "Zu Tode verängstigt: Von BSE bis Klimawandel".

Substanz: Der vom WWF zitierte Wissenschaftler Daniel Nepstad erklärte später, die Darstellung des IPCC-Berichts sei vollkommen korrekt. Die Sunday Times hatte zudem Simon Lewis, einen Regenwaldspezialisten, zitiert, der gesagt haben soll, der WWF-Report sei ein einziges "Durcheinander". Lewis erklärte später, er sei von der Sunday Times falsch zitiert wurden.

Weil die Zeitung das angeblich nicht korrigieren wollte, hat Lewis mittlerweile beim britischen Presserat eine Klage eingereicht.

Moral: Die Sunday Times veröffentlichte einen Leserbrief des WWF. Der Artikel steht aber nach wie vor online.

Gletscher

Vorwurf: Der UN-Klimarat IPCC (International Panel on Climate Change) ist unglaubwürdig, weil im jüngsten Report stand, die Himalaya-Gletscher würden bis 2035 komplett verschwunden sein. Dabei machten die Wissenschaftler einen Zahlendreher: In der zitierten Quelle stehe, die Gletscher würden erst 2350 abgeschmolzen seien.

Grundlage: Die entsprechende Stelle findet sich im dritten Teil des etwa 4000 Seiten umfassenden Berichts des IPCC, der 2007 erschienen ist. Dort heißt es allerdings 80 Prozent der Gletscher würden bis 2035 schmelzen. Als Quelle wird ein Papier des World Wildlife Fund (WWF) angeführt, das sich auf einen Fachartikel von 1999 im New Scientist bezieht, wo die Prognose tatsächlich aufgestellt wird. Diese hat sich mittlerweile als falsch herausgestellt.

Herkunft: Am 1. Dezember veröffentlichte der pensionierte Meteorologe und bekannte Klimaskeptiker Madhav L. Khandekar einen Beitrag in dem Blog Climate Sciences, in dem er auf den Fehler hinweist und ihn als Zahlendreher "entlarvt".

Substanz: Der Fehler ist tatsächlich ein Fehler, der auch viele Klimawissenschaftler verärgert. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass der Fehler in dem Teil steht, der sich mit den Folgen des Klimawandels in Asien beschäftigt. Im Kapitel über die Gletscher ist davon nicht die Rede. Die dort getroffenen Prognosen sind korrekt. Und: Den Zahlendreher hat es nie gegeben.

Moral: Sowohl Weltklimarat IPCC als auch der WWF weisen auf ihren Internetseiten offen auf den Fehler hin. Der IPCC will zudem beim kommenden Report noch genauer prüfen.

Datenmanipulation

Vorwurf: Die Climatic Research Unit (CRU) der britischen Universität in East Anglia soll ihre Daten so manipuliert haben, dass danach die Temperatur in den vergangenen Jahren ansteigt.

Grundlage: Gestützt wird die Behauptung auf eine E-Mail des CRU-Direktors Phil Jones. Darin heißt es: "Ich habe gerade Mikes Nature-Trick benutzt..., um den Rückgang zu verstecken." Die E-Mail ist Teil der vom CRU-Server gestohlenen Daten.

Substanz: Zwei britische Komissionen haben die Vorwürfe untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass die CRU wissenschaftlich sauber gearbeitet hat. So wurde die CRU-Temperaturreihe vom Jahr 1400 an von mehreren, unabhängigen Studien bestätigt. Sie folgten zudem der Argumentation Jones’: Sein Trick habe darin bestanden, die Rekonstruktion der Temperaturen aufgrund der Wachstumsringe von Bäumen für die vergangenen Jahrzehnte durch die real gemessenen Temperaturen zu ersetzen.

Vom 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre decken sich nämlich die gemessenen Temperaturen mit der Rekonstruktion aus den Baumringen. Erst seit den 60ern funktioniert das nicht mehr. Seither steigen die Temperaturen stark an, aber die Daten aus den Baumringen spiegeln das nicht wider. Warum das so ist, ist unklar.

Jones hat deshalb von den 60ern an statt der Ringe-Daten die gemessenen Temperaturen benutzt.

Moral: Gerügt wurden die CRU-Wissenschaftler dafür, zu wenige professionelle Statistiker hinzugezogen zu haben und für ihren manchmal etwas rüden Ton in den E-Mails. Vermutlich werden sie künftig beides beherzigen − auch weil sie jetzt wissen, dass auch ihre private Kommunikation jederzeit öffentlich werden kann. (ak)

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