Lade Inhalte...

Ghanas Umweltministerin im FR-Interview "Wir erwarten mehr Engagement"

Sherry Ayittey, Ministerin für Umwelt, Wissenschaft und Technologie in Ghana, über nicht eingelöste Zusagen der Industrienationen und ihre Erwartungen an die Klimakonferenz in Cancun.

08.12.2010 15:05
Sherry Ayittey, Umweltministerin von Ghana. Foto: Alex Kraus

Sherry Ayittey, Ministerin für Umwelt, Wissenschaft und Technologie in Ghana, über nicht eingelöste Zusagen der Industrienationen und ihre Erwartungen an die Klimakonferenz in Cancun.

Frau Ayittey, während Ihres Deutschlandsbesuches vor wenigen Tagen fiel Schnee und es war bitterkalt. Ursache besonders kalter Winter in Europa könnte ausgerechnet die Erderwärmung sein, wie Forscher gezeigt haben. Welche Folgen des Klimawandels beobachten sie in Ghana?

Seit November regnet es in Ghana, wir haben tropische Stürme und Überflutungen, das ist völlig außergewöhnlich für diese Jahreszeit in unseren Breiten. Normalerweise weht in dieser Jahreszeit der trockene und staubige Harmattan. Das sind für uns sehr ernst zu nehmende Folgen des Klimawandels.

Was bedeutet das für die Landwirtschaft?

Unsere Bauern sind auf die Regenperioden von Mai bis Juli und September bis Oktober angewiesen. Wenn diese Klimazyklen durcheinander geraten, hat das massive Auswirkungen auf die Ernten und kann dann auch dazu führen, dass Nahrungsmittel im Land knapp werden.

Kann Ghana die Folgen des Klimawandels bewältigen?

Natürlich hat unsere Regierung auch nationale Strategien, verfolgt beispielsweise Bewässerungsprojekte für extreme Phasen der Trockenheit. Aber letztlich kann kein Land, kein Kontinent, auch nicht Europa, mit den Folgen der globalen Erderwärmung fertigwerden. Denken Sie nur an die Überschwemmungen in Osteuropa oder die Flutkatastrophe in Pakistan. Dabei muss klar sein: Die Industrienationen mit ihren gewaltigen CO2-Emissionen sind die Hauptverursacher des Klimawandels, unter dem alle, besonders aber die armen Länder zu leiden haben.

Was erwarten Sie von den Verhandlungen in Cancun?

Dass wir Fortschritte machen auf dem Weg zu einem fairen Abkommen, das den Reichen und den Armen hilft, ihre Umwelt zu managen. Das wird schwer genug. Beim letzten Gipfel in Kopenhagen haben wir das nicht erreicht. Bislang sind nicht einmal die dort gemachten Zusagen für Finanzhilfe eingehalten worden. Die Industriestaaten haben den armen, verwundbaren Ländern 30 Milliarden Dollar bis 2012 für Anpassungen an den Klimawandel versprochen. Davon haben wir bislang nichts gesehen.

Europa beansprucht eine Führungsrolle bei der Unterstützung von Entwicklungsländern, den Klimawandel anzugehen. Zu recht?

Da bin sehe ich ein bisschen zurückhaltend. In Kopenhagen hat die EU 7,2 Milliarden Euro bis 2012 versprochen. Bisher ist das nicht erfüllt. Wir erwarten da deutlich mehr Engagement.

Neben Geld geht es vor allem auch um Technologietransfer zur Anpassung an den Klimawandel und zur Reduzierung von Emissionen in Entwicklungsländern.

Auch da sind wir seit Kopenhagen noch nicht wirklich vorangekommen. Wir brauchen das Wissen und die Technik aus dem Westen. Für uns ist zum Beispiel Biodiversität ein großes Thema. Es geht darum, wie wir unsere Wälder und Wasserressourcen erhalten können. Wir müssen unsere Küste gegen den Anstieg des Meeresspiegels schützen, wollen Energie effizienter nutzen und unsere Landwirtschaft intensivieren, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. All das geht nur mit Technologietransfer.

Welches Modell von Landwirtschaft wollen Sie fördern? Ackerbau und Viehzucht sind ja Teil des Problems der Erderwärmung und alles in allem für bis zu 30 Prozent der Treibhausgase verantwortlich.

Wir setzen auf biologischen Anbau. 70 Prozent unsere Bevölkerung leben in ländlichen Regionen. Das sind vor allem Kleinbauern, die mit einfachen, natürlichen Methoden ihre Erträge steigern können - zum Beispiel mit verbessertem Saatgut und Kompost statt Kunstdünger.

Sie wollen Emissionen reduzieren und Energie effizienter nutzen. Ghana, so ist zu hören, will bis 2018 ein Kernkraftwerk errichten. Setzen Sie als Ministerin für Umwelt und Technologie auf Atomkraft?

Es gibt tatsächlich Pläne, aber bis 2018 ist es noch weithin. Zurzeit produzieren wir Energie aus dem Holz unserer Wälder, die wir als CO2-Speicher ja schützen wollen, und vor allem aus Wasserkraft. Doch die Energieversorgung ist nicht ausreichend, besonders in der Trockenzeit. Ich will deshalb Erneuerbare Energien fördern. In Ghana haben wir das ganze Jahr über Sonne und produzieren Hunderttausende Tonnen von pflanzlichen Abfällen. Wir müssen das nutzen. Bei meinem Besuch in Deutschland habe ich mir Biogasanlagen angeschaut. Eine Firma, die EnD-I AG aus Halle, soll für Ghana jetzt eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung von Deponie- und Biogas sowie Solarenergie erstellen.

Welchen Energiemix streben Sie in Ghana an?

Wir vollen wirklich diversifizieren und in 20 Jahren den Anteil der Erneuerbaren Energie auf bis zu 30 Prozent steigern.

Was erwarten Sie von Europa? Ist das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2020 um mindestens 20 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken, ausreichend?

Nein, die Europäer sollten ihr Ziel auf minus 30 Prozent erhöhen. Bis 2050 kann die EU durchaus 80 Prozent erreichen. Aber auch aufstrebende Nationen mit einer beschleunigten Industrialisierung wie China, Indien und Brasilien müssen konkrete Reduktionsziele auf den Tisch legen. Wir müssen die Emissionen global drastisch absenken. Dazu müssen sich auch die Konsummuster verändern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen