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Gastkommentar Auf der falschen Seite des Zauns

Ich habe gar nicht vor, hier ein globalisierungskritisches Grönemeyer-Bashing zu betreiben, schon weil das ganz unehrlich wäre. Auch ich lege bei Fahrten

05.07.2007 00:07
FLORIAN KIRNER

Ich habe gar nicht vor, hier ein globalisierungskritisches Grönemeyer-Bashing zu betreiben, schon weil das ganz unehrlich wäre. Auch ich lege bei Fahrten durchs Ruhrgebiet gerne "Bochum" ein, und das Lied "Maß aller Dinge" gegen das Apartheid-Regime in Südafrika (LP "Sprünge", 1986) hat mich als Schüler stark bewegt: "In diesen Lagern weint die Wut / Weiße Übermacht? / Wir sitzen weich und sehen zu / Was können wir schon tun".

Irgendwann stellte sich diese Frage sehr konkret: Was können wir tun? Seither laufe ich auf Demonstrationen herum, schreibe und verbreite Flugblätter, blockiere Zufahrtsstraßen zu Kongresszentren, kann CS- und CN-Gas am Geschmack unterscheiden und gebe mir jede erdenkliche Mühe, eine Umwälzung der Verhältnisse herbeizuführen. Zwischenzeitlich war ich dabei der Meinung, eine Weltrevolution stehe kurz bevor. Nach dem 11. September 2001 und dem Polizeipogrom von Genua war ich zwei, drei Jahre sehr niedergeschlagen. Seit Heiligendamm geht es meinem Optimismus wieder deutlich besser...

Auch auf der Homepage von Live Earth wird die Frage, was man tun könne, gestellt - in der einzigen inhaltlichen Rubrik auf dieser opulenten Website, den "Umwelttipps": Glühbirnen ersetzen, Papier doppelseitig bedrucken und Handtücher wieder verwenden. Gesellschaftlich wird angeregt, Petitionen zu unterschreiben, Emails oder eine "Live-Earth-SMS" an Freunde zu schicken. Und, als Maximum der Machtkritik: "Schreiben Sie an die Mächtigen!"

Die Umwelttipps finde ich einleuchtend - schon, seit ich sie Ende der 80er in einer "Schülerfibel: Umwelt" las. Wohlmeinende Appelle "an die Mächtigen" dagegen fand ich immer fragwürdig. Ich bin dafür, dass wir uns selbst ermächtigen und das Schicksal dieses Planeten in die eigenen Hände nehmen. Und ich bin trotz meines Alters altmodisch genug, fundamentale Interessenkonflikte zwischen diversen sozialen und politischen Akteuren zu vermuten.

Schwierig wird es deshalb spätestens, wenn ein Bob Geldof "den Mächtigen" nicht nur wohlmeinende SMS und Emails zukommen lässt, sondern als "Chefredakteur für einen Tag" auch ein prominentes Plätzchen auf der Titelseite der Bild-Zeitung besorgt. Da wird dann Papst Benedikt zum Kämpfer gegen den Hunger in Afrika, ohne sich für die verheerende Rolle seiner Kirche im Umgang mit Aids rechtfertigen zu müssen.

Ebenso wenig musste sich Daimler-Chrysler rechtfertigen. Als der Konzern neben Pepsi, Philips und Chevrolet etwas verschämt als Firma "Smart" im Kreise der Live-Earth-Sponsoren begrüßt wurde, lobte Geldofs langjähriger Mitstreiter Kevin Wall brav den geringen CO2-Ausstoß des Smart. Auf die Energiebilanz anderer Fahrzeuge aus diesem Hause oder gar die Rolle des Weltkonzerns aus Stuttgart als Rüstungsgigant einzugehen, wäre im Beisein des Daimler-Vorstandschefs Dieter Zetsche freilich ungehörig gewesen.

Der Musikproduzent Kevin Wall ist die Schlüsselfigur von Live Earth. Während Al Gore als Frontman fungiert, zieht Wall das Event organisatorisch auf. Langjährige Geschäftskontakte wurden dafür urbar gemacht - etwa zu Microsoft, das, ebenfalls verschämt als "MSN", zu den Sponsoren gehört und die globale Internetstrategie rund um Live Earth betreibt. "Musik online kaufen" ist dann auch einer der "Umwelttipps" auf der Live Earth-Webseite. Und sicherlich sind besonders die Konzerte in China und Brasilien geeignet, einer aggressiven, internetbasierten Expansionsstrategie, für die Kevin Wall in der Musikbranche seit Jahren steht, auch dort nachzuhelfen, wo die Amerikanisierung des kulturellen Mainstreams noch zu wünschen übrig lässt. Die Medienpartner des "größten Unterhaltungsevents aller Zeiten" (Wall) in Deutschland sind übrigens N-Joy, N-24 und Pro 7.

"Wir sehen Schlagstöcke, schwarzes Blut / Stummer Schrei / Auf ihrem Rücken lebt sich's gut / und wir sind auch dabei!" sang einstmals Herbert Grönemeyer über das inzwischen abgeschaffte Regime weißer Herrschaft in Südafrika. Grönemeyers derzeitiges Engagement zwischen Fifa-Hymne und G8-Protest mag man unterschiedlich bewerten. Ich würde sagen, er sitzt auf dem Zaun zwischen den Lagern - hoch über unseren Köpfen, aber immerhin: Blick zur Bewegung, das Hinterteil zur Politik.

Das Projekt Live Earth dagegen ist nicht nur kein legitimer Teil jener lebendigen, globalen Protestkultur, die sich seit Jahren entwickelt und über ganz andere Kanäle verbreitet: Live Earth steht mit beiden Beinen auf der anderen Seite des Sperrzauns.

Florian Kirner, 32, lebt in in München. Er arbeitet nach dem Studium der amerikanischen Geschichte und der Japanologie als freier Journalist. Seit 1992 nimmt Kirner regelmäßig an Demonstrationen teil. Zuletzt hat er sich im Rahmen des Netzwerks "Move against G8" an Aktionen gegen den Gipfel in Heiligendamm beteiligt.

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