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Klimawandel Wer hat den Frühling geklaut?

Der Winter ging fast nahtlos in den Sommer über. Ursache könnte der Klimawandel sein.

Wetter
Bereits im April war es dieses Jahr zum Teil sommerlich warm – wie hier im niederösterreichischen Tulln. Foto: apa

In diesem Frühjahr ging der Winter mehr oder weniger direkt über in den Sommer. Anfang April fiel in Norddeutschland noch einmal Schnee, bevor es in der zweiten Monatshälfte bereits Badewetter gab. Nie wurde ein wärmerer vierter Monat in Deutschland gemessen. Mit seiner Durchschnittstemperatur von 12,4 Grad lag der April in diesem Jahr um ganze fünf Grad über dem langjährigen Mittel. „So ein kurzes Frühjahr hatten wir wahrscheinlich noch nie“, sagt Klimaanalyst Florian Imbery vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Hat der Klimawandel den Frühling geraubt? Klimaforscher äußern sich da vorsichtig: Ein ausgefallener Frühling, so selten das auch sei, muss nicht notwendigerweise eine Folge des Klimawandels sein. Aber er könnte es. Seit Beginn der Industrialisierung ist die Durchschnittstemperatur in Deutschland um 1,4 Grad gestiegen. Das hat zur Folge, dass der Winter früher endet und der Sommer weiter in den Herbst hineinreicht. Die Zeit vom letzten Blattfall der Stieleiche bis zur ersten Haselblüte ist geschrumpft. „Die Winter sind seit den Fünfziger Jahren um fast vier Wochen kürzer geworden“, sagt Imbery.

Folgen hat das für Bauern, die bei zunehmender Trockenheit immer mehr bewässern müssen. Oder Probleme bekommen, wenn auf einen ungewöhnlich warmen Jahresanfang doch noch Spätfröste folgen. Aber auch Allergiker sind betroffen: Eine aktuelle Studie im Fachmagazin PNAS kommt zum Ergebnis, dass sich die Pollen-Saison in Nordamerika zwischen 1995 und 2009 um zwei bis vier Wochen ausgedehnt hat. Bei einer steigenden Durchschnittstemperatur allein bleibt es aber nicht: Weil sich die Arktis besonders stark erwärmt und damit das Temperaturgefälle zwischen Nordpol und Äquator schmilzt, schwächt sich auch der Polarwirbel ab, der maßgeblich unsere Wetterlagen steuert, vermuten Klimaforscher. 

Die Folge: Über Wochen können sich Wetterlagen einnisten. Und sich Hochlagen viel länger halten – wie im April: Hochdruckgebiete über Mitteleuropa und Skandinavien schützten Deutschland vor Tiefausläufern. „Es gibt Hinweise darauf, dass die Nord-Süd-Wetterlage gegenüber der Ost-West-Wetterlage häufiger geworden ist“, sagt der Klimaforscher Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Fünf Tage früher blühten in diesem Frühjahr die Apfelbäume, sieben Tage früher der Schwarze Holunder und 16 Tage früher die Sommer-Linde, wie vorläufige phänologische Daten des DWD zeigen. Das beeinflusst auch die Tierwelt: Wildbienen sind zu der Jahreszeit mitunter noch gar nicht bereit für den ganzen Überfluss, der sich ihnen bietet.

Fink zufolge dürften extreme Übergänge wie in diesem Frühjahr häufiger werden – auch wenn es in der Regel weiterhin Frühling, Sommer, Herbst und Winter geben werde.

Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist sich da nicht so sicher. „Die Wettermuster ändern sich“, sagt der Meteorologe. Lang anhaltende trockene Phasen werden häufiger, auf die dann oft sehr starker Regen folgt. Womöglich können wir in 50 Jahren tatsächlich nicht mehr von klassischen Jahreszeiten sprechen.

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