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Klimawandel Die Schuld des Menschen

Die Wissenschaft muss sich stärker für eine ökologische Gesellschaftsordnung einsetzen, fordert Meteorologe Paul Crutzen.

26.03.2015 11:43
Michael Müller und Nick Reimer
Foto: Getty Images/Vetta

Herr Crutzen, im Jahr 2000 haben Sie mit dem Gewässerforscher Eugene Stoermer vorgeschlagen, die heutige Erdepoche in „Anthropozän“ umzubenennen. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?
Am Anfang fand unser Vorschlag wenig Beachtung. Das änderte sich Ende des vergangenen Jahrzehnts, als sich die Fakten globaler Umweltgefahren nicht mehr leugnen oder ignorieren ließen. Das Anthropozän beschreibt die Schuld des Menschen an diesem Zustand: Wir haben alles gestaltet und verändert. Der Begriff beschreibt aber auch eine neue Qualität von Verantwortung, die allen Menschen abverlangt wird.

Was war für Sie der Auslöser für den Vorschlag?
Natürlich zuerst der Klimawandel. Aber auch allgemein der Einfluss des Menschen auf die Umwelt. In der Kommission Planetary Boundaries hatten wir 2009 unter Johan Rockström die planetarischen Grenzen untersucht. Neun solcher Grenzen gibt es, in dreien ist die Belastung durch den Menschen bereits überschritten – beim Klimawandel, dem Stickstoffeintrag und dem Artensterben.

Trotzdem kommt der Begriff „Anthropozän“ bislang nur in der Fachwelt vor!
Selbst dort ist das Thema kaum diskutiert. Es wird zu wenig dazu geforscht. Für die meisten Wissenschaftler ist das Anthropozän ein unbekanntes, fremdes Thema.

Was muss die Wissenschaft tun, um das Thema in die gesellschaftliche Debatte zu bekommen?
Natur- und Sozialwissenschaftler müssen enger zusammenarbeiten. Die Sozialwissenschaft muss sich für naturwissenschaftliche Fragen stärker öffnen und umgekehrt. Leider gibt es bei den Naturwissenschaftlern zu wenige, die sich für die Sozialwissenschaft interessieren. Und wenn in dieser Einseitigkeit auch noch die Ökonomie dominiert und andere Fragen wie das Bevölkerungswachstum mit in den Topf geworfen werden, kommen wir nicht voran. Ich bedauere, dass die Ökologie zwar in aller Munde ist, aber doch an Bedeutung verliert.

Welche Bedeutung sollte sie denn haben?
Das Entschlüsseln der Ökologie kann zum Schlüssel für die Lösung vieler grundlegender Probleme werden. Ökologie bedeutet längerfristig zu denken, auf Kreisläufe zu achten, ein Gleichgewicht zu bewahren. Ökologie bedeutet, verantwortungsvoll mit unserer Erde umzugehen. Und das ist die Schlüsselfrage für das Anthropozän; das globale Jahrhundert ist die Menschenzeit.

Viele Fakten sind bekannt, dennoch läuft der Trend konträr zur Ökologie. Woher kommt der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln?
Die Feststellung ist richtig. Gerade beim anthropogenen Klimawandel wissen wir immer mehr. Seit den Arbeiten der Kommission des Bundestages Anfang der 90er Jahre haben sich die Kenntnisse immer weiter verdichtet. Dennoch steigen die Treibhausgase weiter an. Die CO2-Emissionen sind in dieser Zeit weltweit um 60 Prozent gestiegen. Die Lösung kann keine Politik sein, die nur die nationalen Interessen sieht. Der Gedanke des Anthropozäns fordert uns heraus. Aber er hat, weil er so ernsthaft ist, Schwierigkeiten, in der Gesellschaft aufgenommen und akzeptiert zu werden.

Woran liegt das?
Der Mensch ist träge und bequem. Hinzu kommen handfeste, vor allem wirtschaftliche Interessen. Vieles wird nur aus einer kurzfristigen Sicht gesehen, bei der der ökonomische Vorteil entscheidend ist. Dagegen ist es schwierig, das ökologisch Notwendige durchzusetzen.

Gibt es nicht Ausnahmen? Das Verbot des Treibhausgases FCKW und Halonen zum Schutz der Ozonschicht war doch ein positives Beispiel, dass es anders geht?
Das ist richtig. Es war wichtig, den Ozonabbau zu stoppen. Aber im Vergleich zum Klimawandel ist das ein einfaches Thema. Am Klimawandel sind alle beteiligt und der Widerstand ist viel größer. Dabei wird seit mehr als 100 Jahren zum Klimawandel geforscht – seit Svente Arrhenius 1896 eine erste quantitative Berechnung dazu erstellt hat. Meine Schlussfolgerung heißt, wir müssen Strategien finden, in denen der Klimaschutz und Innovationen Hand in Hand gehen.

Es gab lange Zeit einen fast unbändigen Glauben an den technischen Fortschritt. Warum wird so wenig auf die Naturwissenschaft gehört, die vor den Folgen maßloser Energie- und Rohstoffnutzung warnt?
Es wird schon auf uns Wissenschaftler gehört. Der Klimawandel kommt fast automatisch auf die politische Agenda. Aber die Debatten bleiben meist folgenlos.

Warum?
Ich glaube, weil es von der Gesellschaft ein Umdenken verlangt. Auch die Journalisten gehen bei dem Thema oftmals nicht in die Tiefe. Und sie haben meist wenig Zeit, sich intensiver mit den wissenschaftlichen Fakten und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu beschäftigen.

Was ist notwendig?
Es wäre gut, wenn die Wissenschaft ihr Wissen für eine ökologische Gesellschaftsordnung einsetzt. Für die meisten Wissenschaftler ist es immer noch schwer, über die reine Wissenschaft hinauszugehen und sich gesellschaftlich einbringen. Wir, die Wissenschaftler, müssen uns einmischen, damit es zu einer Verbindung von Natur- und Sozialwissenschaft kommt.

Was halten Sie von technischen Lösungen wie der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) oder Fracking, bei dem Erdgas durch ein Chemikaliengemisch an die Oberfläche befördert wird?
Das ist wieder so eine Sache, bei der der Mensch das tut, was er nicht tun sollte. Er verstärkt längerfristig die Probleme. Und wenn dann auch noch der Ölpreis sinkt, sind alle erst einmal beruhigt. Das ist unverbesserlich und falsch.

Interview: Michael Müller, Nick Reimer. Michael Müller ist Mit-Herausgeber und Nick Reimer Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info, mit dem die FR in einer Kooperation die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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