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Klimavertrag CO2 sparen reicht nicht mehr

Aktuelle Zahlen zeigen: Der Pariser Klimavertrag ist kaum mehr umsetzbar. Nur noch riskante Technologien können die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen.

20.04.2016 13:18
Benjamin von Brackel
Schlecht für die Klimabilanz: Braunkohletagebau in Brandenburg mit dem Kraftwerk in Jänschwalde. Foto: dpa

Am 22. April wird Klimageschichte geschrieben. So viele Nationen wie nie werden in New York ein internationales Umweltabkommen unterzeichnen: den Pariser Klimavertrag. 150 Länder, darunter mehr als 60 Staats- und Regierungschefs, haben sich angemeldet. Selbst Nordkorea will seinen Außenminister schicken.

Nur: Wenn Obama und Co in die Kameras lächeln, während sie den Füller aufs Papier setzen, steht bereits fest, dass sie gar nicht mehr einhalten können, was sie im Vertrag versprechen. Sie wollen die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen, wenn möglich auf 1,5 Grad. Dafür haben sich vor allem die kleinen Inselstaaten eingesetzt, die schon bei einer Erderwärmung von zwei Grad viele ihrer Inseln wegen des Meeresspiegelanstiegs aufgeben müssten.

Allerdings scheint den Verhandlern in Paris im Dezember gar nicht bewusst gewesen zu sein, welches Budget sie beim CO2-Ausstoß überhaupt noch zur Verfügung haben. Aktuelle Zahlen von Klimaanalysten zeigen: Der schöne politische Pakt ist von der Realität überholt worden. „Wir haben das Budget schon heute aufgebraucht“, sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Jede Tonne CO2, die wir heute emittieren, müssten wir eigentlich kompensieren, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.“

Nicht mal mehr 200 Gigatonnen CO2 darf die Welt dem Weltklimarat IPCC zufolge noch ausstoßen, um dem 1,5-Grad-Ziel noch eine Chance zu geben. Dafür müssten die Staaten ihren Treibhausgas-Ausstoß in wenigen Jahren bis auf Null runterfahren. Doch danach sieht es nicht aus. Allein die Emissionen von bereits existierenden und geplanten Kohlekraftwerken dürften mit über 400 Gigatonnen CO2 zu Buche schlagen, rechnet Edenhofer vor.

1500 neue Kohlekraftwerke

Zwar ging der Verbrauch des besonders klimaschädlichen Energieträgers 2015 das zweite Jahr in Folge zurück. Das liegt zum einen an der Krise der Kohleindustrie in den USA. Erst Mitte April hat mit Peabody der größte private Kohlekonzern der Welt seine Insolvenz erklärt. Zum anderen verbraucht China, der größte Emittent der Welt, inzwischen aber laut aktuellen Studien weniger Kohle. Allerdings gibt es Zweifel an den Zahlen. Auch Edenhofer gibt für China keine Entwarnung: „Die Pläne für neue Kohlekraftwerke wurden in China in keiner Weise zurückgenommen.“

Der Klimaökonom sieht trotz des Durchbruchs in Paris keine Anzeichen für einen raschen globalen Kohleausstieg. Weltweit sind immer noch 1500 Kohlekraftwerke im Bau oder in Planung, zeigt ein aktueller Bericht von Greenpeace, dem US-Umweltverband Sierra Club und dem Forschungsnetzwerk Coalswarm. Vor allem Schwellenländer wie China, Indien und Vietnam, aber auch einige afrikanische Regierungen planen eine Vielzahl von neuen Kohlekraftwerken. Länder wie Indien machen keinen Hehl daraus, dass sie auf Kohlekraft setzen, um Millionen Menschen endlich ans Stromnetz anzuschließen.

Selbst in Europa hat die Kohle noch Konjunktur. Allein die Türkei plant 70 neue Kohlekraftwerke, wie aus einem Report türkischer Wissenschaftler vom Istanbul Policy Center hervorgeht. Nicht mal Deutschland steht besonders gut da: Seit 2002 wurden elf neue Kohlekraftwerke gebaut, seit 2015 immerhin zwei. „Im Ausland werden wir als Kohlenation wahrgenommen“, betont der Ökonom Edenhofer.

Klimaanalysten wie Niklas Höhne vom Potsdamer New Climate Institute gehen allerdings davon aus, dass Deutschland schon bis 2025 aus der Kohle aussteigen muss, um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen – für das gerade die deutschen Verhandler in Paris gekämpft hatten.

CO2 aus der Luft fischen

Weltweit sei das 1,5-Grad-Ziel und selbst das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu schaffen, sagt Edenhofer – jedenfalls nicht ohne so genannte negative Emissionen im großen Maßstab. Das heißt: Das Kohlendioxid muss wieder aus der Luft gefischt werden – etwa durch Waldschutz, Aufforstung oder durch die Kombination von Biomasse-Verbrennung und der unterirdischen Speicherung von CO2. „Wir brauchen die ganze Bandbreite“, sagt Edenhofer. Damit setzt er sich dafür ein, dass die umstrittene Risikotechnologie CCS (Carbon Capture and Storage) in Deutschland stärker erforscht wird.

„Wir müssen jetzt die Frage der Entsorgung von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen neu stellen“, fordert auch Reimund Schwarze, Professor für Umweltökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Und damit meint er nicht nur CCS oder die Kopplung von Bioenergie und unterirdischer CO2-Speicherung (BECCS), denn die Erde habe nicht die nötige Kapazität dafür. Eine weitere Möglichkeit sei die umstrittene Ozean-Düngung. Dabei werden etwa silikathaltige Gesteinspartikel in die Meere gestreut, damit diese mehr Kohlendioxid aufnehmen können. Das kann allerdings ganze Ökosysteme gefährden.

„Aber die Versauerung der Ozeane durch einen ungebremsten Klimawandel würde diese Gefahr auch heraufbeschwören“, hält Schwarze dagegen. „Es ist unausweichlich, dass die Welt zumindest in die wissenschaftliche Erforschung einsteigt und dann sehr zeitnah die Technologie zur Demonstration entwickelt.“ Man müsse sogar noch über weitere Maßnahmen zur Entfernung von Treibhausgasen aus der Atmosphäre nachdenken, die heute „fast noch gefährlicher erscheinen“ als CCS, meint der Umweltforscher.

So sehr den Wissenschaftlern die Risiken dieser Technologien bewusst sind – sie sehen offenbar keine Alternative dazu. Denn durch den Menschen wurden schon zu viele Treibhausgase ausgestoßen. Allerdings warnt Edenhofer eindringlich davor, auf Technologien zu hoffen, die das CO2-Problem vielleicht lösen könnten, und gleichzeitig die Zügel beim Klimaschutz locker zu lassen. „Diese Wette auf die Zukunft halte ich für verantwortungslos“, sagt der Ökonom. Je länger die Welt mit effektivem Klimaschutz warte, desto riskantere Technologien würden in Zukunft notwendig, um das Zwei-Grad-Ziel doch noch zu erreichen.

Benjamin von Brackel ist Redakteur beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau in einer Kooperation die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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