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Kindheit 2010 Pickel und Protest

Pubertierende könnten die Welt verändern, doch sie beschäftigen sich vor allem mit sich selbst - weil die fitten Alten sie nicht ans Ruder lassen. Von Katja Irle

27.11.2009 00:11
Katja Irle
Zahnspangen, unreine Haut - die Gründe, sich zwischen elf und 16 lausig zu fühlen, sind mannigfaltig. Foto: Bilderberg

Jenny (13) hat Pickel am Po. Bislang hat sie das kaum gestört, doch seitdem sie sich für Jungs interessiert, versucht sie es wechselweise mit Clearasil, Bodylotion und Hautpeeling - ohne Erfolg. Tom (14) sorgt sich um seinen Bauch und seinen Penis. Der eine ist zu groß geraten, der andere zu klein. Umgekehrt wäre besser, meint Tom. Im Internetforum kids-hotline schreibt er: "Ich bin total depri, weil ich der uncoolste in der ganzen Klasse bin."

Was Eltern für Luxusprobleme halten mögen, ist für Jenny und Tom existentiell. Von der Peer-Group, den Gleichgesinnten und Gleichaltrigen, gemocht werden - das gehört zur Pubertät wie die erste Periode oder das erste Mal. Und was Mutter oder Vater sagen, ist zweitrangig. Jenny und Tom sind dabei, sich emotional von ihnen zu lösen, und sich selbst neu zu erfinden. Kindheit war gestern.

Vor 150 Jahren wäre ein 14-Jähriger wie Tom ohne Netz in die Welt der Erwachsenen gewechselt. Er wäre Teil einer neuen Generation geworden, die - idealtypisch - die Arbeit erledigt, die Gesellschaft durch eigene Ideen weiterentwickelt, gleichzeitig die Alten versorgt und schließlich auch eine eigene Familie gründet. Der junge Mann wäre jemand gewesen, auf den man setzt, der Verantwortung übernimmt.

Erwachsene auf Probe

Heute sind Jugendliche am Ende der Pubertät, die bis zum 25. Lebensjahr dauern kann, Erwachsene auf Probe. Ihre einst hoch geschätzte Bereitschaft, ausgetretene Pfade zu verlassen, Neues zu wagen und dabei auch Risiken einzugehen, sind heute kaum noch gefragt. Die Alten waren immer schon vor ihnen da.

Eine schwierige Situation, wie der Neurobiologe Ralph Dawirs von der Uniklinik Erlangen feststellt. Immer seien die mit der Pubertät verbundenen Fähigkeiten "Motor der Kulturentwicklung" gewesen. "Heute hingegen erwacht der Pubertist aus seiner emotionalen Umorientierung und muss feststellen: Die Alten sind immer noch da. Und sie sind topfit." Dawirs konstatiert, dass es keinen wirklichen Generationswechsel mehr gibt.

Er spricht von "Parallelgenerationen" - ein Konstrukt, das für die Jungen zur Belastung wird. Er und der Kinderpsychiater Gunther Moll ("Endlich in der Pubertät! Vom Sinn der wilden Jahre") plädieren deshalb dafür, die jungen Erwachsenen dahin zu lassen, wo sie hingehören, nämlich in die Mitte der Gesellschaft.

"Es ist nur eine Erfindung der modernen Zeit, dass wir, die Großen, die Jungen so lange klein halten", argumentiert Gunther Moll. Der Wissenschaftler hat deshalb den provokanten Vorschlag gemacht, das passive und aktive Wahlrecht auf 14 herabzusetzen. 14-Jährige im Bundestag? "Warum nicht? Dann würde sich in unserer Gesellschaft sehr viel verändern", sagt Moll und denkt dabei an Klimakatastrophe und Kinderarmut.

Wirklich? Klima und Kinderarmut sind große Themen, wenn man an das gelegentliche Klein-Klein der Pubertierenden-Welt denkt, in der alles um die Ich-Findung kreist; in der Hochs und Tiefs so sicher aufeinanderfolgen wie die Gezeiten im Wattenmeer.

Welle von Selbstmitleid

Joe (15) zum Beispiel schwimmt gerade auf einer Welle von Selbstmitleid. "Vor zehn Minuten hatte ich so eine Laune - ich könnte mich umbringen. Jetzt gehts wieder besser" schreibt er. Eine Gleichaltrige denkt nach: "Ich habe oft das Gefühl mir selber im Weg zu stehen."

Die Macher von Internetforen wie kids-hotline erreichen viele "Notrufe" von Pubertierenden. Der in München ansässige Verein war vor zehn Jahren einer der ersten, der Jugendlichen anonyme Beratung und Chats mit Gleichaltrigen anbot. Und stieß damit in eine Lücke. Denn der Austausch im Netz fällt Jugendlichen oft leichter, als Fragen im Freundeskreis oder im Elternhaus zu stellen.

Neben den Klassikern wie "Muss zum ersten Mal zum Frauenarzt. Was passiert da?" oder "Mein Freund will kein Kondom benutzen" sind nach Angaben der Betreiber auch neue Themen dazugekommen. "Es gibt viele Jugendliche mit Existenzängsten", erzählt Annette Cieslinski von kids-hotline. Fragen nach Ausbildung und Job würden sehr häufig gestellt. Immer öfter gehe es in den Foren aber auch um Themen wie Essstörungen, Mobbing in der Schule oder Selbstverletzungen.

Die Pubertät gilt seit jeher als Hochrisikophase. Niemals davor und niemals danach ist die Gefahr größer, an Leib oder Seele verletzt zu werden. Gleichzeitig ist das Risiko eine wichtige Erfahrung für Pubertierende, wenn sie den schützenden Raum der Kindheit verlassen. Vor allem Jungen suchen den Kick, testen ihre Grenzen beim Drogenkonsum oder messen ihre Kräfte mit Gleichaltrigen. Größer, schneller, weiter. Wer da nicht mithalten kann, bleibt emotional auf der Strecke - wie Tom, der mit dem dicken Bauch und dem kleinen Penis.

Vielleicht beruhigt es den unglücklichen 14-Jährigen, dass in der Pubertät jedes Abweichen von der selbst gesetzten Norm zum Problem werden kann. Wenige Tage nach Toms Hilferuf schreibt Kevin (15): "Hallo, ich habe ein Riesenproblem, mein Penis ist viel zu groß. Kann man das ändern?" "Leider nein", lautet die Antwort des Betreuers: "Aber eine Option wäre, weite Hosen zu tragen."

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