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Jugendkultur „Völlig kommerzialisiert“

Mathias Albert, Leiter der Shell-Jugendstudie, spricht im Interview über das Lebensgefühl junger Menschen, ihr politisches Engagement und die Interessen der Unterhaltungsindustrie.

Smartphone
Durch Smartphones verändert sich das Kommunikationsverhalten schon in jungen Jahren radikal. Foto: epd

Herr Albert, welches Lebensgefühl ist prägend für die Jugendlichen im Jahr 2017?
Ihr Lebensgefühl ist geprägt von großer Offenheit. Die Jugendlichen sind sehr pragmatisch; sie sehen für sich eine Vielzahl an Optionen. Zwar sind die Freiräume so groß wie nie zuvor. Dabei belastet es aber viele junge Menschen auch, nicht zu wissen, welche Note oder wie viele Praktika sie brauchen, um voranzukommen. Es fällt ihnen schwerer, sich zu entscheiden, welche Chance sie im Leben letztlich ergreifen. Zwischendurch lassen sie sich treiben. Wer das negativ bewerten möchte, könnte behaupten, es ist ein Tick Orientierungslosigkeit im Spiel. Zugleich steigt der persönliche Optimismus, was die Zukunft anbelangt. Die Jugendlichen realisieren, dass ihnen der demografische Wandel in die Hände spielt, dass sich etwa die Lage auf dem Arbeitsmarkt dramatisch ändert und Unternehmen etwa händeringend nach Auszubildenden suchen.

Welche Faktoren beeinflussen die individuelle Entwicklung maßgeblich?
Die Hauptinstanzen für die Sozialisation sind nach wie vor das Elternhaus und die Schule bis zur Ablösung in der Pubertät, wo die Peergroup an Bedeutung gewinnt, insbesondere der Freundeskreis an der Schule. Dort spielen in den vergangenen Jahren insbesondere digitale Medien wie das Smartphone oder die Videoplattform Youtube eine zentrale Rolle. Diese tiefgreifende Veränderung kann man als Kern der neuen Jugendkultur betrachten. Dabei geht es in erster Linie um die Form des Austausches etwa über Nachrichtendienste wie Whatsapp, weniger um Inhalte. Das bedeutet aber nicht, dass die Inhalte unwichtig sind. Über den Lifestyle, die Mode und die Musik versucht sich jede Generation abzugrenzen. Anders als die 68er grenzen sich die Jugendlichen heute aber überhaupt nicht mehr durch politische Statements von den Eltern ab.

Ist die Jugend unpolitisch?
Das Interesse an Politik hat zugenommen, aber die Parteienverdrossenheit und das mangelnde Vertrauen in Politiker ist nicht zurückgegangen. Die Jugendlichen sind zufrieden mit der Demokratie, was sich aber nicht in mehr politischem Engagement niederschlägt. Sehr spannend wird sein, ob mehr Jungwähler bei der kommenden Bundestagswahl abstimmen werden. Die Jugendlichen sind tolerant und haben mehr Angst vor Ausländerfeindlichkeit als vor der Einwanderung. Das hängt allerdings stark vom Milieu ab, ob Migranten als Konkurrenten um Ressourcen gelten und ob jemand eine Problemschule in Berlin besucht oder in Oberbayern zur Schule geht, wo der Ausländeranteil gering ist.

Wie grenzt sich die Jugend ab?
Ein Problem ist, dass es ihnen zunehmend schwieriger fällt, sich abzugrenzen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es bis ins hohe Alter verbreitet ist, sich jugendlich zu geben, das betrifft die Mode, die Umgangsformen sowie die sportliche Betätigungen. Selbst jemand wie Mick Jagger mit seinen tiefen Falten bedient auf Konzerten der Rolling Stones noch das Ideal des Junggebliebenen. Deshalb müssen sich Jugendliche neue Formen suchen. Das geschieht etwa in den sozialen Netzwerken meiner Vermutung nach viel stärker konsumptiv als expressiv.

Gibt es weitere Faktoren, die die Jugendkultur stark beeinflussen?
Vergessen darf man keinesfalls, dass seit rund 30 Jahren das Kinder- und Jugendalter von einer vollkommenen Kommerzialisierung durchdrungen ist. Die Konsumgüter- und Unterhaltungsindustrie hat auf breiter Basis diese junge Zielgruppe als Konsumenten entdeckt. Diese Entwicklung hat sich weiter verstärkt, und natürlich werden darüber jugendkulturelle Moden und Trends sehr oft auch gesetzt.

Es reicht also heute schon aus, sich als Jugendlicher nicht mehr aktiv einzubringen, sondern im Netz gewissen Trends zu folgen oder gewisse Marken zu besitzen, um Teil einer Jugendbewegung zu sein?
Das beste Beispiel für diesen Trend ist der beträchtliche Bekanntheitsgrad einiger Youtuber. Vor allem Mädchen haben eine riesige Gefolgschaft im Netz und setzen Styles. Darüber tauschen sich die Jugendlichen dann digital aus. Diese Youtuber verdienen zudem mit gezielten Produktplatzierungen oft viel Geld. Ein Phänomen war im deutschsprachigen Raum bis vor kurzem Bibi mit ihren Beautychanel, die dort etwa Anleitungen zum Schminken gegeben hat.

Sind Jugendliche so homogen und angepasst an den Mainstream, wie es oft dargestellt wird?
Homogenität unter Jugendlichen gab es noch nie, sondern nur verschiedene Grade von Heterogenität. Begriffe wie 68er, Millennials, Generation Praktikum, Generation X oder Y sind mit höchster Vorsicht zu genießen und beziehen sich immer nur auf hervorstechende Charakteristika bestimmter Leitmilieus, die aber häufig als Eigenschaften einer ganzen Generation wahrgenommen werden. So muss man beispielsweise heute zwischen der wachsenden Gruppe junger, akademisch gebildeter Menschen und Personen der unteren Mittelschicht mit einem Haupt- oder Realschulabschluss unterscheiden, die früh eine Ausbildung machen, in einem Industriebetrieb arbeiten und eine Familie gründen.

Die Bandbreite der jugendkulturellen Ausdrucksformen ist groß?
Da gibt es sehr große Unterschiede, die eine schaut sich den halben Tag Schminktipps auf Youtube an, andere engagieren sich stattdessen auf dem Land bei der freiwilligen Feuerwehr. Mediennutzungsstudien zeigen, dass die Bandbreite riesig ist, wie viel Zeit die Jugendlichen online verbringen, aber auch auf welche Inhalte sie zugreifen. Manche beschaffen sich lediglich Informationen am Computer, andere daddeln den ganzen Tag.

Unterscheidet sich die Jugendkultur in der Stadt und auf dem Land?
Bei der Mediennutzung gibt es kaum noch ein Gefälle. In funktionierenden dörflichen Strukturen ist jedoch die Schwelle zur Nutzung organisierter Freizeitangebote etwas geringer. Der Aufwand ist auch wegen der kürzeren Wege kleiner. Ein wichtiger Trend ist, dass ein immer geringerer Anteil von Jugendlichen in Gemeinden unter 20 000 Einwohnern lebt.

Ist die intensive Mediennutzung nur eine vorübergehende Modeerscheinung oder bewirkt sie einen tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft?
Beides, wobei es schon immer Wellen in der Mediennutzung gab. In den 70ern und 80ern erschien es als riesige Umwälzung, als Kinder auf einmal zwischen verschiedenen TV-Programmen hin- und her zappten und länger als jemals zuvor vor dem Fernseher saßen. Vor zehn Jahren kam das iPhone auf den Markt und das einzige, was wir heute wissen, ist: In zehn Jahren wird sich die Zukunft erneut komplett gewandelt haben. Bedenklich sind jedoch Veränderungen im Kommunikationsverhalten, denn es macht einen Unterschied, ob man mit jemanden persönlich redet oder im stillen Kämmerlein Nachrichten ins Smartphone tippt, ob man seinen Horizont erweitert, indem man über Whatsapp mit Menschen auf der anderen Seite der Welt kommuniziert oder mit jemanden, der sich im gleichen Raum befindet.

Interview: Franziska Schubert

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