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Jürgen Rockstroh "Unwissentlich infiziert"

Der Aids-Experte Jürgen Rockstroh fordert im FR-Interview verstärkte Test-Kampagnen, weil es eine erschreckend große Gruppe von Menschen gibt, die gar nicht wissen, dass sie infiziert sind.

25.10.2008 00:10
Modell des Aids-Virus
Darstellung des HIV (Humanes Immunschwäche-Virus), des Erregers der Immunschwäche-Krankheit Aids. Das Modell basiert auf Erkenntnissen des Epidemiologen M. Koch und zeigt das nur zehntausendstel Millimeter große, runde Virus mit seinen knopfartigen Auswüchsen, den sogenannten Glykoproteinen. Bei der Infektion klammert sich das Virus mittels der Knopf-Proteine an eine Zelle und dringt ein. Foto: dpa

Herr Professor Rockstroh, es gibt gute Nachrichten. Nachdem die südafrikanische Regierung lange Zeit die Existenz von Aids-Viren geleugnet hat, geht die neue Gesundheitsministerin Barbara Hogan aktiv gegen die Krankheit vor.

Glücklicherweise werden HIV und Aids von der neuen Regierung nun realistisch gesehen. Allerdings hat sich auch Nelson Mandela sehr für die Aids-Kranken eingesetzt. Immerhin hat im Jahr 2000 die große Welt-Aids-Konferenz in Durban stattgefunden. Das hat eine Öffnung dem Thema gegenüber eingeleitet. Und 2005 starb der älteste Sohn Mandelas an Aids.

Barbara Hogan rief die Wissenschaftler jetzt auf, die Bemühungen zur Entwicklung eines Impfstoffes zu intensivieren. Sie selbst haben an Impfstoff-Tests mitgearbeitet. Warum gibt es den noch immer nicht?

Das HI-Virus ist außerordentlich wandlungsfähig und kann sich dem menschlichen Immunsystem immer wieder entziehen. Jeder, der HIV hat, entwickelt Antikörper. Aber die prallen wirkungslos an den Viren ab. Der erste Impfstoff, der vor vier Jahren an gesunden Freiwilligen in Deutschland getestet worden ist, hat leider kaum eine Antwort des Immunsystems ausgelöst. Dabei hatten wir im Tiermodell sehr gute Reaktionen, leider aber nicht beim Menschen. Aus diesen Misserfolgen lernen wir allerdings auch, wie sich das Virus verhält und worauf das menschliche Immunsystem reagiert. Das wird ein mühevoller Weg über Jahrzehnte - falls wir überhaupt jemals erfolgreich sein werden.

Von der ersten Idee bis zur Anwendung am Menschen vergehen rund zehn Jahre. Gibt es keine neuen Ansätze für einen Impfstoff?

Wir haben zunächst einmal eines lernen müssen: Es ergibt keinen Sinn, bereits jetzt Tests an sehr vielen Menschen zu machen. Es sind Millionen Euro für solche massenhaften Impfungen in Afrika ausgegeben worden, bei denen sich die Geimpften fatalerweise häufiger mit HIV angesteckt haben als die Placebogruppe. Wir müssen mit unseren Impfstoff-Kandidaten zurück ins Labor.

Die älteste Blutprobe, in der das HI-Virus entdeckt worden ist, stammt aus dem Jahr 1959. Mitte der 80er Jahre trat dann die Infektion gehäuft auf. Was ist das Besondere am HI-Virus?

Es gibt auch viele andere Viren, gegen die es noch keinen Impfstoff gibt. Denken Sie nur an Hepatitis C. Zudem kommen Viren oft in sehr vielen Varianten vor, so dass es auch da schwierig ist, für alle Subtypen einen Impfstoff zu entwickeln.

In diesem Jahr ging der Medizin-Nobelpreis an den deutschen Krebsforscher Harald zur Hausen sowie an zwei französische Entdecker der Aidsviren, Luc Montagnier und seine Kollegin Françoise Barré-Sinoussi. Der US-Forscher Robert Gallo, der sich als Entdecker des Aids-Virus feiern ließ, ging leer aus. Fanden Sie das gerecht?

Ach ich weiß nicht. Das wurde damals auf politischer Ebene entschieden. Auf jeden Fall hat Gallo viel zur Erforschung des Virus beigetragen. Mit seinem Bluttest haben wir die ersten Kranken diagnostiziert. Gut finde ich, dass Frau Barré-Sinussi geehrt wurde, die hat ja wahrscheinlich die Hauptarbeit gemacht.

In den Industrieländern kann Aids heute mit Medikamenten in Schach gehalten werden. Hat das zu einer neuen Sorglosigkeit geführt?

Zunächst einmal gibt es eine erschreckend große Gruppe von Menschen, die gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Das sind etwa 30 Prozent der Infizierten in Westeuropa, in Osteuropa bis zu 70 Prozent. Die geben ihre HIV-Infektion unwissentlich weiter. Das große Thema auf den Europäischen Aids-Kongress im kommenden Jahr werden neue Test-Kampagnen sein. Wir müssen Infizierte möglichst früh herausfischen, um sie besser behandeln zu können. Umfragen zeigen, dass die Hochrisikogruppen öfter die Kondome weglassen - im Vertrauen auf die Behandlung. Das ist ein böser Trugschluss, denn die Medikamente sind belastend und nicht jeder kann gerettet werden.

In Osteuropa breiten sich gemeinsam mit Aids resistente Tuberkulosestämme aus, auch die Infektionen mit den klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Lues nehmen zu. Öffnen diese Erreger sich gegenseitig die Pforten?

Bei vielen Geschlechtskrankheiten kommt es zu Defekten an den Schleimhäuten. Dadurch kommt es leicht zu Zweitinfektionen, etwa mit HIV, Hepatitis B oder C.

Unsere Aufklärungskampagnen sind teilweise humorvoll. Viele kleine Früchtchen mit Kondom sorgten für ein Schmunzeln beim Betrachter. Kommt das bei den Betroffenen an?

Leider nicht bei allen. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren jeweils rund 20 Prozent mehr Neuinfektionen in Deutschland. Ähnlich sieht es in Österreich, der Schweiz und in den USA aus. Die Gesellschaft hat sich verändert. Viele Menschen haben heute häufiger wechselnden Geschlechtsverkehr, auch der Tourismus beschleunigt das. In Deutschland ordnet man die Infektion vor allem Männern zu, die Sex mit Männern haben. Viele sagen sich, ich bin nicht schwul, da kann mir nichts passieren. Aber die Sexualität geht verschlungene Pfade. Da kann man sich bei jemandem infizieren, von dem man es nicht erwartet hätte. An der Nasenspitze kann man es nicht ablesen.

Der Sexualaufklärer Oswalt Kolle hat gesagt, ohne ihn hätte die Prävention von Aids in den 80er Jahren nicht so tabufrei und offen diskutiert werden können. Was meinen Sie?

Kolles Aufklärung war Gold wert. Es gibt ja Länder wie die Ukraine oder Russland, die in der Sexualaufklärung auf unserem Stand der 60er Jahre stehen. Dort wird Homosexualität weiter diskriminiert und Drogenkonsum sofort kriminalisiert. Deshalb haben wir in diesen Ländern teilweise zehnfache Infektionszuwachsraten. Dass wir heute in Deutschland im Vergleich zu Europa mit die niedrigsten Infektionsraten haben, verdanken wir dieser frühen und sehr offenen Aufklärung.

Sie sprachen die Drogenbenutzer an, die sich beim Nadeltausch infizieren. Auch hier mussten die Politiker über ihren Schatten springen. Bei uns ist Drogenkonsum weiterhin strafbar, dennoch werden saubere Spritzen verteilt und Druckräume angeboten.

Leider wird das noch viel zu selten angeboten. Länder, die solche Programme gestartet haben, zeigen, dass die Rate der Neuinfektionen stark sinkt. Auch die Methadon-Programme und die kontrollierte Vergabe von Heroin an Schwerstabhängige hat sich sehr positiv ausgewirkt. Leider gibt es noch viele Politiker im Ausland, die meinen, da würde ja die richtige Gruppe getroffen. Die übersehen nur, dass auch Drogenkonsumenten Sex haben. Das wandert in alle Bevölkerungsgruppen hinein. Und dann ist - wie in Afrika - die Schlacht erst einmal verloren.

Wir sind mitten in einer internationalen Finanzkrise. Innerhalb kürzester Zeit sind milliardenschwere Rettungspakete geschnürt worden. Hätten Sie sich ein solch entschlossenes Vorgehen auch bei Aids gewünscht?

Das würde ich mir sehr wünschen. Die finanziellen Zusagen, die auf den Aids-Konferenzen gegeben wurden, sind ja niemals eingehalten worden. Wir müssen dauerhaft eine sichere Versorgung der Infizierten sicherstellen. Es nutzt nichts, da ein paar Medikamente hinzustellen. Es muss Menschen vor Ort geben, die die sachgerecht verteilen. Und ich bin gegen eine Zwei-Klassen-Medizin, in der veraltete Präparate mit furchtbaren Nebenwirkungen verteilt werden, die wir vor zehn Jahren eingesetzt haben.

Da sind wir bei der Forderung an die Pharmaindustrie, den Patentschutz für arme Länder zu lockern.

Wir sehen in Ländern wie Brasilien oder Indien, die den Patentschutz brechen, dass das zu viel besseren Versorgungssituationen geführt hat.

Was kostet es in Deutschland pro Monat, einen Patienten zu versorgen? Und wie viel in Indien?

Bei uns muss man rund 1000 Euro ansetzen, in Indien schafft man das mit zehn Euro. Allerdings muss man dazu sagen, dass die Entwicklung dieser Medikamente hunderte Millionen Euro verschlungen hat. Dass die Pharmafirmen damit nun Geld verdienen ist auch berechtigt.

Herr Professor Rockstroh, wo werden wir in zehn Jahren stehen?

Ich befürchte, dass wir dann noch immer keinen Impfstoff zur Verfügung haben. Aber es wird nebenwirkungsarme Medikamente geben, die dauerhaft über Jahrzehnte hinweg das Virus im Körper in Schach halten können.

(Interview: Karl-Heinz Karisch)

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