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Johanna Wanka „Wir ostdeutschen Politiker haben uns zu wenig Mühe gegeben“

CDU-Politikerin Johanna Wanka blickt zurück auf ihre Karriere und die Zeit als Bundesbildungsministerin. Und sie begründet, warum es auch 30 Jahre nach der Einheit einen Ostbeauftragten geben muss.

Johanna Wanka
„In Behörden, Gerichten, Krankenhäusern sind Ostdeutsche total unterrepräsentiert“, sagt Johanna Wanka. Foto: BMBF/Rickel

Frau Wanka, erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag?
Noch sehr gut. Ich komme ja aus einem kleinen Dorf mit gut 100 Einwohnern, mein Vater war einer der sieben größeren Bauern im Ort. Wir hatten dort eine kleine Schule bis zur vierten Klasse. Am ersten Schultag meinte die Schulleiterin, aus mir könnte vielleicht mal eine tüchtige Köchin werden. Das fand ich schön, weil ich sehr gern koche.
 
Sie gehörten nicht zu den Pionieren, der sozialistischen Massenorganisation für Kinder. Waren Sie eine Außenseiterin?
Ja, politisch war ich eine Außenseiterin, weil ich ohne Pionierkleidung auffiel. Das hat mich aber gestärkt, weil ich mich behaupten musste. Im Unterricht war ich nie Außenseiterin. Da war ich eine leistungsstarke Schülerin.
 
Was vom Schulsystem in der DDR haben Sie in guter Erinnerung?
Das sind einzelne Lehrer, die meine Haltung geprägt haben. Ab der fünften Klasse war das meine Deutschlehrerin. Sie hat mich immer gefördert, mir zusätzliche Aufgaben gegeben oder Bücher empfohlen, die wir im Unterricht nicht behandelt haben. Nie vergessen habe ich ihr Selbstbewusstsein. Sie kam immer elegant mit rotgeschminktem Mund zur Schule. Das war sonst auf dem Dorf nicht üblich.
 

Ist das auch Ihr Fazit als Bildungsministerin, dass einzelne Lehrer wichtiger sind als der Streit um Schulsysteme?
Ja. Ganz wichtig ist es, auf die Persönlichkeit des Einzelnen eingehen. Schule ist dann gut, wenn sie Kindern mit ganz unterschiedlichen Begabungen maximale Möglichkeiten bietet.
 
Ist es eine gute Idee, alle Schüler so wie zu Ihrer Zeit lange gemeinsam zu unterrichten?
Da kann ich kein Pauschalurteil abgeben. Damals wurde erst in der achten Klasse entschieden, wer Abitur machen darf. Das ist später als heute, aber zu meiner Zeit haben vielleicht ungefähr zehn Prozent der Schüler Abitur gemacht. Das kann man mit heute nicht vergleichen. 
 
Sie haben es als Mädchen vom Bauernhof zur Mathematik-Professorin gebracht. Wie können Schulen solche Karrieren unterstützen?
Wir haben das Problem, dass der Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Schichten im Vergleich zu anderen Ländern niedrig ist. Leute wie der frühere Bahnchef Hartmut Grube oder ich, die wir die ersten Akademiker in der Familie sind, müssen da Mut machen und ein Vorbild sein. 
 
Was hat Sie als Kind ermutigt?
Ich habe mir immer ein Elternhaus mit vielen Büchern gewünscht. Das hatte ich nicht, aber meine Eltern und vor allem meine Großeltern haben mich machen lassen. Wenn ich lernen oder lesen wollte, konnte ich das tun und musste nicht mithelfen. Im Garten oder im Haushalt habe ich nur geholfen, wenn ich Lust dazu hatte. 
 
 

Als Wissenschaftlerin und später als Rektorin haben Sie 23 Jahre in Merseburg gelebt. Woran erinnern Sie sich gern?
Unsere Kinder sind dort geboren, es war eine sehr intensive Lebenszeit. Die Freunde von dort sind immer noch meine engsten Freunde. Weil in der DDR für Leute wie uns die beruflichen Möglichkeiten so begrenzt waren, war der Freundeskreis sehr wichtig, die Diskussionen über Bücher und über Politik.
 
Was aus Ihrer Zeit als Merseburger Rektorin hat Ihnen später als Ministerin geholfen?
Als Rektorin brauchte ich für Entscheidungen die Mehrheit im Hochschulsenat. Dafür musste ich sehr viel reden, Meinungen anhören, überzeugen. Das war ein hartes Training. 
 
Sie waren erst Ministerin in Brandenburg, dann in Niedersachsen. Sie galten als die erste Ost-Ministerin in einem West-Kabinett. Warum ist das so selten?
Bis heute hat es das nicht wieder gegeben. Selbst in Ostdeutschland sind ja in Behörden, Gerichten, Krankenhäusern Ostdeutsche total unterrepräsentiert. Das sollte so nicht bleiben. Wir waren 1990 froh, dass Menschen aus den alten Bundesländern kamen. Wir brauchten sie ja. Jetzt aber gibt es da sehr stabile Netzwerke. Wir ostdeutschen Politiker haben uns zu wenig Mühe gegeben, unsere eigenen Netzwerke zu pflegen.

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