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Jörg Baberowski Die Selbstinszenierung eines Rechten

Schluss mit der Reinwaschung: Der Historiker Jörg Baberowski ist vor Gericht gescheitert. Die Kritik an den rechtsradikalen Positionen des Berliner Historikers ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Der Gastbeitrag.

Jörg Baberowski
Jörg Baberowski bagatellisiert die Gewalt, der Flüchtlinge aktuell ausgesetzt sind. Foto: imago

Manchmal sind nicht die Urteile der Gerichte das Entscheidende, sondern deren Nicht-Urteile. So auch in der vergangenen Woche, als das Oberlandesgericht Köln in der Causa Jörg Baberowski zwar kein Urteil verkündete, aber in der Berufungsverhandlung deutlich machte, dass die Kritik an den rechtsradikalen Positionen des Berliner Historikers von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Der Wissenschaftler, der seine studentischen Kritiker mit einer Unterlassungsklage beim Kölner Landgericht überzogen hatte, müsse auch scharfe Kritik hinnehmen. Um die Begründung des Gerichts nicht in einem Urteil lesen zu müssen, zog der Anwalt Baberowskis die Klage zurück.

Damit geht nicht nur ein Gerichtsverfahren zu Ende, sondern auch ein absonderliches Schauspiel der Selbstinszenierung. Seit Monaten breitet Jörg Baberowski in den Feuilletons das Narrativ aus, dass er Opfer linker Tugendwächter sei, die Psychoterror gegen ihn ausübten. Auch in den Solidaritätsadressen lautet der Tenor, dass mit Baberowski ein angesehener Wissenschaftler, Preisträger der Leipziger Buchmesse zumal, zu Unrecht diffamiert werde: Übertriebene „Political Correctness“ statuiere Denkverbote und bezeichne jeden als „rechtsradikal“, der nicht links sei.
Selbst das Präsidium der Humboldt-Universität fühlte sich dazu genötigt, in einer Stellungnahme zum erstinstanzlichen Urteil des Landgerichts Köln im März diesen Jahres seinem Wissenschaftler zu bescheinigen, dass seine „wissenschaftlichen Äußerungen... nicht rechtsradikal“ seien.

Das Scheitern Baberowskis in Köln sollten die Unterstützer nun aber zum Anlass nehmen, sich von ihren voreiligen Reinwaschungen des Wissenschaftlers zu distanzieren. Wenn das Oberlandesgericht nach genauer Analyse von Baberowskis Schriften und tagespolitischen Äußerungen festhält, dass er sich die Kritik an seinen Positionen als rechtsradikal gefallen lassen muss, hat das Gründe. Diese sind in den Arbeiten Baberowskis selbst zu suchen.

Dabei kann man nicht den exzellenten Wissenschaftler vom rechtsradikalen Autor tagespolitischer Texte unterscheiden. Vielmehr verschmelzen bei Baberowski wissenschaftliches Œuvre und tagespolitische Äußerungen zu einem Amalgam rechtsradikaler Kritik, das durchsetzt ist von geschichtsrevisionistischen und nationalistischen Motiven.

Man muss dies nicht nur benennen dürfen, sondern es ist geradezu Aufgabe verantwortlicher Wissenschaft, Rechtsradikalismus da, wo er sich artikuliert, zu bezeichnen. Dabei geht es nicht darum, einzelnen Personen Schaden zuzufügen, sondern der Selbstverständlichkeit der rechten Rede in der Wissenschaft und den Bildungsinstitutionen entgegenzutreten.

Baberowskis Revisionismus äußert sich zunächst in seiner Rehabilitierung von Ernst Nolte. Im Februar 2014, ein Jahr vor Erscheinen seines Buches „Räume der Gewalt“, verteidigte Baberowski in einem Interview mit dem „Spiegel“ Nolte. Nolte, sagte Baberowski damals, „wurde Unrecht getan. Er hatte historisch Recht.“ Baberowski bezog sich hier auf Noltes Leugnung der Singularität des Holocaust. Jürgen Habermas hatte diese Leugnung 1986 zum Anlass für den Historikerstreit genommen und Ernst Nolte genau das vorgeworfen, für das Baberowski ihn nun historisch rehabilitieren möchte: Geschichtsrevisionismus.

Das Zitat im „Spiegel“ 2014 korrespondiert mit Baberowskis wissenschaftlicher Ausarbeitung der Gewaltthesen. In seiner Monografie zu den Räumen der Gewalt argumentiert Baberowski revisionistisch und führt stalinistische und nationalsozialistische Gewalt jeweils auf eine anthropologische Konstante zurück, die strukturell gleich sei; kein Wort zur Singularität des Holocaust; keine Rede davon, dass der Holocaust auf einem beispiellosen „Antisemitismus“ aufsetzte.

Richtet sich noch für Adorno die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, zuvörderst an die Erziehung im Kampf gegen den Antisemitismus, tilgt Jörg Baberowski Antisemitismus gänzlich aus seinem Erklärungsmodell für nationalsozialistische Gewalt. Kein einziges Mal kommt das Wort Antisemitismus in seiner Gewaltstudie vor. Baberowski bleibt aber nicht dabei stehen, dem Holocaust die Singularität abzusprechen. Er geht noch einen Schritt weiter. Im erwähnten „Spiegel“-Interview sagt er: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird. Stalin dagegen hat die Todeslisten voller Lust ergänzt und abgezeichnet, er war bösartig, er war ein Psychopath.“

Dieses Zitat hat Baberowski in den vergangenen Monaten mehrfach gerechtfertigt. Es basiert auf der bereits historisch falschen Behauptung, Hitler habe zu Tisch nicht über die Judenverfolgung gesprochen. Im Auftrag Bormanns sind Hitlers Tischgespräche in der Wolfsschanze dokumentiert. Da kann man nachlesen, dass Hitler zu Tisch „die absolute Ausrottung“ der Juden thematisiert hat. Aber selbst wenn die Behauptung Baberowskis zuträfe: Aus einem Schweigen zu Tische über das Unmenschlichste kann nicht darauf geschlossen werden, dass Hitler „nicht grausam“ gewesen sei.

Es gibt, anders gesagt, keinen denkbaren Kontext, in dem Baberowskis Zitat, dass Hitler nicht grausam gewesen sei, nicht widerlich wäre. Grausamkeit ist eines der rechtlichen Mordmerkmale. Der Täter handelt gefühllos und unbarmherzig. Was aber war der Holocaust, wenn nicht ein grausamer Massenmord, der zu Recht zu Verurteilungen bei den Nürnberger Prozesse führte?

Baberowski argumentiert daneben in seinen tagespolitischen Äußerungen offen nationalistisch. Das wird nicht nur deutlich, wenn er im Herbst 2015 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Hinblick auf die Flüchtlingsintegration meint, diese gefährde den „Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht“, sondern zeigt sich auch daran, dass er im Hinblick auf Menschen, „die uns und unsere Lebensweise vernichten wollen“, Gewalt einfordert.

So ruft er in einem Interview mit der „Baseler Zeitung“ im vergangenen Jahr zur gewaltförmigen Gegenwehr auf: „Wir befinden uns im Krieg. Wie aber soll man einen Krieg beenden, wenn man nicht kämpfen will?...Wer keine andere Sprache als die Gewalt versteht, soll sie auch zu spüren bekommen.“

Zugleich bagatellisiert Baberowski die Gewalt, der Flüchtlinge ausgesetzt sind und meint „angesichts der Probleme, die wir in Deutschland haben mit der Einwanderung, die jetzt gerade stattfindet, ist es ja eher harmlos, was wir haben.“ Tote Flüchtlinge im Mittelmeer, fremdenfeindliche Übergriffe in Deutschland, brennende Flüchtlingsheime – Gewalt gegen Flüchtlinge ist für den Gewaltforscher „eher harmlos“ und stellt eine verständliche Reaktion auf Probleme mit der Einwanderung dar.

Baberowski versucht, seine revisionistische und nationalistische Rede als „neue Mitte“ zu definieren und verwahrt sich dagegen, als das bezeichnet zu werden, was er ist: rechtsradikal. Ihm ist es – und das ist das eigentlich Erschreckende – über Monate gelungen, für seine rechtsradikalen Äußerungen Resonanz zu finden und immer neue Unterstützer zu mobilisieren, die ihm vorbehaltslos attestiert haben, nicht rechtsradikal zu argumentieren.

Während Baberowski diejenigen diskreditiert, die ihn wegen seiner Äußerungen kritisierten, während er studentische Kritiker einschüchtert und über gerichtliche Verfügungen mundtot zu machen sucht, nimmt er zugleich für sich die Freiheit der Rede in Anspruch.

Dass das Präsidium der Humboldt-Universität zu der Perfidie dieses Vorgehens – die sich gerade auch gegen Studierende richtet – in ihrer unterstützenden Stellungnahme im März kein Wort verliert und ihrem Professor stattdessen bescheinigt, im wissenschaftlichen Werk „nicht rechtsradikal“ zu argumentieren, zeigt, wie erschreckend normal die rechte Rede an Universitäten bereits geworden ist.

Gerade eine Exzellenzuniversität sollte Maßstäbe setzen, wenn es darum geht, Rechtsradikalismus in der Wissenschaft offenzulegen und zu kritisieren. Dabei gilt es natürlich Maß zu halten. Übergriffe auf Wissenschaftler sind inakzeptabel. Auch Radikalenerlasse und Berufsverbote sind der falsche Weg. Aufgabe verantwortlicher Wissenschaft ist es aber zu sagen, was der Fall ist und rechte Ideologie als solche zu entlarven.

Wer die freie Rede über Rechtsradikalismus verbieten will, nimmt der Wissenschaft die einzige Waffe, mit der sie sich gegen rechts wehren kann. Eine Universität, die trotz des Scheiterns von Jörg Baberowski vor dem Oberlandesgericht in Köln daran festhält, dass ihr Wissenschaftler nicht rechtsradikal argumentiert, schützt nicht – was ein legitimes und angemessenes Anliegen wäre – die Freiheit der Forschung oder die Integrität und Person eines Mitarbeiters vor Verleumdung, sondern sie macht sich zur Komplizin rechter Wissenschaft.

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