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Islamunterricht Nach dem Ramadan gibt es Süßes

In diesem Jahr ist der islamische Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen gestartet. Zunächst werden Grundschüler unterrichtet, nächstes Jahr sollen weitere Jahrgänge folgen. In Hessen gibt es bisher nur Vorgespräche mit Vertretern aus Glaubens- und Regierungskreisen.

16.11.2012 12:57
Gudrun Weitzenbürger
Lehrer im islamischen Religionsunterricht, Bonn. Foto: dpa

Alle Namen der Propheten wollen die Grundschulkinder kennenlernen. Sie wollen wissen, was es mit der rituellen Waschung auf sich hat und warum Kinder am Ende des Ramadan Süßigkeiten geschenkt bekommen. Der Religionslehrer Selahatin Yilmaz ist geduldig. Er sitzt mit den 19 Kindern im Kreis auf dem Boden. Vor ihm liegen bunte Legeplättchen auf einem dunklen Filz.

Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundesland mit einem im Gesetz verankerten Anspruch auf Religionsunterricht für islamische Kinder. Selahatin Yilmaz will als Lehrer Werte wie Gerechtigkeit, Geduld, Mitgefühl, Toleranz und Respekt vermitteln. Er unterrichtet islamische Religion zwei Stunden wöchentlich parallel zur katholischen und evangelischen Religion an der Wittekind-Grundschule im Kreis Unna.

Beirat erteilt Lehrerlaubnis

Der islamische Religionsunterricht löst die Islamkunde ab, die bisher rein wissenschaftliche Fakten gelehrt hat, jedoch keine religiösen Bestandteile vermittelte. Unterrichtssprache ist Deutsch. In diesem Schuljahr werden zunächst Grundschulkinder unterrichtet, im nächsten sollen die weiterführenden Schulen folgen.

Zwar gibt es noch keinen Lehrplan für dieses Fach, doch die Bezirksregierung Arnsberg hat eine spezielle Genehmigung erteilt. Die Lehrer mussten sich zusätzlich ein Jahr lang fortbilden. Für Selahatin Yilmaz galt das nicht. Er hat islamische Religionspädagogik in Karlsruhe studiert.

In Nordrhein-Westfalen gibt es etwa 300.000 bekennende muslimische Schüler. Eine Mehrheit von ihnen wird bereits jetzt in Islamkunde unterrichtet. Doch für den gesetzlich verankerten Konfessionsunterricht gibt es kaum voll ausgebildete Religionslehrer.

Neun Lehramtsanwärter an der Universität Münster sind auf dem Weg zu einem Abschluss als islamische Theologen. Sie können anschließend Religion als Ergänzungs- oder Drittfach unterrichten. Ab diesem Semester ist es auch möglich, den Religionsunterricht als Hauptfach zu studieren, sagt Mouhanad Khorchide, der Lehrstuhlinhaber für das Fach Islamistik. Er rechnet mit einigen Dutzend Interessenten. Das Studium dauert fünf Jahre, die Referendarzeit schließt sich mit weiteren 18 Monaten an.

Viele Eltern waren mit dem Islamkunde-Unterricht, der nur weltanschauliche Inhalte vermittelt hat, im Grunde zufrieden. Vor etwa zehn Jahren wurde er eingeführt. 80 Lehrer, oftmals Islamwissenschaftler, sind dafür als Seiteneinsteiger in den Schuldienst gelangt. So auch Lamya Kaddor. Die 34-Jährige unterrichtet an einer Hauptschule in der Kleinstadt Dinslaken, nördlich von Duisburg. Lamya Kaddor ist nicht nur Lehrerin, sie hat an dem Schulbuch Saphir mitgearbeitet, das für den Islamunterricht im Kösel-Verlag erschienen ist.

Chance zur Integration

„Der Religionsunterricht unterscheidet sich inhaltlich nicht wesentlich vom Islamkunde-Unterricht“, sagt Kaddor. Es seien die gleichen Schüler, die die gleichen Fragen stellten. Für ihre Unterrichtsbefähigung im Islamunterricht muss sich Lamya Kaddor bald dem islamischen Beirat stellen. Er prüft, ob sie den islamischen Glauben vertreten darf, und ist berechtigt, ihr, der studierten Islamwissenschaftlerin, eine Lehrerlaubnis zu erteilen.

„Es ist grotesk“, sagt sie. „Im islamischen Glauben ist verankert, dass nur Gott prüfen kann, ob man wirklich gläubig ist.“ Kaddor kritisiert den Beirat, der hauptsächlich mit Vertretern aus konservativen Gruppierungen besetzt ist. So könne es keine erschöpfende Auseinandersetzung mit der Religion geben, sagt Kaddor, die über einige Inhalte gern auch kontrovers diskutieren möchte. Warum beispielsweise sieht die Religion vor, dass ein Erbe zu zwei Dritteln an Söhne, aber nur zu einem Drittel an Töchter geht – gilt das heute noch? Sie sieht es als ihre Aufgabe, dogmatische Inhalte zu vermitteln, doch diese auch hinterfragen zu dürfen – gemeinsam mit den Schülern.

Der Beirat, der die Lehrerlaubnis erteilt, ist nicht nur eine Hürde für liberale Muslime, sondern auch für die Schulbehörden. Mit acht Mitgliedern soll er annähernd die islamische Religionsgemeinschaft repräsentieren. Die gibt es aber verfassungsrechtlich nicht. Die vier existierenden Verbände werden vom Gesetz nicht anerkannt, sie erfüllen nicht die Merkmale einer Religionsgemeinschaft. Vier Vertreter im Beirat sollen von den muslimischen Verbänden entsandt und vier vom Schulministerium bestimmt werden. Für letztere aber braucht es die Zustimmung der Verbände. „Das ist ein Widerspruch in sich“, moniert Kaddor. Sie befürchtet, dass den konservativen Vertretern der islamischen Verbände zu viel Macht gegeben werde.

Andere Bundesländer sind zurückhaltend mit der Einführung des Religionsunterrichts für Muslime. In Niedersachsen gibt es nur Schulversuche, in Hessen Vorgespräche mit Vertretern aus Glaubens- und Regierungskreisen. In Berlin findet vereinzelt Religionsunterricht der konservativen Islamischen Föderation Berlin statt.

In Bayern bleibt man beim Islamunterricht. Vor einem Jahr wurde dort die Anzahl der Modellschulen erhöht. Trotzdem ist der Islamunterricht kein Konfessionsunterricht, betont das bayerische Kultusministerium. Er soll ein weiterer Versuch sein, Migrantenkinder und deren Eltern besser in die Gemeinschaft zu integrieren. Denn nur zehn Prozent dieser Kinder gehen auf die Realschule oder das Gymnasium.

„Die Kinder kennen den Islam“, sagt der nordrhein-westfälische Religionslehrer Selahatin Yilmaz. „Neu ist, dass sie nun die Begriffe in deutscher Sprache lernen und darüber reden können.“ Die Kultusministerien sehen darin auch eine Chance, die Deutschkenntnisse unter den Migrantenkindern zu verbessern. Nicht zuletzt verschafft jedes Land sich damit ein besseres Image und vielleicht auch ein besseres Abschneiden bei den Pisa-Tests.

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