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Interview zu Kunstfleisch Ein Hamburger aus dem Labor

Anfang des Jahres machte der niederländische Gefäßmediziner Mark Post weltweit Schlagzeilen, als er einen Hamburger mit künstlichem Fleisch ankündigte. Entwickelt wird es an der Universität Maastricht, das Geld kommt von einem anonymen Spender. Im November will Mark Post seinen Kunstburger dem Publikum vorstellen.

04.06.2012 15:02
Ob der Burger auch mit Kunstfleisch schmeckt? Foto: imago

Eigentlich hat Mark Post gar keine Zeit für künstliches Fleisch: Der 1957 in Amsterdam geborene Mediziner leitet das Institut für Physiologie an der Universität Maastricht und erforscht Mittel gegen Gefäßverschlüsse beim Menschen. Aber das Laborfleisch-Projekt, das er anfangs nur zum Spaß betrieben hat, beansprucht inzwischen fast seine ganze Energie. Gelingt das Vorhaben, das ein Sponsor mit 300.000 Euro fördert, hat Mark Post seine Kollegen in Europa und USA klar überholt. Gut zwei Dutzend Labors weltweit arbeiten an diesem Thema. Zusammen mit ihnen will Post den Kunstburger weiterentwickeln.

Werden Sie den Termin im November schaffen?

Ja, sicher. Hier in meinem Labor laufen gerade die technischen Vorbereitungen. Nach der Sommerpause fangen wir mit der Produktion an. Drei Monate wird es dauern, dann haben wir genug Fleisch für einen Hamburger. Im November wollen wir ihn öffentlich grillen und verspeisen.

Warum machen Sie so ein Spektakel daraus?

Weil ich unbedingt will, dass aus dem Projekt etwas wird. Noch stehen wir ganz am Anfang. Was wir Ende des Jahres vorstellen, ist nicht mehr als ein Prototyp, der beweisen soll, dass künstliches Fleisch im Prinzip möglich ist. Um ein marktreifes Produkt zu entwickeln, werden wir sehr viel Geld brauchen. Das Grillfest wird, so hoffe ich, Investoren auf uns aufmerksam machen.

Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Allein die Herstellung unseres Viertelpfünders verschlingt schon eine Viertelmillion Euro.

Und das ist erst der Anfang?

Ja, wahrscheinlich sind mehrere hundert Millionen Euro erforderlich, um irgendwann einmal gutes Laborfleisch zum günstigen Preis anbieten zu können. Es handelt sich um ein gigantisches Vorhaben, gewissermaßen um ein Manhattan-Projekt der Welternährung.

Ist der Vergleich nicht zu hoch gegriffen?

Nein, ich glaube, die Dimension stimmt. Aber statt der Welt zu schaden, wie das Atombomben-Projekt, wird Labor-Fleisch von großem Nutzen sein. Es wird die traditionelle Fleischproduktion ablösen. Zum Glück! Denn die Viehmast beansprucht heute schon siebzig Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen und nahezu zehn Prozent des Süßwassers. Sie verursacht fast ein Fünftel aller Treibhausgase. Das ist eine Riesenbelastung. Und sie wächst ins Unerträgliche, wenn sich der Fleischkonsum bis 2050 verdoppeln sollte, wie die Welternährungsbehörde FAO prognostiziert. Hinzu kommen die Probleme der Massentierhaltung und das große ethische Dilemma: Millionen Tiere müssen ihr Leben für den Menschen lassen.

Sie kommen völlig ohne Schlachtung aus?

So weit sind wir noch nicht. Noch benötigen wir Stammzellen von Spendertieren. Irgendwann reicht vielleicht eine kleine Gewebeprobe. Falls künstliches Fleisch sich durchsetzt, würden millionenfach weniger Tiere als heute geschlachtet werden müssen. Ganz Deutschland könnte sich von einer Kuh ernähren.

Wie wird aus Tiergewebe Fleisch ?

Zuerst isolieren wir reife Stammzellen aus den Muskeln gesunder Rinder. Diese Zellen können sich noch in mehrere Richtungen entwickeln, in Muskeln oder Fett, aber ein ganzes Tier kann aus ihnen nicht mehr werden. Diese Zellen legen wir in eine Nährlösung auf der Basis von Rinderserum und beobachten, wie sie sich vermehren. Aus einer Stammzelle können eine Billion Körperzellen entstehen. In Zukunft wird der Prozess großtechnisch in Bioreaktoren ablaufen. Zurzeit passiert das alles noch in der Petrischale. Wir züchten separat Muskelzellen und Fettzellen, denn die beiden brauchen wir für unser Vorhaben. Vor dem Grillfest werden wir etwa dreitausend Gewebestückchen miteinander vermengen und einen Hamburger daraus formen.

Das klingt alles so einfach.

Für Hackfleisch wird die jetzige Methode ausreichen. Ein Steak könnten wir damit aber nicht herstellen. Dafür müsste das Fleisch in eine bestimmte Form wachsen und eine gewisse Dicke erreichen. Jetzt sind unsere Zellschichten aber höchstens einen Millimeter hoch. Das wird auch so bleiben, bis wir einen Weg finden, um Sauerstoff und Nährstoffe ins Fleischinnere zu leiten. Im Tier passiert das über die Blutadern.

Gibt es schon Ideen zur Lösung des Problems?

Man könnte die Zellen an einem Gerüst aus biologisch abbaubarem Material wachsen lassen. So ließe sich einerseits die Form des Fleischs bestimmen, andererseits wäre es möglich, Nährstoffe nach innen leiten. Ähnlich macht man das ja auch in der Medizin, bei der Züchtung von Gewebe für den Menschen.

Ist die medizinische Anwendung ein Vorbild für Sie und Ihre Kollegen?

Ja und nein. In beiden Fällen geht es darum, neues Gewebe zu schaffen. Aber wir haben es in gewisser Weise leichter. Unser Produkt muss nicht im Organismus funktionieren, es dient nur zum Verzehr.

Vor allem rotes Fleisch gilt ja nicht gerade als das gesündeste Lebensmittel. Können Sie daran etwas ändern?
Ja, indem wir die Fettzellen über die Komposition der Nährlösung so beeinflussen, dass sie statt der schädlichen gesättigten überwiegend mehrfach ungesättigte Fettsäuren produzieren. Kühe, die auf der Weide grasen, tun das von Natur aus, wir würden diese Eigenschaft nur verstärken. Man könnte auch, je nach Bedarf, Vitamine und Spurenelemente hinzufügen. Es wäre möglich, Fleisch von gleichbleibender Qualität zu erzeugen, frei von schädlichen Prionen, Viren und Bakterien.

Es gäbe keine Risiken mehr, kein Gammelfleisch?

Ganz ohne Risiko ist es nicht. Die gezüchteten Zellen könnten zu Krebszellen entarten. Das müsste man ständig kontrollieren.

Das klingt nicht gut.

Auch heute können Verbraucher nicht davon ausgehen, immer krebsfreies Fleisch zu bekommen. Und wir wissen nicht, was der Verzehr von solchem Fleisch in unserem Körper auslöst.

Wenn man das hört, möchte man zum Vegetarier werden.

Verstehe ich. Aber trotz aller Fleisch-Skandale sind in unseren Breitengraden nur fünf Prozent der Menschen Vegetarier. Dieser Anteil bleibt seit Jahrzehnten gleich. Die Menschen werden weiterhin gern Fleisch essen und je wohlhabender sie sind, desto öfter tun sie es.

Aber wird die Welt Ihr Kunstfleisch mögen?

Wenn man die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägt, spricht sehr viel für Fleisch aus dem Bioreaktor. Es muss gesund und preiswert sein, das ist klar.

Schmeckt es denn auch?

Sie werden es nicht glauben, aber ich habe noch nichts probiert. Ich esse den armen Doktoranden, die bisher nur kleine Mengen anfertigen konnten, ungern ihre Monatsproduktion weg.

Im November kommt die große Überraschung?

Ja. Bis dahin gehen wir mal davon aus, dass das Laborfleisch genauso schmeckt wie natürlich gewachsenes Rindfleisch. Die Zellen enthalten ja dieselben Komponenten.

Und wenn Ihr Gönner, der die bisherige Forschung bezahlt hat, beim Testessen das Gesicht verzieht?

Das wird er nicht tun. Es sind zu viele Kameras dabei.

Er wird also seine Anonymität lüften?

Bei dieser Gelegenheit, ja.

Zeigen McDonald’s, Nestlé und Co. schon Interesse an Ihrer Forschung?

Bisher leider noch nicht. Ich rechne aber bald damit.

Welche Rolle wird Kunstfleisch 2030 spielen?

Bis dahin wird traditionell erzeugtes Fleisch fast komplett ersetzt sein. Mit dem Durchbruch für Laborfleisch rechne ich in zehn bis fünfzehn Jahren. Vielleicht kann man sich in Zukunft sogar Stammzellen bestellen und zu Hause sein eigenes Fleisch züchten.

Interview: Lilo Berg

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