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Interview mit Psychologen Andreas Gold Vorwissen toppt Intelligenz

Zu Beginn der Schulzeit lernen fast alle Kinder gern, doch der Effekt nutzt sich ab. Psychologe Andreas Gold über kindliche Motivation und Mängel beim Lernen.

24.05.2011 17:26
Andreas Gold Foto: Uni Frankfurt

Herr Professor Gold, zu Beginn der Schulzeit lernen fast alle Kinder gern, doch der Effekt nutzt sich ab. Ist es ein Naturgesetz, dass aus fröhlichen Erstklässlern frustrierte Lerner werden?

Nein, das ist kein Naturgesetz. Aber wir Wissenschaftler beobachten flächendeckend, dass die Lernmotivation nach und nach schwindet. Schon ab der zweiten Klasse gibt es einen kontinuierlicher Abwärtstrend.

Warum?

Kleine Kinder sind gewohnt, aus Interesse an einer Sache und aus Neugier zu handeln. Psychologen nennen dieses Lernen aus eigenem Antrieb intrinsisch motiviertes Lernverhalten. Kinder gehen in einer Art Überoptimismus erst einmal davon aus, dass sie alles erreichen können, wenn sie sich nur genügend anstrengen.

Genau das bringen Motivationstrainer den Managern später wieder mühsam bei. Warum geht dieser kindliche Optimismus verloren?

In der Institution Schule werden die Kinder quasi umgepolt auf ein zweckgerichtetes Lernen, das sich an Belobigungen und anderen Formen von Leistungsrückmeldung orientiert. Das müssen nicht einmal Noten sein: Kinder ziehen auch ohne sie Rückschlüsse aus sozialen Vergleichen und stufen sich dann selbst ein: da bin ich besser oder schlechter als der andere; dafür bin ich begabt, dafür nicht. Das heißt aber nicht, dass die Lernfreude gänzlich zurückgeht. Die Freude an Tätigkeiten, die das Kind interessant findet, bleibt erhalten.

Heißt das, es muss seine ursprüngliche Offenheit aufgeben, um sein Interesse auf bestimmte Dinge zu lenken?

Sicher sind auch Schulen denkbar, wo sich die allgemeine Freude am Lernen und die generelle Offenheit länger hält als üblich.

Aber die Frustration kommt früher oder später dann doch?

Ich würde nicht von Frustration sprechen. Es ist eine neue Erfahrung, wenn die Institution Schule vermittelt: Du lernst auch, um etwas zu erreichen und die erreichten Leistungen werden bewertet. Ich glaube, dass man den Kindern das nicht ersparen kann. Sie müssen schließlich im Laufe des Lebens auch Dinge lernen und tun, die nicht sofort Spaß machen.

Das Einmaleins und Geschirrspülen zum Beispiel?

Ja, zum Beispiel. Der Schritt vom Kindergarten- zum Vorschulkind ist auch ein Schritt in die Gesellschaft.

Welche Rolle spielt Intelligenzbeim Lernen?

Am Schulbeginn spielt sie eine größere Rolle, weil die Kinder in fast allen Inhaltsbereichen noch ohne fachliche Vorkenntnisse sind, also so etwas wie Novizen. Doch dann geht die Bedeutung der allgemeinen intellektuellen Fähigkeiten zurück. Generell gilt für die Schullaufbahn: Vorwissen toppt Intelligenz. Fast alle schulischen Leistungen sind das Ergebnis kumulativer, also aufeinander aufbauender Lernprozesse. Die bereits vorhandenen Kenntnisse und Fertigkeiten sind dann wichtiger als die Intelligenz.

Was bedeutet das für den Umgang mit Lernschwierigkeiten?

Zum einen heißt es, dass Lernprobleme theoretisch alle Kinder treffen können. Zum anderen leite ich daraus positiv ab, dass die Pädagogen viel Spielraum haben, um zu intervenieren und zu helfen.

Was heißt das konkret?

Die Intelligenz kann man kaum beeinflussen, das Lernverhalten aber sehr wohl. Ein Kind mit vergleichsweise niedrigem IQ kann dennoch ein erfolgreicher Lerner werden. Gleichzeitig kann sich die Hochbegabte zur Schulversagerin entwickeln, wenn sich Vorkenntnisdefizite anhäufen: Wer das Einmaleins nicht beherrscht, wird später schwierigere Rechenoperationen nicht bewältigen.

Ab wann sprechen Sie von Lernschwierigkeiten?

Immer dann, wenn Lernen und Lehren scheitern und zum dringlichen Problem für Schüler, Lehrer und Familien werden. Es geht hier nicht um eine Fünf in Mathe. Die Lernprobleme, mit denen ich mich befasse, sind gravierende und oft dauerhafte Schwierigkeiten, die zu einem Teufelskreis werden können – leider besonders häufig für Schüler aus Zuwanderer- und Arbeiterfamilien. Lernschwierigkeiten sind ungleich verteilt.

Was bringt es den betroffenen Familien, wenn eine Lernstörung diagnostiziert wird, das Problem also einen Namen bekommt?

Vielen Eltern hilft eine gezielte Störungsdiagnose wie Lese- oder Rechtschreibstörung (LRS) sehr. Denn ohne Diagose verweigern die Krankenkassen oder Jugendämter die Finanzierung einer speziellen Förderung. Das gilt im Übrigen spiegelbildlich für die Hochbegabten: Hier kann die Diagnostik ebenfalls helfen, in den Genuss von Fördermaßnahmen zu kommen.

Das Kind braucht also erst einmal einen „Stempel“, damit ihm geholfen wird?

Ja, weil unser Schul- und Fördersystem so aufgebaut ist. Weil es aber viele Kinder mit Lernproblemen gibt, die eine LRS-Diagnose nicht erhalten, spreche ich lieber von Lernschwierigkeiten als von Störungen oder Behinderungen.

Wie lassen sich Lernschwierigkeiten vermeiden?

Man muss die Lernfortschritte der Kinder nicht akribisch überwachen, denn sie brauchen unterschiedlich viel Zeit, um ein Lernergebnis zu erreichen. Aber trotzdem sollte man darauf achten, dass sich nicht eine Lücke an die nächste fügt. Kumulierte Defizite sind irgendwann kaum mehr aufzuholen. Und natürlich gilt: Es muss frühzeitig und bedarfsgerecht gefördert werden.

Wer soll das leisten: die Eltern oder die Schule?

Wenn wir das unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit betrachten: ganz klar die Schule! Und zwar im Sinne einer Ganztagsschule. Sobald man die Lernunterstützung ausschließlich den Familien überlässt, funktioniert es bei den einen sehr gut, bei den anderen eben gar nicht. Im Idealfall ziehen Schule und Eltern natürlich an einem Strang – in die gleiche Richtung.

Kann eine Ganztagsschule solche sozialen Unterschiede ausgleichen?

Das ist ein hoher Anspruch. Man darf nicht den Fehler machen, Schulreformen zu überfrachten mit Zielen, die sie nicht erreichen können. Eine Ganztagsschule kann idealerweise dazu führen, dass die Effekte der sozialen Herkunft nicht größer werden. Und dazu, dass auch die Benachteiligten ein elementares Minimum an Bildung erreichen. Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit wäre das schon eine ganze Menge.

Interview: Katja Irle

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