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Interview mit leitender Oberärztin „Organentnahmen kosten Kliniken Geld“

Die Expertin sieht Scheuklappen in vielen Häusern. Auch für die Angehörigen ist das Thema emotional oft sehr belastend.

31.08.2010 21:23
Dr. Petra Wegermann (48) ist leitende Oberärztin und Transplantationsbeauftragte im Klinikum Kassel.

Frau Wegermann, bei wie vielen Entscheidungen über Organspenden werden Sie gerufen?

Das kommt höchstens zwei Mal im Monat vor. Zum Glück für die Patienten und zum Leidwesen für das Thema Organspende passiert es nicht häufiger, dass ein Patient an einem Hirntod stirbt.

Was ist Ihre Aufgabe als Transplantationsbeauftragte?

In unserer Klinik transplantieren wir ja nicht selbst, sondern stellen die Organspenderpatienten nur zur Verfügung. Immer dann, wenn bei einem Patienten ein Hirntod nachgewiesen wurde, er also ein potenzieller Organspender ist, werden wir Transplantationsbeauftragten von den Intensivstationen hinzugerufen.

Worauf kommt es bei der Zusammenarbeit mit den Intensivstationen an?

Es ist sehr wichtig, dass man potenzielle Organspender frühzeitig erkennt und man die Möglichkeit hat, den Hirntod bei diesem Patienten überhaupt nachzuweisen. In unserem Klinikum sind alle Mitarbeiter der Intensivstationen dafür sehr sensibilisiert und gut geschult. Zwei Oberärzte kümmern sich federführend um das Thema. Aber in vielen kleineren Kliniken wird sicher nicht immer erkannt, dass ein Patient an einem Hirntod stirbt.

Wo liegen die Probleme?

Schulungen alleine reichen nicht, es muss natürlich die entsprechenden Fälle geben. Wir haben durch die Größe unserer Klinik mit 1100 Betten das Patientenklientel und sehen daher häufiger Patienten, die an einem Hirntod sterben. In kleinen Kliniken gibt es vielleicht ein oder zwei Patienten pro Jahr, die überhaupt als Organspender in Frage kämen.

Dennoch stagniert die Organspendequote auch an den größeren Kliniken. Lohnt sich der aufwendige Eingriff einer Organentnahme einfach nicht?

Das sollte nicht das Thema sein, aber es ist sicherlich ein Grund, der zur geringen Zahl der Spendenorgane beiträgt. Dennoch muss sich eine Klinik in der entsprechenden Größe die Organspende zum Thema machen, weil es einfach Gemeinschaftsaufgabe ist. Das soll kein lukratives Geschäft sein, sondern im Vordergrund sollte die Möglichkeit stehen, anderen Menschen zu helfen. In vielen Kliniken hängt es insgesamt auch eher an den sehr knappen Personalressourcen. Die Ärzte haben kaum die Möglichkeit, Schulungen zu machen oder den Aufwand zu betreiben, um hinter der Sache zu stehen.

Reichen Appelle?

Naja, es wird ja momentan diskutiert, die Organspendeoperationen besser zu vergüten, so dass es zumindest kein Minusgeschäft für die einzelnen Häuser mehr ist und die Kosten gedeckt sind. Denn sobald der Hirntod festgestellt ist, ist der Patient kein Patient der Krankenkasse mehr, dann muss das Krankenhaus selbst aufkommen. Der Betrag, der momentan erstattet wird, deckt die Kosten und Einnahmeverluste wegen des bis zum Eingriff belegten Bettes auf der Intensivstation nicht immer.

Wird das Spender-Potenzial auch deshalb nicht genutzt, weil Ärzte Scheu haben, die Angehörigen darauf anzusprechen?

Das ist ein schwieriges Thema, weil es natürlich eine emotional sehr belastende Situation für die Angehörigen ist. Da ist es unglaublich schwierig, das Thema anzusprechen. Das gehört in die Hand eines erfahrenen Intensivmediziners. Bei jungen, unerfahrenen Kollegen gibt es ohne Zweifel diese Scheu. Und natürlich gibt es auch Ärzte, die Organspenden grundsätzlich ablehnen.

Würde es alle Probleme lösen, wenn die Organspende künftig die Regel wäre, und nur dann nicht stattfände, wenn Patienten ausdrücklich Widerspruch dagegen einlegen?

Das würde uns auf jeden Fall ein großes Stück weiterbringen, weil die wenigsten Patienten, die bei uns auf der Intensivstation sterben, einen Spenderausweis haben. Höchstens einer von zehn.

Der Einsatz von Transplantationsbeauftragten allein reicht also nicht.

Nein, wir können nur das Personal schulen, die Sensibilität erhöhen, um möglichst viele Patienten dafür zu identifizieren und Angehörige zu überzeugen. Aber jemand, der nicht weiß, wie er die Beerdigung seines Ehegatten bezahlen soll, kann und will sich in einer solchen Situation nicht Gedanken über eine Organspende machen.

Warum haben noch nicht alle Kliniken einen Transplantationsbeauftragten?

In vielen Kliniken, gerade in den kleineren Häusern, sind den Mitarbeitern und der Klinikleitung noch nicht einmal die Vorgaben des Transplantationsgesetzes bewusst. Die wissen also noch nicht einmal, dass es Transplantationsbeauftragte gibt, oder besser: geben sollte. Oder dass sie verpflichtet sind, potenzielle Organspender zu melden. Das Bewusstsein beim Thema Organspende ist noch sehr ausbaufähig.

Interview: Sebastian Amaral Anders

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