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Interview mit Dittmar Graf Künftige Bio-Lehrer lehnen Darwin ab

Dittmar Graf ist Professor für Biologie-Didaktik und Kreationismusexperte an der TU Dortmund. Er befragte Studenten zur Evolution.

11.02.2009 00:02
Dittmar Graf ist Professor für Biologie-Didaktik und Kreationismusexperte an der TU Dortmund. Foto: privat

Herr Professor Graf, glauben Sie an Gott?

Ich bin Agnostiker, das heißt, ich bin - wie der späte Darwin übrigens - davon überzeugt, dass es grundsätzlich nicht zu klären ist, ob Gott existiert oder nicht.

Ihre Studenten scheinen anderer Meinung zu sein. Sie haben angehende Lehrer befragt, was sie von der Evolutionstheorie halten. Was kam dabei heraus?

Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Rund 15 Prozent der Lehramtsstudenten aus allen Fachrichtungen lehnen die Evolutionstheorie ab. Bei den künftigen Biologielehrern lag der Anteil immerhin noch bei sieben Prozent. Der Zusammenhang zwischen Glauben und Ablehnung der Evolutionstheorie ist allerdings eher klein.

Was sind dann die Ursachen für die Ablehnung?

Wir haben herausgefunden, dass diejenigen, die nicht verstehen, wie Wissenschaft funktioniert, die Evolutionstheorie eher ablehnen. Wir haben beispielsweise gefragt, wie man in der Wissenschaft Erkenntnisse gewinnt und ob die Wissenschaft letzte Wahrheiten verkündet - so wie es die Religionen tun. Manche Studenten sehen offenbar keinen Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft. Sie glauben, dass die Evolutionstheorie auch nur ein Dogma ist.

Warum kann man im Biologieunterricht nicht auch die Schöpfung thematisieren?

Biologieunterricht muss wissenschaftsorientiert sein, und Wissenschaft funktioniert nur dann, wenn man alle Phänomene dieser Welt auf natürliche Weise und nicht mit einem Schöpfer oder "intelligenten Designer" erklärt. Genau das jedoch macht die Schöpfungslehre. Deshalb hat sie in diesem Fach nichts zu suchen.

Gott taucht immer dort auf, wo Wissenschaft an Grenzen stößt. Warum kritisieren Sie das?

Wissenschaft bietet niemals ein vollständiges Bild dieser Welt. Es gibt immer Lücken. Aber andererseits gibt es anscheinend kein Phänomen, das sich nicht grundsätzlich wissenschaftlich erklären ließe. Vielleicht wird die Wissenschaft irgendwann an prinzipielle Erklärungsgrenzen stoßen, aber bisher haben wir keinen Anlass, solche anzunehmen.

Welchen Stellenwert hat die Evolutionstheorie in der Schule?

Einen zu geringen, weil sie erst am Ende der neunten oder zehnten Klasse unterrichtet wird. In der Oberstufe taucht sie in vielen Lehrplänen im letzten Halbjahr der Klasse 13 wieder auf, also kurz vor dem Abitur. Das führt dazu, dass viele Schüler erst mit 15 oder 16 zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert werden.

Die Schöpfungslehre ist bekannter?

Ja, ganz klar. Mit Schöpfungsvorstellungen werden die meisten Jungen und Mädchen im Elternhaus und dem Kindergarten vertraut gemacht. Die sind natürlich gerade für kleine Kinder viel leichter zugänglich als eine abstrakte Evolutionstheorie. Die Schöpfungsgeschichte ist ja wie für Kinder gemacht.

Was ist so schlimm daran?

Dagegen spricht nichts. Aber es ist nicht gut, dass viele Kinder gar keine Alternative zur Schöpfungsgeschichte kennen. Das führt dazu, dass sie schon als Kreationisten zur Schule kommen. Aus einer anderen, bisher nicht veröffentlichten Befragung wissen wir Folgendes: Bei Schülern, die noch keinen Evolutionsunterricht hatten, liegt der Anteil der kreationistischen Vorstellungen deutlich höher als bei anderen Jugendlichen und Erwachsenen - nämlich bei rund 30 Prozent.

Und jetzt zweifeln auch noch ihre Lehrer an Darwin. . .

Ich hoffe, dass sich Evolutions-Zweifler im Laufe des Studiums noch aufklären lassen. Wir haben ja Studienanfänger befragt. Aber meine Prognose ist, dass ein kleiner Kern von Lehrern die Evolutionstheorie im Biounterricht ablehnt.

Aber das ist doch Pflichtprogramm.

Eigentlich ist das Thema verpflichtend. Aber man kann kaum verhindern, dass Lehrer die Evolution unter den Tisch fallen lassen - beziehungsweise sie so lange aufschieben, bis keine Zeit mehr bleibt. Und dann gibt es auch einzelne Lehrer, die die Schöpfungslehre als Alternative zur Evolutionstheorie unterrichten - wie etwa vor drei Jahren ein Biologielehrer an der Liebig-Schule in Gießen, der das auch öffentlich gesagt hat.

Wie evolutionskritisch ist die Gesamtbevölkerung?

Dazu zähle ich etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung. Zum Vergleich: in den USA sind es mehr als 40 Prozent, in islamischen Ländern ist der Anteil noch höher. In der Türkei etwa stehen der Evolutionstheorie rund 70 Prozent der Bevölkerung skeptisch gegenüber.

Welche Rolle spielen Kreationisten oder Anhänger des sogenannten Intelligent Design in Deutschland?

Ich beobachte, dass die Bewegung in der Öffentlichkeit immer präsenter wird. Dazu hat das Internet maßgeblich beigetragen. Wenn man in die gängigen Suchmaschinen "Evolution" eingibt, dann zeigt sich, dass ein Großteil der gefundenen Seiten von Kreationisten verfasst ist.

Interview: Katja Irle

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