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Interview „Krebs und Suizid – das ist ein absolutes Tabu“

Psychoonkologin Bianca Senf über Lücken in der Ausbildung, schwere Krisen im Krankheitsverlauf und den Umgang damit.

Loneliness metaphor
Die Diagnose Krebs belastet schwer. Foto: iStock

Ihre Gewebeprobe weist leider auf einen bösartigen Tumor hin.“ „Sie haben Krebs.“ Für die meisten Menschen dürften solche Sätze zum Schlimmsten gehören, was sie sich vorstellen können. Auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles gebessert hat: Eine Krebsdiagnose kommt fast immer einem Schock gleich, die Behandlung ist oft langwierig, strapaziös – und führt auch heute noch keineswegs immer zum Erfolg. All das stellt eine enorme psychische Belastung dar. Nicht jeder verkraftet das, und so kommen manche Patienten an einen Punkt, wo sie so verzweifelt sind, dass sie sich das Leben nehmen wollen. Publikationen dazu gibt es in Deutschland indes kaum. Dabei sei das Suizidrisiko bei Krebspatienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht, sagt Bianca Senf, Leiterin der Psychoonkologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Zum Thema „Suizidalität in der Onkologie“ arbeitet sie derzeit an einer Studie. Diese basiert unter anderem auf einer Online-Befragung von 355 Frauen und Männern, die in der Onkologie tätig sind, darunter Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Pflegepersonal. Mit der Frankfurter Rundschau spricht Bianca Senf über die Studienergebnisse und eigene Erfahrungen mit Selbsttötungsabsichten von Krebspatienten.

Als Journalistin erhalte ich regelmäßig Pressemitteilungen zum Thema Krebs. Um Suizid ging es dabei noch nie. Ist das ein Tabu?
Das ist aus meiner Sicht ein absolutes Tabuthema. Es gibt kaum Kollegen, die deutlich belastet wirkende onkologische Patienten aktiv nach Suizidgedanken fragen. Viele Ärzte fürchten, dass sie jemanden so erst auf – wie man so sagt – „dumme Gedanken“ bringen könnten. Tatsächlich aber ist die Suizidrate unter Krebspatienten signifikant höher als in der Allgemeinbevölkerung – und die Dunkelziffer hoch. Das liegt zum einen daran, dass man selten Daten bekommt, woran ein Krebspatient am Ende gestorben ist. Denn das wird oft nicht genau erfasst – es sei denn, der Suizid ist offensichtlich. Wenn ein Patient sich aber zum Beispiel absichtlich mit Morphinen überdosiert, wird es eher nicht als Suizid erkannt. 

Hat Ihre Befragung bestätigt, dass sich Krebspatienten häufig mit Suizidgedanken beschäftigen?
Eindeutig. Nur 16,6 Prozent der Befragten gaben an, noch nie mit Patienten konfrontiert gewesen zu sein, die Suizid begehen wollten oder das sogar getan haben. 60 Prozent mussten sich ein- bis dreimal damit auseinandersetzen. 25 Prozent hatten mehr als dreimal mit suizidalen Patienten zu tun. 83 Prozent der Studienteilnehmer bestätigten, dass es ein sehr wichtiges Thema ist.

Was sind die Gründe, warum Krebspatienten sich das Leben nehmen wollen? 
Es gibt viele verschiedene. Ich erzähle  ein Beispiel aus meiner klinischen Praxis, das mich sehr betroffen gemacht und letztlich dazu veranlasst hat, mich mit dem Thema zu beschäftigen: Ein älterer Mann, seit mehr als 40 Jahren verheiratet, erhielt die Diagnose Leukämie, mit sehr guten Behandlungsaussichten. Ein ganz unauffälliger, ruhiger Patient. Deshalb wurde er auch nicht nach psychischer Belastung gefragt. Doch eines Nachts schnitt er sich in der Klinik die Pulsadern auf und wurde von der Nachtschwester tot aufgefunden. Seine Frau hat mich zwei Jahre später aufgesucht. Sie erzählte mir, sie hätten es sich als Ehepaar versprochen, zusammen aus dem Leben zu gehen, wenn einer sehr krank würde, damit der andere nicht alleine zurückbliebe. Aus den Briefen, die ihr Mann ihr geschrieben hatte, ging hervor, dass er nicht wollte, dass seine Frau mitgeht in den Tod. Aber er wollte definitiv nicht, dass sie damit konfrontiert wird, dass er – aus seiner Sicht – todkrank ist. Er wollte sie nicht belasten. Das ist ihm gerade wegen des Suizids natürlich überhaupt nicht gelungen. Dieses Nicht-Belasten wollen ist ein ganz wichtiges Motiv, das Krebspatienten dazu bringen kann, Suizid zu begehen. 

Die Diagnose Krebs hat bis heute einen schrecklichen Klang, viele assoziieren Siechtum und Leiden damit. Spielt das auch eine Rolle? 
Eindeutig ja. Wie gut oder schlecht jemand eine Krebsdiagnose verkraftet, kommt auch auf die Persönlichkeitsstruktur an und wie man gelernt hat, Krisen zu bewältigen. Zentrale Motive sind die Angst vor Schmerzen und davor, elend zugrunde gehen zu müssen. Sehr schwer zu ertragen sein können auch Defizite, die manche Patienten entwickeln. Lungenkrebskranke treibt häufig eine große Furcht vor dem Ersticken um, sie haben unter allen Krebspatienten das höchste Suizidrisiko. Katastrophal ist die Situation auch oft für Patienten, bei denen die Erkrankung offensichtlich ist – denen etwa Teile des Gesichts fehlen. Diese Menschen gehen oft nicht mehr auf die Straße und isolieren sich völlig. Wenn sie alleine leben, ist die Gefahr groß, dass sie Suizid begehen. 

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