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Interview Historiker über neuen HU-Präsidenten

Im Streit um den neuen HU-Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz stellt sich die Frage: Ist er ein gutes Beispiel für eine gelungene persönliche Umerziehung - oder schlicht ein Wendehals? Der Historiker Hubertus Knabe fordert eine neutrale Kommission.

31.05.2010 00:05
Hubertus Knabe ist Historiker und beschäftigt sich hauptsächlich mit DDR-Geschichte und der Aufarbeitung der SED-Vergangenheit. Foto: privat

Herr Knabe, Doktorarbeiten und andere Leistungen in der DDR waren naturgemäß keine Zeugnisse des Widerstands. Gehen die pädagogischen Schriften von Jan-Hendrik Olbertz über die übliche Anpassung hinaus?

Ich denke schon - vor allem wenn man den Zeitpunkt der Entstehung berücksichtigt. Im Februar 1989, als Herr Olbertz seine Habilitationsschrift einreichte, befand sich die DDR bereits in einem ideologischen Verfallsprozess. In Moskau herrschten Glasnost und Perestroika. Selbst im Staatssicherheitsdienst gab es massive Kritik an der Führung. Normalerweise beschränkten DDR-Wissenschaftler ihren ideologischen Kotau auf das Vor- und Nachwort.

Ist es, wie der Theologieprofessor Richard Schröder andeutet, beleidigend für viele Wissenschaftler in der früheren DDR, ideologisches Mitläufertum heute mit akademischen "Zwängen" erklären zu wollen?

Wenn man Opportunismus in Diktaturen als unvermeidlich hinstellt, ist das ein Problem. Diejenigen, die sich anders verhalten haben, werden dadurch im Nachhinein erneut ins Abseits gestellt. Eigentlich müsste es umgekehrt sein: Der Widerstand müsste geehrt werden.

Als Kultusminister in Sachsen-Anhalt ist Olbertz mit viel beachteten hochschulpolitischen Beiträgen hervorgetreten. Ist er ein gutes Beispiel für eine gelungene persönliche Umerziehung - oder schlicht ein Wendehals?

Jeder hat das Recht, Fehler zu machen. Entscheidend ist, ob man sich anschließend kritisch mit seinem Verhalten auseinandersetzt. Das kann ich bei Herrn Olbertz leider nicht erkennen. Im Gegenteil: Er stilisiert sich in der Öffentlichkeit als eine Art heimlicher Widerstandskämpfer, dem Freiheit und Moral immer besonders am Herzen gelegen hätten. Gleichzeitig rechtfertigt er seinen eigenen Opportunismus. Das ist kein gutes Vorbild für die mehr als 40000 Studenten, für deren Ausbildung er zuständig werden soll.

Wie kann man der eigenen Biografie im Wettbewerb um Führungspositionen gerecht werden?

Bei Stellenbesetzungen dieser Art gibt es immer drei Fragen: Was hat jemand in der Vergangenheit gemacht, wie geht er heute damit um und für welchen Posten ist er vorgesehen? Wenn Herr Olbertz Werbechef der Telekom werden wollte, wären seine Vergangenheit und sein Umgang damit vermutlich kein Problem. Wenn man für die Erziehung Tausender junger Menschen Verantwortung übernehmen will, kommt es aber auch auf die charakterlichen Fähigkeiten an. Da Herr Olbertz mit seinem neuen Amt zugleich den Anspruch auf eine Professur erwirbt, muss er auch wissenschaftlich qualifiziert sein. Wenn man sich seine Habilitationsschrift anschaut, muss man Letzteres leider bezweifeln.

Sollte jemand mit einem wissenschaftlichen Profil wie Olbertz Präsident der Berliner Humboldt-Universität werden?

Die Humboldt-Uni wäre gut beraten, ihre Entscheidung im Licht der neuen Erkenntnisse zu überdenken. Als ehemalige Vorzeige-Universität der SED muss sie besonders daran interessiert sein, zu demonstrieren, dass sie mit der DDR-Vergangenheit gebrochen hat. Ich würde den Verantwortlichen empfehlen, ihre Personalentscheidung nicht auch noch öffentlich zu verteidigen, sondern selbst die Aufklärung in die Hand zu nehmen - etwa durch die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die die Qualifikation von Herrn Olbertz überprüft.

Interview: Hermann Horstkotte

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