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Interview „Heute ist das wie Brötchenbacken“

Der Berliner Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich spricht im FR-Interview über Fortschritte bei der künstlichen Befruchtung. Trotzdem sind Mehrlingsschwangerschaften in Deutschland weiter ein Problem.

04.10.2010 20:23
Von Anne Brüning
Heribert Kentenich (64) ist Professor an der Charité Berlin, Chefarzt der DRK Frauenklinik Berlin-Westend und im Fertility Center Berlin tätig. Seit 2007 leitet er den Arbeitskreis „Offene Fragen der Reproduktionsmedizin“ bei der Bundesärztekammer. Foto: Charité

Herr Professor Kentenich, wie war das für Sie als 1978 die Nachricht vom ersten Retortenbaby nach künstlicher Befruchtung (In-Vitro-Fertilisiation IVF) der Welt die Runde machte?

Ich habe es zunächst für eine Falschmeldung gehalten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Befruchtung außerhalb des Körpers möglich ist. Als dann die Publikation im Fachmagazin Lancet herauskam, war aber schnell klar, dass es wirklich stimmte.

Und wann haben Sie sich selbst an das Verfahren herangewagt?

Ich war damals als Facharzt für Gynäkologie in einer Arbeitsgruppe der Universitätsfrauenklinik in der Pulsstraße in Berlin-Charlottenburg tätig. Unter meinem damaligen Chef, Manfred Stauber, haben wir bald mit den ersten IVF-Versuchen begonnen. Im Mai 1984 kam das erste Berliner Reagenzglasbaby zur Welt. Übrigens waren die Kollegen im Osten im gleichen Jahr erfolgreich. Im Oktober 1984 meldete die Charité das erste Ost-Berliner Retortenbaby.

Wie viele Fehlversuche gab es?

Etwa 20. Es hat gedauert, das Verfahren zu etablieren. Erst als Professor Stauber sich bei Robert Edwards in Cambridge die Prozedur angesehen hat, waren wir auf dem richtigen Weg.

Wie sind die Erfolgsraten heute?

Heute ist das wie Brötchenbacken. In Deutschland kommen jährlich etwa 12.000 IVF-Kinder zur Welt. Durch Verbesserungen der einzelnen Schritte des Verfahrens, die Eizellkultur etwa, liegen die Geburtenraten bei etwa 20 Prozent. Das heißt: Spätestens nach dem zweiten oder dritten Versuch klappt es.

Was bereitet noch Probleme?

In Deutschland macht uns die hohe Rate der Mehrlingsschwangerschaften nach IVF Sorgen. Sie liegt bei 22 bis 25 Prozent. Mehrlingsschwangerschaften sind problematisch, weil sie oft zu Frühgeburten führen. Die Kinder haben dann einen schwierigeren Start ins Leben. Und die Belastung für die Mutter ist sehr hoch.

Warum gibt es denn so viele Mehrlinge in Deutschland?

Das liegt an der deutschen Gesetzgebung. In Ländern wie Schweden und Belgien dürfen die Ärzte Embryonen auswählen: Wenn zehn Eizellen im Labor befruchtet werden und fünf davon zu Embryonen heranwachsen, wird unter dem Mikroskop die Qualität beurteilt und nur der beste übertragen. Auf diese Weise liegt die Mehrlingsquote in diesen Ländern bei ein bis fünf Prozent. In Deutschland dürfen wir aber nur so viele Embryonen herstellen wie wir auch übertragen. Um den Frauen nicht zu oft das belastende Verfahren zuzumuten, werden meist zwei Embryonen übertragen. Es ist an der Zeit, dass auch bei uns die Embryonenauswahl erlaubt wird.

Wie könnte das geschehen?

In einem Fortpflanzungsmedizingesetz. So etwas bräuchte Deutschland dringend. Das Embryonenschutzgesetz ist veraltet.

Was würden Sie sich von einem solchen Gesetz noch wünschen?

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) müsste darin geregelt werden. Der Bundesgerichtshof hat dazu im Juli ja bereits grünes Licht erteilt. PID bietet die Möglichkeit, Embryonen auf Erbkrankheiten zu testen, bevor sie in den Mutterleib übertragen werden. Für 100 bis 200 Paare hierzulande wäre das segensreich. Außerdem bin ich der Auffassung, dass in Deutschland auch die Eizellspende erlaubt und geregelt werden sollte. Viele Frauen haben durch Operationen die Eierstöcke verloren und müssen, wenn sie sich ein Kind wünschen, zur Behandlung ins Ausland gehen. Es ist schwer verständlich, warum hierzulande die Samenspende gestattet ist, die Eizellspende aber nicht. Übrigens ist selbst Robert Edwards, der oft zu unseren Fachkongressen kommt, der Ansicht, dass Deutschland unbedingt ein zeitgemäßes Fortpflanzungsmedizingesetz benötigt.

Interview: Anne Brüning

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