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Interview „Fremde Sprachen erschließen uns andere Welten“

Und sie stiften Identität, doch ihre Vielfalt geht dramatisch zurück. Wie lässt sich das aufhalten? Ein Gespräch mit Sprachwissenschaftlerin Sonja Gipper.

Sprechblase
Foto: FR Grafik

Frau Gipper, bis zum Ende des 21. Jahrhunderts werden die Hälfte der weltweit 7000 Sprachen verschwunden sein. Was sind die Gründe dafür?
Sprachgemeinschaften geben ihre Sprache meist zugunsten der Landes- oder Nationalsprache auf oder zugunsten von Regionalsprachen. Die Gründe für diesen Sprachwechsel sind ganz verschieden. Einer der Hauptgründe für Sprachensterben ist die fehlende Weitergabe an die Kinder. Sobald die junge Generation die Sprache nicht mehr spricht, kann man davon ausgehen, dass sie verschwinden wird. Sprachwechsel hat es schon immer gegeben, allerdings vollzog er sich noch nie in solchem Ausmaß und so schnell wie in den letzten Jahren. Die Entstehung der romanischen Sprachen in den Gebieten, die die Römer eroberten, zog oft einen Sprachwechsel der dort lebenden Bevölkerung mit sich. Durch die Globalisierung und Angleichung der Lebensverhältnisse war es aber noch nie so attraktiv wie jetzt, die Nationalsprache oder auch eine große Sprache wie Englisch zu beherrschen.

Woran liegt es, dass Eltern heute oft ihre Sprache nicht mehr an die Kinder weitergeben?
Oft versprechen die Nationalsprachen bessere berufliche Möglichkeiten. Zudem sind Minderheitensprachen häufig stigmatisiert und genießen kein hohes Prestige. Das führt häufig dazu, dass die ältere Generation nicht mit den Kindern in dieser Sprache reden möchte und auch nicht will, dass sie die Sprache erlernen. Teilweise kennen wir das von deutschen Dialekten, beispielsweise ist Kölsch bei jungen Leuten in Köln im Alltag kaum mehr in Gebrauch. Ganz anders ist die Situation dagegen in Bayern, dort sprechen junge Leute vielerorts noch die lokalen Dialekte.

Geben die Menschen ihre Sprache freiwillig auf? Oder werden kleine Sprachen verdrängt?
Es mag auf den ersten Blick scheinen, als geschehe dies freiwillig, aber der Druck kommt von außen, wenn etwa im Berufsleben nur die Nationalsprache als wertvoll gilt, und umgekehrt kleine Sprachen in der Mehrheitsgesellschaft so wenig Ansehen genießen. Aber auch aktive Repressalien wie Verbote, bestimmte Sprachen zu sprechen, kommen immer wieder vor. Letztlich sind ja nicht nur die kleinen Sprachen, sondern auch die Minderheiten, die sie sprechen und mit vielschichtigen sozialen Problemen kämpfen, bedroht. Die indigenen Gruppen in Nord- und Südamerika sind in Folge der Kolonialisierung nach wie vor benachteiligt und haben nur begrenzten Zugang zu Ressourcen, etwa zu Landrechten. Die Unterdrückung erstreckt sich bis auf die Sprache, beschränkt sich aber nicht darauf.

Lässt sich das Sprachensterben überhaupt noch stoppen? Das Problem ist ja schon seit längerem bekannt.
Niemanden wäre geholfen, wenn nun von außen repressiv verlangt würde, dass die Betroffenen ihre Sprache weitersprechen müssen. Es gibt aber Projekte, auch von der Gesellschaft für bedrohte Sprachen geförderte, bei denen es zunächst einmal darum geht, die Sprachen zu dokumentieren und sie zu beschreiben, damit wir mehr über sie wissen. Hierbei werden Ton- und Videoaufnahmen von Sprachsituationen angefertigt, um die Sprache über ihr Verschwinden hinaus zugänglich zu machen. Ein positiver Effekt dabei kann sein, dass die Sprecher und Sprecherinnen selbst wieder ein aktives Interesse an der Weitergabe entwickeln. Unser Verein bietet auch finanzielle Hilfe an beim Erstellen von Lehrmaterialien, wenn Interesse besteht, die Sprache zu unterrichten. Das ist ein Berg Arbeit, da die Sprachen oft gar nicht verschriftlicht sind. Auch die Politik kann hier eingreifen und beispielsweise die betroffenen Sprachen auf die Lehrpläne setzen. Wichtig ist auf jeden Fall, das Ansehen der Sprachen zu verbessern.

Aber sobald die Zahl der Sprecher und Sprecherinnen dramatisch zurückgeht, ist die Sprachdokumentation doch nur noch eine Chronistenpflicht, um von einer todgeweihten Sprache möglichst viel in Archiven zu bewahren. Wiederbelebungsversuche haben in so einer Situation doch kaum Erfolgsaussichten?
Das ist sicherlich schwierig, sobald niemand mehr die Sprache aktiv nutzt. Aber oft erinnern sich ältere Menschen noch an einzelne Worte oder Redewendungen. Das ist beim Uru in Bolivien der Fall. Auch wenn niemand mehr diese Sprache komplett erlernt, ist es positiv, die Überbleibsel zu dokumentieren, da sie eine identitätsstiftende Bedeutung für die Menschen haben. Das Ziel ist dann, die Sprache für die Nachwelt zu sichern und dadurch die Möglichkeit zu schaffen, dass Menschen etwas über die Sprache ihrer Vorfahren lernen können.

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