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Interview "Die Öffentlichkeit wird uns zur Kenntnis nehmen"

Klaus Bade ist Vorsitzender des neuen Sachverständigenrats für Integration und Migration. Acht Stiftungen finanzieren das Gremium, das die Politik offensiv und unabhängig beraten will.

16.10.2008 00:10

Herr Professor Bade, brauchen wir noch ein Gremium zum Thema Integration?

Eindeutig ja. Der neu gegründete Sachverständigenrat für Integration und Migration ist unabhängig. Selbst die Stiftungen, die ihn finanzieren, haben keine Kontrollfunktion. Solch ein eigenständiges Wissenschaftlergremium für Politikberatung und kritische Politikbegleitung hat es in diesem Bereich in Deutschland noch nie gegeben.

2004 scheiterte der Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration - Sie waren Vizechef. Was ist heute anders?

Der Zuwanderungsrat hatte sich durch kritischen Rat politisch unbeliebt gemacht. Zum Beispiel die inzwischen eingeführte Engpassanalyse: Wenn Fachkräfte fehlten, sollte die Zuwanderung in diesen Branchen erleichtert werden, rieten wir damals. Das wurde als Angriff auf den sozialen Frieden in Deutschland denunziert. Der Zuwanderungsrat konnte abberufen werden, weil er staatlich eingesetzt war. Jetzt sind wir nur abhängig von der Belastbarkeit unserer wissenschaftlichen Argumente. Außerdem war der Rat damals kein durchweg wissenschaftliches Gremium, sondern bestand zur Hälfte aus Interessenvertretern.

Ist der Sachverständigenrat eine Kampfansage an die Politik?

Nein. Wir wollen keine Angst machen und auch keinen unnötigen Ärger. Man muss uns aber auch nicht lieben. Wir tragen unsere Argumente öffentlich vor. Ob und inwieweit die Politik das dann aufnimmt, ist ihre Entscheidung. Die Öffentlichkeit wird das jedenfalls zur Kenntnis nehmen.

Wie wird sich der Sachverständigenrat äußern?

Es wird ein Jahresgutachten geben und aktuelle Stellungnahmen. Daneben planen wir ein jährliches Integrationsbarometer: Wir wollen wissen, wie man auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft über Integration und damit auch übereinander denkt. Dazu werden wir die Zuwandererbevölkerung und die Mehrheitsgesellschaft repräsentativ befragen.

Welche Aufgabe haben Wissenschaftler bei einer so politischen Debatte?

Es wird zu viel auf die sogenannten Elfenbeintürme geschimpft, aus denen Wissenschaftler heraus kommen sollen. Wichtiger ist, dass sie erst mal ausführlich da drin gewesen sind. Dort erarbeitete Ergebnisse, sollten sie aber dann draußen in verständlicher Sprache der Öffentlichkeit zugänglich machen. Und sie sollten die Politik nicht mit Schreibtischrezepten überfordern. Wir sind ja nicht naiv: Uns ist klar, dass die Politik Empfehlungen nicht eins zu eins umsetzen kann.

Welche Reaktion erwarten Sie von der Politik?

Wer um staatliche Besitzstände und behördliche Erkenntnismonopole bangt, wird vielleicht sagen: Das bringt nichts Neues, das machen wir lieber selber. Das wäre verständlich, aber falsch. Jedenfalls lernt die Politik heute schneller: Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert, bis akzeptiert wurde, dass wir ein Einwanderungsland sind. Bis die vom alten Zuwanderungsrat geforderte Engpassanalyse stillschweigend eingeführt wurde, vergingen nur noch dreieinhalb Jahre.

Interview: Simon Kerbusk

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