Lade Inhalte...

Integration Scheinselbstständig im Auftrag der Bundesregierung

Integration hat die Bundesregierung zu einem ihrer Hauptthemen gemacht. Doch ausgerechnet diejenigen, die dabei helfen, werden schlecht bezahlt. Lehrer für Integrations-Kurse müssen oft für Hungerlöhne arbeiten.

09.03.2011 17:09
Mark Berger
Geringe Wertschätzung: Anbieter von Integrations-Kursen werden oft schlecht bezahlt. Foto: Christoph Boeckheler

Integration ist für Angela Merkel (CDU) Chefsache. „Wir holen bis 2015 das nach, was in den 30 Jahren davor versäumt wurde“, kündigte die Bundeskanzlerin im vergangenen November an. Vor allem die Integrationskurse sollen für ein besseres Miteinander sorgen. Die Lehrer in den Kursen erfahren allerdings wenig Wertschätzung. Sie werden mit Hungerlöhnen abgespeist.

„Sollte ich länger krank werden, rutsche ich in Hartz IV“, sagt Brigitte Rilke. Es ist keine ungelernte Hilfskraft, die so redet, sondern eine Deutschlehrerin mit Staatsexamen. Rilke bringt Migranten die deutsche Sprache und Kultur näher. Eine Aufgabe, die viel Engagement erfordert.

Die Dozenten müssen traumatisierte irakische Flüchtlinge ebenso einbeziehen wie Künstler aus den USA oder türkische Hausfrauen, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Trotzdem verdient Brigitte Rilke gerade einmal 1100 Euro im Monat. „Als fest angestellte Berufsschullehrerin wäre mein Einkommen bei gleichem Arbeitsaufwand etwa doppelt so hoch“, erklärt sie.

Sechs Euro pro Unterrichtsstunde

So geht es vielen ihrer knapp 17?000 Kollegen in Deutschland. Die meisten von ihnen sind nicht fest angestellt und müssen alle Nachteile der Freiberuflichkeit in Kauf nehmen, ohne in den Genuss der Vorteile zu kommen. Sie zahlen ihre Renten- und Krankenversicherung komplett selbst und haben weder Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall noch auf bezahlten Urlaub.

Vergütet wird nur die Unterrichtsstunde, nicht aber die Vor- und Nachbereitung, Konferenzen oder Weiterbildungen. Unter diesen Umständen sind Nettohonorare von sechs Euro pro Unterrichtsstunde keine Seltenheit. Besonders kritisch wird es in den Schulferien, wenn auch die Sprachschulen schließen: „Den Zwangsurlaub versuche ich mit anderen Jobs zu überbrücken“, sagt Brigitte Rilke.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht daher in ihrem „Schwarzbuch Weiterbildung“ von „Scheinselbstständigkeit im Regierungsauftrag“ – und die bleibt nicht ohne Konsequenzen. „Die schlechten Bedingungen führen zu einer hohen Fluktuation. Viele Kollegen sehen die Integrationskurse als vorübergehende Aufgabe, aus der sie sich möglichst schnell wieder verabschieden wollen“, klagt Miriam Herrmann von der „Aktion Butterbrot“, die für die Rechte der Dozenten kämpft.

Auch Sprachschulen in wirtschaftlicher Not

Die Kritik richtet sich vor allem an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. Es legt die Rahmenbedingungen für Integrationskurse fest. Das BAMF zahlt den Kursanbietern pro Teilnehmer einen Stundensatz von 2,35 Euro. Wie viel davon beim Dozenten landet, ist in den Vorschriften nicht geregelt. Die Behörde empfiehlt zwar einen Stundensatz von 15 Euro, verweist aber auf die „Vertragsautonomie zwischen Kursträger und Lehrkraft“.

Sind also die Anbieter schuld an den schlechten Konditionen? „Das sind sie nicht“, sagt Amadeus Hempel vom Fachverband für Deutsch als Fremdsprache. „Sprachschulen und Dozenten sitzen im selben Boot.“ Viele Kursanbieter geraten nach Hempels Beobachtung selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil die Politik kaum Rücksicht auf unternehmerische Interessen nehme: „Es wird dauernd an finanziellen Stellschrauben gedreht. Das verhindert jede Sicherheit.“

Bewerber müssen warten - trotzt freier Plätze

So genehmigte das BAMF Ende 2010 aufgrund einer „vorübergehenden Maßnahme zur Steuerung des Mittelabflusses“ keine neuen Kurse. Die Sprachschulen mussten trotz freier Plätze mehr als 20?000 Bewerber auf unbestimmte Zeit vertrösten. Auch Arbeitnehmervertreter warnen davor, die Träger pauschal an den Pranger zu stellen. „Sicherlich gibt es auch schwarze Schafe, aber zu den aktuellen Bedingungen ist es einfach nicht möglich, kostendeckend zu arbeiten“, sagt Arnfried Gläser von der GEW. Das führe dazu, dass sich immer mehr seriöse Anbieter aus den Integrationskursen zurückzögen.

Das BAMF versteckt sich indes hinter der Studie eines schwedischen Beratungsunternehmens aus dem Jahr 2009, auf dessen Berechnungen die Teilnehmerpauschale beruhe. Dabei bemängelt selbst diese Studie die „unterdurchschnittliche Vergütung von Lehrkräften in Integrationskursen“. Um den Verdienst zumindest auf das Einstiegsgehalt von Lehrern im regulären Schuldienst zu steigern, sei eine Erhöhung der Stundenpauschale auf 4,05 Euro erforderlich.

Gewerkschaft fordert Mindesthonorar

Dem Bund entstünden dadurch Mehrkosten von 53,5 Millionen Euro pro Jahr. Allerdings wurde schon die Erhöhung um 30 Cent im Juli 2007 nur von wenigen Trägern an ihre Dozenten weitergegeben. Die GEW fordert daher ein garantiertes Mindesthonorar von 30 Euro. Gleichzeitig soll die Finanzierung der Kurse so gestaltet werden, dass die Träger dieses Honorar auch tatsächlich zahlen können. „Langfristig müssen wir weg von der Scheinselbstständigkeit hin zu einem abgesicherten Verhältnis mit einem Verdienst analog zum Branchentarifvertrag“, sagt Arnfried Gläser.

Miriam Herrmann von der „Aktion Butterbrot“ glaubt allerdings nicht, dass es so weit kommen wird: „So lange es Dozenten gibt, die für so wenig Geld arbeiten, hat die Politik doch letztendlich keinen Grund zu handeln.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum