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Insektensterben Erste Hilfe für die Bienen

Mit dem Verbot von Insektenmitteln macht die EU einen ersten Schritt, um Bienen zu schützen - andere Gifte bleiben erlaubt.

Bienen
Sich als Biene zu verkleiden, ist hübsch - doch die echten Bienen werden inzwischen schmerzlich vermisst. Foto: afp

Nach jahrelangem Vorlauf haben die EU-Mitgliedsstaaten am Freitag den Freilandeinsatz dreier Pestizide untersagt, die für den massiven Schwund der Bienen in den vergangenen Jahren mitverantwortlich gemacht werden. Die Substanzen Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam dürfen innerhalb der EU weder auf Feldern und Äckern ausgebracht, noch zur Saatgutbehandlung angewandt werden.

Ausgenommen von dem Verbot, dem unter anderem Deutschland und Frankreich zugestimmt haben, sind allerdings Gewächshäuser. Gleichwohl: Für drei der verbreitetsten Insektengifte aus der Gruppe der Neonikotinoide bedeutet die Brüsseler Entscheidung faktisch das Aus. Es wird sehr bald, genau 20 Tage nach Veröffentlichung im EU-Amtsblatt, in Kraft treten. Den Mitgliedsstaaten bleiben dann nochmals drei Monate für die Umsetzung.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sprach von einem „guten Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa“. Als „ersten wichtigen Schritt gegen das Bienen- und Insektensterben“ bezeichnete der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner das Votum aus Brüssel.

Geringe Dosen reichen aus, um Schäden anzurichten

Auch Naturschutzverbände wie DNR, BUND, DUH und Nabu, die sich jahrelang für das Verbot eingesetzt hatten, begrüßten das Abstimmungsergebnis. Im Februar hatte bereits die europäische Lebensmittelbehörde Efsa die drei Substanzen als bienenschädlich eingestuft und damit dem Verbot den Weg bereitet. Dabei galten die zu den Nervengiften zählenden „Neoniks“ vor nicht langer Zeit als Alleskönner: Einerseits töteten sie Läuse und andere Schädlinge. Andererseits schienen die Gifte Bienen und anderen nützlichen Insekten nichts anhaben zu können. In der Folge fanden die Substanzen reißenden Absatz. Ein Beispiel liefert der renommierte Pestizidexperte Lars Neumeister in einer Studie für das brandenburgische Umweltamt. Demnach zählten 2003 nur 1,5 Prozent der im Land ausgebrachten Insektenvernichtungsmittel zu den Neonikotinoiden. 2009 waren es bereits 32 Prozent.

Allerdings hatten die Neoniks zu diesem Zeitpunkt ihre „Unschuld“ bereits verloren: Im Frühjahr 2008 waren im Oberrheingraben binnen weniger Wochen fast 12.000 Bienenvölker eingegangen, die mit belasteten Staubpartikeln in Kontakt gekommen waren. Das Ereignis machte nicht nur die potenziell tödliche Wirkung der Giftstoffe deutlich, sondern auch die Tatsache, dass bereits winzigste Mengen ausreichen, um Bienen zu schädigen. Nach heutigem Erkenntnisstand reichen bereits vier Milliardstel Gramm aus, um eine Imme zu töten. Geringere Dosen führen zu Orientierungsverlust, verringerter Fruchtbarkeit, einer Schwächung des Immunsystems, verminderter Navigationsfähigkeit sowie zu eingeschränktem Lern- und Erinnerungsvermögen.

So konnten Forscher der Freien Universität Berlin um den Neurobiologen Randolf Menzel 2014 nachweisen, dass das Neonikotinoid Thiacloprid die Gedächtnisleistung der Tiere entscheidend beeinträchtigt: Während 80 Prozent der schadstofffreien Bienen einen Duftstoff nach 24 Stunden wiedererkennen konnten, lag der Anteil der mit Neoniks belasteten Tiere bei nur 20 Prozent.

Sie finden also Nahrungsquellen anhand bestimmter Gerüche nicht mehr wieder – ein für das Überleben des Volks fataler Verlust. Völlig unbeachtet blieben diese und andere Befunde nicht. Der Einsatz der drei nun verbotenen Substanzen wurde erstmals 2013 EU-weit auf landwirtschaftlich-gewerbliche Nutzungen beschränkt, auch die Behandlung von Saatgut („Beizen“) und das Ausbringen vor und während der Blütezeit wurde für bestimmte Pflanzen untersagt.

Allerdings gab es weiterhin bedeutsame Ausnahmen, etwa für den Zuckerrübenanbau. Unter dem Strich ging der Neonikotinoideinsatz daher kaum zurück. Laut Nabu wurden 2017 rund 200 Tonnen auf Deutschlands Agrarflächen verteilt – ebenso viel wie in den Vorjahren. Eine maßgebliche Rolle spielen dabei auch die Neoniks Acetamiprid und Thiacloprid. Beide bleiben in der EU weiterhin zugelassen. Und dies, obwohl Thiacloprid selbst in Hausgärten und auf öffentlichen Grünflächen ausgebracht werden darf und mittlerweile das meistverkaufte Neonikotinoid in Deutschland ist. Nach Ansicht des Pestizidforschers Neumeister gehört es ebenfalls verboten, mehr noch: „Hätte die EU ihre eigenen Zulassungskriterien ernst genommen, hätte Thiacloprid niemals zugelassen werden dürfen.“ Ist es aber und bleibt es auch, sehr zur Freude der Bayer AG, die das Mittel vermarktet und nach Schätzungen des Nabu Baden-Württemberg durch den Verkauf in der EU rund 50 Millionen Euro pro Jahr verdient.

Hinzu kommen Gifte, die zwar nicht zu den Neonics zählen, aber sehr ähnlich wirken. Beispiele sind Flupyradifuron, ebenfalls von Bayer entwickelt, sowie Sulfoxaflor, dessen Bienenschädlichkeit die Universität Würzburg in Versuchsreihen bereits nachweisen konnte. Umweltverbände befürchten deshalb eine weitere Gefährdung der Bienen. Auch der grüne Bioagrarexperte Ebner plädiert für weitergehende Verbote: „Lediglich alte Gifte durch ganz ähnliche neue, genauso gefährliche Stoffe zu ersetzten, wäre Etikettenschwindel. Das hilft Bienen und Insekten am Ende wenig.“

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