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Infarktpatienten Aufschwung für adulte Stammzellen

Längst werden Herzpatienten in einer Reihe von Studien mit ihren eigenen Zellen behandelt: Die Alleskönner lindern Infarkt-Folgen. Von Anke Brodmerkel

27.02.2010 00:02
ANKE BRODMERKEL
Der Einsatz embryonaler Stammzellen, deren Herstellung hier vorbereitet wird, ist ethisch umstritten. Foto: ddp

Im August 2001 wurde in der Düsseldorfer Universitätsklinik zum weltweit ersten Mal ein Infarktpatient mit Stammzellen behandelt. Die Zellen waren dem Knochenmark des damals 46-jährigen Mannes entnommen und ins Herz gespritzt worden. Dort sollten sie den geschädigten Herzmuskel wieder aufbauen.

Die Düsseldorfer Mediziner waren von dem Erfolg ihres Therapieansatzes überzeugt. Man habe gezeigt, dass adulte Stammzellen die Schäden eines Herzinfarkts lindern könnten, sagte der damalige Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie, Bodo Eckehard Strauer.

Während über den Einsatz embryonaler Stammzellen heftig diskutiert wurde, hielten deren große Schwestern nahezu lautlos Einzug in die Kliniken: Viele weitere Infarktpatienten bekamen in den vergangenen Jahren eine Behandlung mit adulten Stammzellen. Doch auch auf diesem Gebiet schwelte, zumindest unter den Kardiologen, ein weltweiter Streit - nämlich der, ob die Zelltherapie tatsächlich hilft oder den Patienten bloß nicht schadet.

Die Zellen aus dem Knochenmark verländern das Leben

Nun liegen die Resultate der ersten großen Studie vor, bei der sich die Behandlung unter strengen wissenschaftlichen Kriterien beweisen musste. Die Ergebnisse, die kürzlich im Fachjournal Circulation Heart Failure publiziert wurden, geben den Befürwortern des Verfahrens Recht: Die Zellen aus dem Knochenmark scheinen einem erneuten Infarkt vorzubeugen und das Leben der Patienten zu verlängern.

Das Team um den Kardiologen Andreas Zeiher vom Klinikum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hatte für seine Studie 204 Infarktpatienten rekrutiert. Bei allen wurde neben einer konventionellen Therapie eine Knochenmarkspunktion vorgenommen, um die adulten Stammzellen zu gewinnen. Nach drei bis sechs Tagen injizierten die Mediziner 101 der Patienten die aufbereitete Zellsuspension ins Herz. 103 Patienten erhielten eine stammzellfreie Suspension.

Zwei Jahre später hatte keiner der Probanden, der eine Zelltherapie erhalten hatte, einen erneuten Infarkt erlitten. In der Placebogruppe waren es sieben Patienten. Darüber hinaus waren in der Zelltherapiegruppe nur drei Menschen gestorben, während in der Kontrollgruppe acht Tote zu verzeichnen waren.

"Insbesondere Patienten mit einem großen Herzinfarkt scheinen von der Stammzelltherapie zu profitieren", sagt Stefanie Dimmeler, die Leiterin des Instituts für Kardiovaskuläre Regeneration der Uni Frankfurt, die an der Studie beteiligt war. "Ihre Herzfunktion besserte sich während des gesamten Beobachtungszeitraums." Was die Stammzellen im Herzen genau tun, ist nicht vollständig geklärt. "Wir nehmen an, dass die Effekte zumindest zum Teil durch Substanzen erzielt werden, die die injizierten Zellen ausschütten", sagt Dimmeler.

Ein Cocktail von Cytokinen

Es handele sich dabei um einen Cocktail von Cytokinen oder Wachstumsfaktoren, "der vermutlich die benachbarten Muskelzellen zur Teilung anregt und auch die herzeigenen Stammzellen aktiviert." Daneben lösten die Stammzellen vermutlich die Bildung neuer Gefäße aus, wodurch die Herzmuskelzellen besser versorgt würden.

Die Zelltherapie scheint aber nicht nur Infarktschäden zu lindern. In einer 2006 im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie zeigte ein Frankfurter Team um die Kardiologin Birgit Aßmus, dass das Verfahren auch bei Patienten mit Herzmuskelschwäche die Herzfunktion dauerhaft verbessert. Nun soll die Stammzelltherapie mit einer Scheinbehandlung verglichen werden."Wir gehen allerdings davon aus, dass wir bei Patienten mit Herzmuskelschwäche die Methode noch optimieren müssen", sagt Dimmeler.

Sie und ihre Kollegen arbeiten daher zeitgleich an Strategien, um den Einbau der Zellen in den Herzmuskel zu verbessern. "Momentan läuft eine Studie mit rund 100 Patienten, bei denen wir das Herzgewebe mit niedrig dosierten Schockwellen vorbehandeln", berichtet Dimmeler. Die Ergebnisse sind in einem knappen Jahr zu erwarten.

Außerhalb klinischer Studien werden adulte Stammzellen bislang nur bei Erkrankungen des blutbildenden Systems eingesetzt. Künftig aber wollen Mediziner mit ihnen eine ganze Reihe von Krankheiten lindern. Erst vor rund zwei Wochen erhielten die britische Biotech-Firma Reneuron in Guildford und ein schottisches Ärzteteam um Keith Muir von der University of Glasgow grünes Licht von der britischen Ethikkommission GTAC für die weltweit erste Stammzellstudie mit Schlaganfallpatienten.

Der erste Patient wird vermutlich im Frühjahr im Southern General Hospital in Glasgow behandelt. Die Ärzte werden ihm neurale Stammzellen, die sie aus abgetriebenen Föten gewonnen haben, direkt ins Gehirn spritzen. Insgesamt zwölf Patienten sollen eine solche Therapie erhalten - sechs Monate bis zwei Jahre nach einem ischämischen Schlaganfall, bei dem das Gehirn aufgrund eines Gefäßverschlusses nicht mehr ausreichend durchblutet wurde. "Wir hoffen, dass die Stammzellen die geschädigten Bereiche des Gehirns reparieren und sich dadurch die geistigen und körperlichen Funktionen der Patienten verbessern", sagt Keith Muir.

Auch jenseits des Atlantiks ist man nicht untätig. Im Januar spritzten US-Mediziner neuronale Stammzellen aus Föten erstmals einem Patienten ins Rückenmark. Der Mann leidet an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), auch bekannt als Lou-Gehrig-Syndrom. Die Krankheit ist bislang nicht heilbar.

In ihrem Verlauf werden im Gehirn und Rückenmark die Motoneuronen zerstört - das sind Nervenzellen, die für Muskelbewegungen nötig sind. Die Patienten verlernen zu laufen und zu sprechen. Meist drei bis fünf Jahre nach Ausbruch des Leidens sterben sie an einer Lähmung der Atemmuskulatur.

"Wir betreten eine neue Ära der Zelltherapie gegen ALS und in meinen Augen ist es eine neue Ära der Hoffnung für diese Patienten", sagte die Neurologin Eva Feldman von der University of Michigan in Ann Arbor Ende Januar dem US-Fernsehsender CNN. Feldman leitet die Studie, in die noch mindestens elf weitere Patienten einbezogen werden sollen.

"Die Stammzellen werden vermutlich keine neuen Motoneuronen bilden", räumt Karl Johe von der Firma Neuralstem ein, die das Verfahren entwickelt hat und die Studie finanziert. "Wir hoffen aber, dass sie die noch funktionierenden Motoneuronen schützen und so das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen."

Hoffnungen in die Stammzelltherapie setzen auch Parkinsonpatienten - bislang allerdings weitgehend vergeblich. Schon Ende der 90er experimentierten schwedische Forscher um Olle Lindvall vom Universitätskrankenhaus im schwedischen Lund mit neuronalen Stammzellen, die sie in das Gehirn von Parkinsonpatienten spritzten. "Doch die Ergebnisse sind bis heute nicht überzeugend", sagt Anthony Ho vom Universitätsklinikum Heidelberg, ein Experte für Therapien mit adulten Stammzellen.

Arzneimittel aus Knochenmark sind noch nicht erforscht

Zwar bieten Firmen längst Stammzelltherapeutika gegen Parkinson an. Doch diese Arzneimittel, für die Zellen aus dem Knochenmark der Patienten verwendet werden, sind nicht erforscht. Bereits im vergangenen Sommer warnten daher die Deutsche Parkinson-Gesellschaft (DPG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer gemeinsamen Presserklärung vor erheblichen Gesundheitsrisiken durch die Angebote der privaten Klinik XCell-Center.

Es bestehe das Risiko, dass die Stammzellen im Gehirn gemäß ihrer vorherigen Funktion Knochenmark bildeten, heißt es da. Auch bei der Behandlung eines Diabetes gibt es bisher, anders als das XCell-Center verspricht, keine echten Erfolge. "Einige Forschergruppen haben zwar berichtet, dass sie Symptome ihrer Patienten mit Knochenmarkstammzellen gelindert hätten", sagt Ho. "Andere Teams konnten diese Ergebnisse aber nicht bestätigen."

Dass die Privatklinik ihre Therapien trotz fehlender Zulassung anbieten darf, liegt an einer Besonderheit des deutschen Arzneimittelgesetzes: "Es sieht eine derzeit noch gültige Ausnahme von der Zulassung für Zellen menschlicher Herkunft vor, wenn von den Zellen der Spender und der Empfänger bekannt sind", sagt Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen. Das Institut entscheidet hierzulande über die Zulassung klinischer Studien mit Stammzellen und bewertet Zulassungsanträge entsprechender Therapien bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA .

Die Gesetzeslage wird sich bald ändern. "Spätestens ab 2012 benötigt die Klinik eine Zulassung von der Europäischen Kommission, die bei der EMA beantragt werden muss", sagt Cichutek. "Um diese zu erhalten, muss das Unternehmen durch Vorlage klinischer und nicht-klinischer Daten nachweisen, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis für eine bestimmte Indikation akzeptabel ist." Ob dem Unternehmen das gelingt, ist fraglich: Es müsste seine Therapieangebote zunächst einer regelgerechten klinischen Prüfung unterziehen.

Auch für die Stammzelltherapie nach einem Herzinfarkt wird dann eine Zulassung der EU-Kommission erforderlich sein. Doch die Chancen stehen gut, dass das Verfahren sie erhält.Circulation Heart Failure, Bd.3, S.89

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