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Iglu 4 Dem Schreiben ein höherer Stellenwert

Die deutsche Sprache ist ungeeignet für das Schreiben nach Gehör. Zudem benachteiligt diese Methode bildungsferne Kinder. Ein Gastbeitrag.

Grundschule
Wenn falsch Geschriebenes an der Tafel oder im Heft stehen bleibt, prägt es sich ein. Foto: dpa

Vor wenigen Wochen erschien Iglu 4, die vierte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, die im Jahr 2016 bei Viertklässlern gemessen wurde. Deutschland erreichte dabei 537 Punkte. EU-Durchschnitt sind 540, OECD-Durchschnitt 541 Punkte. An der Spitze steht Russland mit 581 Punkten, gefolgt von Singapur (576) und Hongkong (569). Die USA haben 549 Punkte, Frankreich übrigens nur 511. Rechnet man seinen sehr hohen Migrantenanteil heraus, hat Deutschland also gar nicht so schlecht abgeschnitten.

Aber das Problem ist ein anderes: Wie bei jeder internationalen Studie werden in Deutschland die guten Schüler, insbesondere die Mädchen, immer besser und die Schwachen sowie die Jungen immer schlechter. Und wie bei jeder Studie seit 2001 (als Iglu 1 erschien) wird Deutschland vorgeworfen, die Resultate seien ein Spiegelbild der Herkunft und der Biografie seiner Schüler. 2001 waren nur vier Länder besser als Deutschland, jetzt sind es schon 20.

22 Prozent unserer Elfjährigen erfüllen beim Lesen nicht mal die Mindeststandards, können also nicht richtig lesen. Die Bandbreite der Leistungsfähigkeit ist enorm: Manche Kinder können schon vor der Einschulung lesen, andere können nicht mal einen Schreibstift halten. Kinder aus Haushalten mit mehr als 100 Büchern erzielen ein Schuljahr Vorsprung im Vergleich zu Kindern aus bücherarmen Familien.

Lehrkräfte setzen Methode nicht gut um

Die „Bild“-Zeitung gibt dafür der Leselernmethode „Schreiben nach Gehör“ die Schuld und zitiert eine „leidgeprüfte Mutter“, die fragt, ob ihr Kind mit der Methode des Baseler Pädagogen Jürgen Reichen aus den 1970er Jahren, die in Wirklichkeit aber „Lesen durch Schreiben“ heißt, überhaupt jemals wird lesen können. Inzwischen hat die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) diese Methode ihren Schulen per Erlass verboten und den Rat der deutschen Rechtschreibung sowie das Mercator-Institut der Uni Köln gebeten, einen Rechtschreiblehrplan für die Klassen 1 bis 10 zu entwickeln.

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat eine ähnliche Anweisung gegeben, die von so mancher Grundschule aber ignoriert wird. Denn die Methode an sich ist gar nicht so sehr das Problem, sondern Unzulänglichkeiten entstehen – wie immer in der Pädagogik – dadurch, dass Lehrkräfte sie nicht gut umsetzen: Wenn falsch Geschriebenes an der Tafel oder im Heft stehen bleibt, prägt es sich ein, das ist nun mal eine jahrhundertealte Einsicht von Schulmeistern! Jürgen Reichen, der ja nach seiner Zeit mit „pflegeleichten“ Kindern in einem Baseler Vorort in zwei Hamburger Brennpunktschulen wirkte, in denen er an den schwierigen Schülern scheiterte, hat stets dafür gesorgt, dass Falsches sogleich korrigiert wurde.

Unter der Hauptüberschrift „Darum lärn unsre Kinda Nich mer richtich Schreibn!“ geht die „Bild“-Zeitung leider nicht darauf ein, dass immer mehr Kinder infolge ihres reichlichen Umgangs mit Medien von klein auf durch Fehlermachen gut lernen, zumal die Jungen. Der Vorteil der Reichen-Methode „Lesen durch Schreiben“ ist, dass sie nicht mit Strafen arbeitet, wohl aber mit Richtigstellungen. Wie bei jeder Lese-, Schreib- und Rechnenlernmethode gilt nämlich: Die Mehrheit der Kinder profitiert, eine Minderheit nicht.

Wählt man eine andere Methode, profitiert wieder die Mehrheit, aber sie besteht wie auch die Minderheit aus ganz anderen Kindern. Die „Bild“- Zeitung befragt eine 92-jährige Lehrerin, die Kinder einer ganz anderen Zeit in einer ganz anderen Gesellschaft mit der synthetischen Methode, also mit der Einführung von einzelnen Buchstaben, die dann zu Wörtern zusammengebaut wurden, in die Welt des Schreibens sehr erfolgreich eingeführt hatte. Danach gab es in den deutschen Schulen die Ganzwort-, dann die Ganzsatzmethode und schließlich „Lesen durch Schreiben“ nach Jürgen Reichen.

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