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Humorstile Fiese Sprüche schaden der Gesundheit

Die Psychologin Tabea Scheel hat die Wirkungen verschiedener Humorstile an Schulen untersucht. Im Interview warnt sie vor negativen Wirkungen.

21.01.2012 17:10
Tabea Scheel ist Psychologin an der Universität Leipzig. Foto: privat

Wie wirkt Humor im Unterricht? Das haben Psychologen der Universität Leipzig in einer Studie mit 340 Schüler in 16 sächsischen Klassen untersucht. Die Studienleiterin Tabea Scheel hält viel von humorvollen Lehrern. Sie warnt aber auch vor negativen Wirkungen.

Frau Scheel, ein Ergebnis Ihrer Studie ist, dass aggressiver Lehrerhumor Schüler vom Mobbing abhalten kann. Brauchen wir also mehr hämische und sarkastische Lehrer?

Nein, sicher nicht. Zunächst stimmt es schon: Was wir aggressiven Humorstil nennen, ist eigentlich als negativer klassifiziert. Er drückt sich darin aus, dass man Witze über andere reißt, sich über andere lustig macht. Es gibt Studien, die zeigen, dass diese Form von Lehrern am häufigsten verwendet wird. Zum Beispiel, wenn Mathearbeiten ausgeteilt werden und der Lehrer zu einem Schüler sagt: „Für dein Niveau ganz gut. Fünf!“

Das ist doch demotivierend.

Ja, es ist demütigend und demotivierend, da der Lehrer sich über schlechte Leistungen lustig macht – für diese kann der Schüler unter Umständen nichts. Aber in einer sehr milden Form, als kleine Stichelei, hat dieser Stil auch positive Wirkungen. Lehrer können – ehe sie ein vernichtendes Feedback über das Verhalten von Schülern abgeben – mit humorvoll verpackten Seitenhieben, Ironie und leichtem Spott das Verhalten der Schüler einfacher lenken. Wo in unserer Studie solcher Humor auftrat, war das Klassenklima besser. Es traten auch weniger Mobbingfälle auf.

Wie kommt das?

Wir erklären uns das so, dass solche Lehrer eine gewisse Überlegenheit demonstrieren, eher Stärke ausdrücken und Sicherheit bieten, so dass alle sich mehr an die Normen halten. Das heißt, auch potenzielle Mobber werden vielleicht abgeschreckt davon, dass sie vom Lehrer einen fetzigen Spruch kassieren, der sie zwar nicht völlig bloßstellt, aber doch leicht lächerlich machen könnte vor den anderen. Wobei wir immer dazusagen: Es geht nicht um Häme, Zynismus und das Lustigmachen über Schüler, sondern um das Lenken von Verhalten.

Wirkt sich Humor auf Leistungen aus?

Es gibt wenig Belege, dass die tatsächlichen Leistungen von Humor gefördert werden. Zum Beispiel werden humorvoll verpackte Inhalte besser erinnert – aber zu Lasten der nicht humorvollen. Humor wirkt wohl eher über Klimaverbesserung, Stressreduktion und positive Emotionen. Lehrer müssen laut Studien aufpassen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verspielen, wenn sie zu ,lustig’ sind.

Aber Sie haben doch Wirkungen auf Leistungen belegt.

Ja, wir haben den Schülern zum Beispiel ein Video gezeigt, in dem eine Lehrerin einen Fehler an der Tafel macht. Die Schüler entdecken ihn, und die Lehrerin sagt: „Selbst, wenn man nicht schreiben kann, kann man immer noch Lehrer werden.“ Sie erniedrigt sich selbst, geht in die Defensive, damit andere lachen. Wir nennen das selbstabwertenden Humor. Nach dem Anschauen des Videos waren sowohl die Rechenleistungen als auch die Kreativität schlechter.

Welche Art von Humor fördert das Unterrichtsklima?

Positiv wirkt etwa der soziale Humor. Das ist im Prinzip alles, was man mit anderen an Humor teilt: Wortgeplänkel, sich Witze erzählen, sich gemeinsam über Situationen erheitern. Der gesündeste Humor, mit den meisten positiven Effekten, ist der selbstaufwertende Humor, bei dem es einem gelingt, komische Situationen heiter und souverän zu meistern. Beispiel: Einer Lehrerin fällt die Kaffeetasse um, der Kaffee fließt über die Arbeitsblätter, und sie sagt: „So ist der Unterrichtsstoff wenigstens nicht so trocken!“ Das ist zwar auch selbstironisch, aber eben nicht zu stark.

Wo ist denn die Grenze zur Selbstabwertung?

Gefährlich wird es, wenn es über die Gebühr passiert, wenn man sich zum Beispiel systematisch über sich selbst lustig macht und es nicht nur ein leichtes Sich-auf-die-Schippe-Nehmen ist. Das hängt auch immer wieder vom Selbstwert der Person ab. Denn je mehr Selbstwert ich habe, desto mehr Selbstironie kann ich mir leisten.

Haben Sie feststellen können, welche Humorstile in der Schule vor allem zu finden sind?

Lehrer und Schüler gaben an, dass der soziale Humor überwiegt, gefolgt vom selbstaufwertenden. Also die beiden positiven Humorstile stehen vorn. Dazu muss man aber sagen: Die Schulen und die Lehrer, die freiwillig bei der Studie mitgemacht haben, sind eine Auslese. Nicht erfasst wurden die Lehrer, die stark unter Burn-out leiden oder schon ihre Schüler aufgegeben haben. Davon gibt es ja eine ganze Reihe.

Würden Sie sich wünschen, dass der Humor in der Lehrerbildung eine größere Rolle spielt?

Ja, definitiv. Und zwar nicht nur zum Schutz der Schüler, sondern auch der Lehrer. Denn mit den ausgeprägt aggressiven Humorformen sind langfristig gesundheitliche Probleme verbunden. Je mehr negativen Humor ich anwende, desto mehr ist meine psychische Gesundheit in Gefahr. Wir haben auch herausgefunden: Je länger Lehrer im Beruf sind, desto weniger sozialen Humor geben sie an. Ich denke, dass es enorm wichtig wäre, Lehrer aufzuklären. Unter anderem darüber, dass sie mit fiesen Sprüchen Schüler demotivieren, dem Klassenklima und damit auch sich selbst schaden können.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.

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