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Hochschulen Migration Gekommen, um zu bleiben

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Zuwanderung funktioniert über die Hochschulen besonders gut. Viele der ausländischen Studenten wollen nach ihrem Abschluss in Deutschland bleiben. Allerdings ist die Abbrecherquote höher als bei deutschen Studierenden.

29.10.2013 14:30
Judith Kessler
44% der ausländischen Studierenden, die in Deutschland ihren Abschluss machen, entscheiden sich danach für ein Leben hier. Foto: dpa

Dass Deutschland in wenigen Jahren die Fachkräfte fehlen könnten, ist mittlerweile zum Allgemeinplatz geworden. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das sich immer wieder gen mit dem Fachkräftemangel befasst, hat jetzt noch einmal vorgerechnet, dass die Bundesrepublik allein von 2014 bis 2018 jedes Jahr rund 640.000 beruflich Qualifizierte und 150.000 Akademiker zusätzlich bräuchte, um die Zahl der Beschäftigten konstant zu halten. Politik und Wirtschaft buhlen um Hochqualifizierte im Ausland, versuchen sie etwa mit der BlueCard nach Deutschland zu holen.

Unis integrieren

Doch nach einer aktuellen IW-Analyse sind es nicht nur die Hochschulabsolventen, um die sich Deutschland bemühen sollte, sondern die Studierenden. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat Daten aus dem aktuellen Mikrozensus systematisch ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Zuwanderung dann am besten funktioniert, wenn sie über die Hochschulen erfolgt. Ausländer, die zwar ihren Schulabschluss in ihrem Heimatland gemacht, aber hier studiert und ihren Hochschulabschluss erworben haben, lassen sich demnach besonders gut integrieren. So wie Denitza Staikova. Die 34-Jährige hatte bereits ein Jahr in ihrer Heimatstadt Sofia Wirtschaft studiert, bevor sie an die Freie Universität Berlin wechselte. „Es gab keine Studiengebühren und ich hatte die Sprache schon in der Schule gelernt“, sagt sie. An der FU machte sie ihr Diplom in BWL und fand gleich nach dem Abschluss einen Job als Analystin bei einem großen deutschen Vermögensverwalter. Inzwischen ist die gebürtige Bulgarin Deutsche geworden. Laut IW studieren in Deutschland rund 185.000 sogenannter Bildungsausländer. Sie machen einen Anteil von 8,3 Prozent an der Studierendenschaft aus.

Im Rhein-Main-Gebiet liegt die Quote sogar etwas höher. So waren im Sommersemester 2013 etwa neun Prozent der Studierenden an der Fachhochschule Frankfurt Bildungsausländer. An der Goethe-Universität studierten 42.093 Studenten, rund zehn Prozent davon, insgesamt 4339 Studierende, waren Bildungsausländer. Die Technische Universität Darmstadt kommt sogar auf einen Anteil von elf Prozent Bildungsausländern unter ihrer Studierendenschaft. 139 von diesen Studierenden machten im Wintersemester 2012/13 auch ihren Studienabschluss an der Technischen Universität.

Das deckt sich mit den Ergebnissen der IW-Analyse. Demnach machen Bildungsausländer überdurchschnittlich häufig einen Abschluss in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. „Engpassqualifikationen“ nennen die Ökonomen vom IW das und meinen jene Fächer, deren Absolventen in den kommenden Jahren in Deutschland gebraucht werden. Der Studie zufolge lag der Anteil der MINT-Absolventen unter den Bildungsausländern bei 40,2 Prozent. Von den deutschen Studierenden machen dagegen nur 28,6 Prozent einen Abschluss im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.

Sozialer Kontext

Die meisten Bildungsausländer wollen der IW-Studie zufolge auch nach ihrem Studium in Deutschland bleiben, rund die Hälfte (44 Prozent) macht das dann auch tatsächlich und arbeitet direkt nach dem Hochschulabschluss in Deutschland. Allerdings hatten in der Befragung rund 80 Prozent der ausländischen Studierenden angegeben, auch nach ihrem Studium in Deutschland bleiben zu wollen. Warum fast die Hälfte der Studierenden ihren Plan dann doch nicht in die Tat umsetzt, habe verschiedene Gründe, meint Wido Geis, Ökonom am IW und einer der Autoren der Analyse „Zuwanderung über die Hochschule“. Oft hätten die Absolventen von vornherein vorgehabt, nur ein bis zwei Jahre in Deutschland zu arbeiten und dann in ihre Heimat zurückzukehren und wären so in einer nachfolgenden Befragung nicht mehr erfasst worden. „Auch der soziale Kontext spielt eine ganz große Rolle“, sagt Geis. Wenn die deutsche Freundin gegen Ende des Studiums nicht mehr die Freundin ist, sei der Student vielleicht eher geneigt, wieder in seine Heimat zurückzukehren.

Bleiben Bildungsausländer nach ihrem Studium allerdings in Deutschland, so sind sie laut IW-Analyse häufiger als Zuwanderer mit einem ausländischen Hochschulabschluss erwerbstätig. Und sie bekleiden auch häufiger eine Führungsposition. Das IW rechnet zudem vor, dass die Ausbildung eines Bildungsausländers, der anschließend in Deutschland arbeitet, für den deutschen Staat im Vergleich zu Bildungsinländern, die zuvor hier Kindergarten, Grundschulen und weiterführende Schulen besucht haben, deutlich günstiger ist. Eine rein ökonomische Betrachtungsweise, bei der es Stefan Gaitanides graust. Gaitanides war bis 2010 Professor für Soziale Arbeit an der FH Frankfurt und führte in dieser Zeit einige Studien zu Bildungsausländern an der FH Frankfurt durch. „Man darf bei allem doch nicht vergessen, dass es sich auch um Menschen handelt, die nach Deutschland kommen, um sich weiterzuentwickeln, die sich bilden wollen“, sagt er.

Nicht alle Bildungsausländer schaffen es in Deutschland bis zum Hochschulabschluss. Die Abbrecherquote ist laut IW-Studie signifikant höher als bei deutschen Studierenden. So brechen 46 Prozent der Bildungsausländer ihr Bachelorstudium ab, bei den deutschen Studierenden beträgt die Abbrecherquote nur 46 Prozent. IW-Analyst Wido Geis vermutet, dass die Studierenden oft doch an der deutschen Sprache, insbesondere der deutschen Fachsprache scheitern. Johannes Glembek vom Bundesverband ausländischer Studierender meint: „Viele Studiengänge auch an deutschen Hochschulen finden heute komplett auf Englisch statt. Ausländische Studierende werden so während des Studiums sprachlich nicht auf das Bleiben in Deutschland vorbereitet.“ Grundsätzlich, meint Glembek, müsse man allerdings sagen, dass sich die Situation ausländischer Studierender gebessert habe.

„Als ich 2005 meinen Abschluss gemacht habe, erlosch das Auftenthaltsrecht noch mit dem Studiumsabschluss“, berichtet Denitza Staikova. So manche ihrer ausländischen Kommilitonen hätten nach ihrem Abschluss getrickst und ihr Aufenthaltsrecht verlängert, in dem sie sich einfach für ein Zweitstudium eingeschrieben hätten. Heute haben ausländische Studierende ein Jahr Zeit eine „angemessene“ Stelle zu finden. Doch was ein „angemessener“ Job für einen Akademiker ist, ist oft Interpretationssache. Die Behörden machen das Gehalt zur Messgröße. „Wer einen Bachelor in Erziehungswissenschaften hat, steigt mit einem anderen Gehalt ein, als ein Ingenieur“, sagt Glembek.

Arbeitserlaubnis lockern

Das IW empfiehlt, die eingeschränkte Arbeitserlaubnis für Studierende aus Nicht-EU-Ländern während des Studiums zu lockern, um ihnen so die Möglichkeit zu geben, auch als Werkstudenten zu arbeiten oder Praktika zu absolvieren. Die Arbeitsmöglichkeiten ausländischer Studierender zu verbessern, fordert auch Jessica Castro Merino vom Autonomen Ausländerreferat der Goethe-Universität. Laut Gesetz dürfen ausländische Studierende maximal drei Monate einer bezahlten Arbeit nachgehen. Das Geld, das sie in dieser Zeit verdienten, reiche oft nicht für ein Semester, meint Castro Merino. Existenznöte seien eines der häufigsten Themen, mit denen ausländische Studierende in die Beratungsstunde kommen, die das Referat zweimal in der Woche auf dem Campus anbietet. „Viele ausländische Studierende scheitern auch an der Bürokratie, sie verstehen das Behördendeutsch auf den Formularen nicht“, sagt Castro Merino. Wichtige Behördenformulare müssten mindestens auch in Englisch ausliegen.
Der größte Schwachpunkt des deutschen Hochschulstandorts liegt nach Ansicht des IW allerdings in der mangelnden Transparenz des deutschen Zuwanderungsrechts. Studierende sollten an den Hochschulen ausreichend Informationen über die Möglichkeiten, nach ihrem Studienabschluss in Deutschland zu arbeiten, erhalten. Idealerweise sollten entsprechende Informationen auch auf Englisch in den Career Centern und Akademischen Auslandsämtern ausliegen. Die Notwendigkeit, eine neue „Willkommenskultur“ für Ausländer an den deutschen Hochschulen zu schaffen, haben im Übrigen auch die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern erkannt und ein gemeinsames Strategiepapier verabschiedet, das ganz ähnliche Maßnahmen benennt.

Die sind nach Ansichtder Ökonomen des Institut der deutschen Wirtschaft machen Druck: Denn obwohl immer mehr junge Menschen im Ausland studieren – derzeit 4,1 Millionen – kommen von diesen immer weniger Studierende nach Deutschland.

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