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HIV in Deutschland Wider besseren Wissens

Nicht alle schützen sich vor Ansteckung – deshalb gibt es auch in Deutschland wieder mehr Erstdiagnosen von HIV-Infektionen.

Die Gruppe PRO+ Netzwerk Positiv in Hessen demonstriert für einen offenen Umgang mit HIV. Foto: imago/Michael Schick

Die Deutschen sind allgemein gut informiert über HIV und Aids, teilte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Juni 2015 mit. Sie wissen, wie sie sich schützen können und tun das beim Sex mit neuen Partnern auch. Meistens. Denn trotzdem ist die Zahl der Erstdiagnosen laut Robert Koch-Institut in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen, auch wenn sie im internationalen Vergleich immer noch niedrig ausfällt. Die Deutschen wissen in ihrer Mehrheit auch, dass das Virus im alltäglichen Kontakt nicht ansteckend ist und eine Infektion dank der heute verfügbaren Medikamente kein Todesurteil mehr ist. Eigentlich. Denn auch im aufgeklärten Deutschland scheint eine HIV-Infektion vielfach noch ein Stigma zu sein. Darauf jedenfalls deutet eine Studie der Deutschen Aids-Hilfe hin, für die Menschen, die mit dem HI-Virus leben, andere Infizierte befragt haben. 77 Prozent berichteten, im Jahr davor Diskriminierung erlebt zu haben, 84 Prozent derjenigen, die ihren Job verloren, sehen darin den Grund für die Kündigung. 64 Prozent erzählten ihren Arbeitgebern aus Angst nichts von ihrer Infektion – immerhin aber reagierten 74 Prozent der informierten Chefs unterstützend oder zumindest neutral. 20 Prozent gaben an, dass sie wegen HIV keine medizinische Behandlung – etwa beim Zahnarzt – bekamen. 42 Prozent erklärten, durch HIV ein niedrigeres Selbstwertgefühl zu haben.

Dass Diskriminierung eine HIV-Infektion erst begünstigen kann, diesen Zusammenhang zeigt eine andere aktuelle Studie der Aids-Hilfe auf: Demnach können psychische Probleme infolge solcher negativen Erfahrungen dazu führen, dass Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl leiden, schwule Männer nicht offen über HIV sprechen, sich nicht ausreichend informieren und schützen – und auch nicht testen lassen. Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe, fürchtet, dass sich diese Problematik verschärfen könnte, wenn die AfD weiter politischen Einfluss gewinnt. Bereits jetzt torpediere die Partei die Antidiskriminierungsarbeit in Schulen und befördere Intoleranz gegenüber sexuellen Minderheiten.

In einer anderen Diskussion fällt die Einschätzung nicht ganz so leicht, auch Experten tun sich damit schwer. Es geht um die „Präexpositionsprophylaxe“ (PrEP), um die Frage, ob Menschen mit hohem Risiko, die sich häufig nicht vor einer Ansteckung schützen, ein Medikament zur Vorbeugung gestellt bekommen sollen, wie Infektiologe Christoph Stephan vom HIV-Center des Frankfurter Universitätsklinikums erläutert. In den USA ist das Mittel mit dem Namen Truvada zur Prophylaxe seit 2012 verfügbar, in Europa ist es dafür noch nicht zugelassen. In Deutschland werde darüber derzeit „kontrovers diskutiert“, sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für HIV-Forschung des Universitätsklinikums Essen. Die Wirkung sei dokumentiert, erklärt Stephan. Doch der Knackpunkt ist ein anderer: die Übernahme der Kosten von zur Zeit noch 800 Euro für 30 Tabletten.

Christoph Stephan hält dem entgegen, dass die Prophylaxe als „Überbrückung“ helfen könne, bei „Patienten mit einem zeitweise bestehenden Risiko eine sonst drohende, lebenslange HIV-Infektion wirksam zu verhindern“. Für wen trifft das zu? Die Gruppe, die in Deutschland (wie in allen Industrieländern) die meisten Neuinfektionen stellen, sind schwule Männer. Zwar schützen sie sich mehrheitlich gut. Doch es gibt immer noch Menschen, die auch bei Kontakten mit neuen Partnern auf ein Kondom verzichten, etwa aus falscher Sorglosigkeit. „Denkbar wäre eine Präexpositionsprophylaxe etwa für ,junge Wilde‘, die gerade ihr Coming out hatten und das mit vielen wechselnden Sexualpartnern ausleben“, sagt Christoph Stephan. Auch „Unbelehrbare“, die partout kein Kondom verwenden wollen, könne man helfen, sich und andere vor einer Infektion zu schützen, ergänzt Hendrik Streeck. Man müsse dann allerdings „achtgeben, dass sich Truvada nicht als Lifestyle-Medikament durchsetzt“. Auch weist der Wissenschaftler auf die Gefahr hin, dass beim Verzicht auf Kondome nicht nur HIV, sondern auch Krankheiten wie Syphilis und Tripper leichter übertragen werden können: „Beide nehmen wieder zu.“

Eine besondere Gefährdung für sich und andere stellen zudem „Late Presenter“ dar, erklärt Christoph Stephan. Dahinter verbergen sich Menschen, „die schon lange mit HIV infiziert sind, die sich aber nie testen ließen“. Und: „Oft fallen sie nicht unter das typische ,Beuteschema‘ des Virus. Einige haben sich etwa als Touristen in Afrika angesteckt und den Urlaub längst vergessen. Jahre später kommen sie dann mit schweren Aidssymptomen zum Arzt.“ Es gebe aber auch schwule Männer, „die nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Risiko haben oder sich aus Angst vor einer dann notwendigen Therapie nicht testen lassen“. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben in Deutschland 13 200 Menschen mit HIV, ohne dass sie davon wissen; Christoph Stephan vermutet, dass ein großer Teil davon zur Gruppe der „Late Presenter“ gehört.

Auch unter Migranten, die aus Afrika nach Deutschland kommen, befinden sich Menschen mit einer unerkannten HIV-Infektion, die sie sich in ihrer Heimat geholt haben, sagt der Infektiologe; auch wenn sie insgesamt nur einen kleinen Teil ausmachen. In den afrikanischen Communities in Deutschland sei HIV indes ein Tabu, sagt Stephan: „Da kommt ein Gerücht einem Rufmord gleich.“ Wie mit dieser Problematik umgehen? Ein sensibles Thema. Routineuntersuchungen bei der Erstaufnahme? Problematisch. Das Robert-Koch-Institut schätzt sie als „nicht hilfreich“ ein. Christoph Stephan betont: „Ein Test muss immer eine freiwillige Angelegenheit bleiben.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier HIV und Aids

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