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HIV Gleiches Virus – ungleiche Chancen

In reichen Ländern lässt es sich mit HIV recht lange leben. In Afrika dagegen bleibt Aids eine häufige Todesursache.

HIV-Patienten in Johannesburg.
HIV-Patienten in Johannesburg. Foto: rtr

Viele Meldungen zu HIV aus der jüngeren Vergangenheit klingen hoffnungsvoll: Weltweit stecken sich immer weniger Menschen an, seit dem Jahr 2000 sind die Zahlen um 35 Prozent zurückgegangen. In einigen afrikanischen Ländern wie Südafrika oder Uganda, wo Aids früher ganze Dörfer dahinraffte, zeigen Programme zur Prävention und Therapie inzwischen Erfolge. Im einstmals ebenfalls stark betroffenen Thailand gelang es, die Epidemie einzudämmen.

Rechtzeitig erkannt, müsste heute eigentlich niemand mehr an den Folgen einer HIV-Infektion sterben; und in wohlhabenden Ländern geschieht das auch nur noch relativ selten. Mit Medikamenten, die zwar lebenslang eingenommen werden müssen, aber mit immer weniger Nebenwirkungen belasten, lässt sich die Viruslast inzwischen bis unter die Nachweisgrenze senken und ein Leben fast ohne Einschränkungen führen. So vermeldet das Unaids-Projekt der Vereinten Nationen für 2014 auch 42 Prozent weniger Aidstote als noch 2004.

Doch die positive Entwicklung ist ein fragiles Gebilde – und nur ein Teil der Wahrheit: Nach wie vor ist Aids die häufigste Todesursache unter Jugendlichen in Afrika und die zweithäufigste bei Heranwachsenden weltweit, sagt Holger Rabenau, vom Institut für Medizinische Virologie des Universitätklinikums Frankfurt, dem Nationalen Referenzzentrum für Retroviren. Afrika südlich der Sahara bleibt trotz regionaler Erfolge der große Brennpunkt: Dort leben rund 26 Millionen der weltweit knapp 37 Millionen infizierten Menschen. Etwa die Hälfte aller Jugendlichen mit HIV verteile sich auf sechs Länder, sagt Rabenau: Kenia, Nigeria, Südafrika, Mosambik, Tansania und Indien.

Auch steigen die Infektionszahlen in Gebieten, die in der öffentlichen Wahrnehmung im Zusammenhang mit HIV bislang kaum auf dem Schirm waren. Das gelte für Länder in Osteuropa und Zentralasien, speziell Russland, sagt Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Aber auch in Nordafrika und dem Mittleren Osten gehen die Zahlen nach oben, wenngleich auf niedrigem Niveau; die Gründe dafür ließen sich noch nicht einschätzen, sagt Hendrick Streeck, Leiter des Instituts für HIV-Forschung des Universitätsklinikums Essen. Aufgrund des restriktiven Umgangs mit Sexualität in diesen Ländern geht Holger Wicht zudem von einer Dunkelziffer aus.

Überhaupt dürften nach Schätzungen von Unaids rund um den Globus wahrscheinlich rund 17 Millionen Menschen nichts von ihrer Infektion wissen. Und immer noch hat mehr als die Hälfte aller Infizierten keinen Zugang zur Therapie, sagt Holger Wicht. „Der Status quo reicht nicht aus“, mahnt Hendrik Streeck: „Wenn wir es nicht schaffen, die Epidemie bis 2020 zu kontrollieren, besteht die Gefahr, dass wir auf den Stand von vor zehn Jahren zurückfallen.

Vor allem in Afrika sehe ich die Gefahr, dass das Virus Resistenzen entwickeln könnte. Das würde zu einem Problem wie bei Antibiotika führen: Die Medikamente wirken dann möglicherweise nicht mehr.“

Insbesondere in ländlichen Regionen Afrikas sei die Versorgung mit den lebensrettenden Arzneimitteln bis heute „bruchstückhaft“. Das habe nicht nur mit mangelnder Infrastruktur vor Ort, sondern oft auch mit Lieferengpässen zu tun, die zuweilen bereits in den Herkunftsländern ihren Ausgang nehmen: „Es gibt Monate, in denen keine Medikamente ankommen.“

In Afrika sind neben Jugendlichen vor allem Frauen die Leidtragenden der Epidemie: Sie sind die Schwächsten in einer von Männern dominierten Gesellschaft und können sich häufig weder gegen erzwungenen Geschlechtsverkehr wehren noch auf der Benutzung eines Kondoms bestehen. Zudem fördert Armut Prostitution. Experten diskutieren, ob man diesen Frauen mit einer vorbeugenden Gabe antiviraler Medikamenten – einer Präexpositionsprophylaxe – helfen könnte. Ein entsprechendes Programm existiert aber noch nicht.

In den Industriestaaten stellen dagegen homosexuelle Männer die größte Gruppe unter den HIV-Infizierten dar – vor allem in jenen Ländern, wo durch die Versorgung mit sterilen Spritzen die Ansteckungsgefahr für Drogenabhängige minimiert werden konnte. Auch ist der Heroinkonsum zugunsten anderer Substanzen wie Crystal Meth, die oft nicht injiziert werden, in den Hintergrund gerückt. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sieht die Situation anders aus: Dort sei die Übertragung von HIV beim Drogenkonsum „weit verbreitet“, sagt Holger Wicht, aber es gebe auch unter schwulen Männern eine Epidemie: „Homosexualität und Drogen sind dort enorm tabuisiert.

Das schreckt Menschen ab, sich testen zu lassen und Hilfe zu suchen. Sie würden damit in Erklärungsnot kommen. Viele wissen deshalb nichts von ihrer Infektion.“ Auch mangele es an gezielten Angeboten. Hendrick Streeck weist zudem auf den Zusammenhang von HIV mit Krieg und Armut hin, spricht vom „War in the blood“: „Krieg führt zu mehr Vergewaltigungen und Prostitution – und gleichzeitig zu weniger Prävention und Medikamenten.“

Aids bis 2030 weitgehend zu besiegen: Dieses Ziel hat Unaids ausgegeben. Die Präventions- und Spendenkampagne der Schirner Zang Foundation will die Zahl der Neuinfektionen sogar binnen der nächsten fünf Jahre auf Null bringen. Ein besonders wirksames Instrument, das zu erreichen, wäre freilich eine Impfung. Doch ein effektiver, dauerhafter Schutz konnte bislang nicht entwickelt werden. „Ein Ende der Epidemie ist möglich“, ist Holger Wicht überzeugt. „Die Frage ist, ob die Welt bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen“, sagt Hendrik Streeck. Denn dafür müsste die Weltgemeinschaft jährlich zweistellige Milliardenbeträge in US-Dollars ausgeben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier HIV und Aids

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