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Hebraic Graduate School in Berlin Judaistik nach Auschwitz

Judaistik, das ist vor allem Theologie und Geschichte. Aber die Beschäftigung mit dem Judentum erweitert noch andere Horizonte. Dennoch kommen die Pläne für die Hebraic Graduate School in Berlin ins Stocken. Von Inge Günther

Die neue Schule soll den Blick auf das Judentum weiten. Foto: afp

Judaistik, das ist vor allem Theologie und Geschichte. Aber die Beschäftigung mit dem Judentum erweitert noch andere wissenschaftliche Horizonte. Wie alle Religionen hatte auch der jüdische Glaube eine starke Wechselwirkung mit Philosophie, Rechtswissenschaften, Ökonomie, Soziologie und Literaturwissenschaften, gerade auch in Europa. Doch die Erforschung, wie das Judentum die europäische Geistesgeschichte mit prägte, geriet nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust ins Hintertreffen. Die Auseinandersetzung über Erinnerungskultur und Verantwortung für die Shoah stand im Vordergrund. Eine Hebraic Graduate School of Europe in Berlin soll den Blick weiten.

Wissen, was uns geprägt hat

"Das 21. Jahrhundert braucht eine Reflexion über die Geisteswissenschaften nach Auschwitz", sagt Eveline Goodman-Thau, die als Professorin für jüdische Kulturphilosophie zwischen Jerusalem, Berlin und Wien pendelt. Sie versteht dies als zukunftsgerichteten Ansatz. "In einem Europa der Kulturen müssen wir wissen, was uns geprägt hat. Nur so verstehen wir, wie die monotheistischen Religionen unsere Traditionen und somit unser heutiges Denken hervorgebracht haben.

Damit ist in aller Kürze das Konzept der von Goodman-Thau und dem SPD-Abgeordneten Gerd Weisskirchen initiierten Hebraic Graduate School umrissen. Die Machbarkeitsstudie, die im Auftrag des Berliner Wissenschaftsministeriums erstellt und im März veröffentlicht wurde, kam zum Ergebnis, eine Umsetzung sei sofort möglich.

Zwei Varianten wurden dafür präsentiert. Entweder ließe sich das Graduiertenkolleg in der Freien Universität Berlin (FU) einbetten oder in die gemeinsame Dachorganisation von FU, Technischer Universität und Uni Potsdam. Inzwischen gibt es ein konkretes Angebot, die Hebraic Graduate School in einer alten Villa aus dem Besitz einer großen jüdischen Berliner Familie in der Schorlemmer Allee auf dem FU-Gelände in Dahlem unterzubringen.

Kein Ort, sagt Goodman-Thau, sei für ein solches Graduiertenkolleg, das jüdische und nicht-jüdische Studenten aus ganz Europa anziehen soll, besser geeignet als Berlin: "Die Stadt mit wissenschaftlich pluraler Landschaft, in der der Holocaust erdacht wurde und in der jüdisches Leben blüht.

Woran es hapert, ist eine klare politische Entscheidung. Das Land Berlin ist zwar sehr dafür, ein solches akademisches Zentrum zu bekommen, das die zentrale Schnittstelle zwischen ähnlichen Studiengängen in Wien, dem rumänischen Cluj und - darüber wird noch verhandelt - Paris abgeben könnte.

Schavan zögert

Auch hat der Bundestag bereits 2008 einen interfraktionellen Antrag an die Regierung geschickt: Darin geht es darum, mit Bundesmitteln den Aufbau jüdischer akademischer Institutionen wie der Hebraic Graduate School of Europe in Berlin zu unterstützen. Doch konkrete Zusagen blieben aus. Eine Nachfrage von Abgeordneten soll am morgigen Dienstag auf die Tagesordnung kommen.

Das Zögern im Ministerium von Annette Schavan scheint nicht ausschließlich Resultat finanzieller Engpässe zu sein. Julius Schoeps, Professor für Neuere Geschichte am Moses-Mendelssohn-Zentrum, macht zur Zeit mit einem Gegenkonzept der geplanten Hebraic Graduate School Konkurrenz. Goodman-Thau, die Schoeps zunächst Kooperation angeboten hatte, hält sich inzwischen mit Kritik nicht zurück. Dem konservativen Schoeps schwebe eine "jüdische Fakultät à la 19. Jahrhundert vor, die sich allein um Theologie und Historismus dreht".

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