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Harlows Experimente zur Mutterliebe Von Affen und Kindern

Braucht ein Kind Liebe? Ist ein Baby ernsthaft darauf angewiesen, von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden? Harry Harlows Experimente gehen der Mutterliebe auf den Grund. Von Yvonne Globert

10.04.2010 00:04
Yvonne Globert
Affenexperiment: Liebe Mama, fiese Mama. Foto: ddp

Braucht ein Kind Liebe? Ist ein Baby ernsthaft darauf angewiesen, von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden? Ist es wichtig für seine Entwicklung, dass der erste Mensch in seinem Leben, ihm aufmunternd zulächelt, wenn es die Welt entdeckt?

Natürlich, möchte man rufen. Niemand zweifelt heute daran, dass unsere Chancen besser stehen, das Leben zu meistern, wenn wir von klein auf das Gefühl absoluter Sicherheit kennengelernt haben. Eltern, Pädagogen, Wissenschaftler - niemand bestreitet das. Es ist Fakt.

Doch wie Röntgenstrahlen und Penicillin musste - zumindest aus wissenschaftlicher Sicht - auch die Mutterliebe erst noch entdeckt werden. So war es dann auch. Ausgerechnet von einem Wissenschaftler, der mit seinem barschen Naturell, seinem gescheiterten Familienleben, dabei hoch depressiv, trinkfest und zuweilen auch sexistisch, das Thema Liebe mit seiner eigenen Biografie absolut konterkariert.

Ihm, Harry Harlow, und seinen Affenexperimenten Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat die amerikanische Professorin für Journalismus, Deborah Blum, eine umfassende Biografie gewidmet. Die Komplexität macht dabei einen großen Teil der Qualität des bereits 2002 auf dem US-Markt erschienenen und nun vom Beltz-Verlag aufbereiteten Buches aus. Blum zeichnet anhand vieler Gespräche mit Zeitzeugen aus Harlows Umfeld ein Forscherleben mit all seinen Brüchen nach, die ebenso für die von Harlow durchgeführten und bis heute umstrittenen Experimente mit Primaten gelten - all dies gespiegelt vor einer uns heute fremd wirkenden wissenschaftlichen Ära.

Der Leser erfährt vor allem von einer Zeit, in der Studien über die Bedeutung von Liebe und Beziehungen in der Wissenschaft nichts zu suchen hatten. Sie galten nichts, weil sie als etwas betrachtet wurden, das der noch jungen Psychologie nur einen unseriösen Ruf einhandeln würde.

Als der experimentelle Psychologe Harlow einen Lehrstuhl an der Universität von Wisconsin annimmt, dominiert gerade die Lehrmeinung eines gewissen John B. Watson und seiner Anhänger, die "Mutterliebe (als) gefährliches Instrument" einstuften. Nach der hohen Säuglingssterblichkeit, die man zuvor in Kinderheimen beobachtet hatte, setzte sich das Prinzip höchster und damit auch emotionaler Sterilität in der Wissenschaft durch. Wer Kinder bemutterte, schwächte sie. Soweit Watson und Co.

Grausame Forschung

Harlow sah das anders. Vielleicht auch aus Trotz, denn Themen, die nicht im Mainstream seiner Zeit lagen, reizten ihn besonders.

Blum schildert ausführlich die Zeit seiner Affenversuche - in ihrer ganzen Ambivalenz: Eingeprägt hat sich das Bild der von Harlow entwickelten Ersatzmutter mit Knopfaugen und schiefem Mund, an deren weichen Frotteekörper sich seine jungen elterlosen Versuchsaffen schmiegten und deren Existenz ihnen zum Wichtigsten überhaupt wurde.

Seine Experimente zeigten: Es stimmte schlicht nicht, dass Kinder emotionslos umsorgt besser zurechtkamen. Harlow schrieb die Wissenschaftsgeschichte neu und ersparte möglicherweise vielen Kindern wissenschaftshöriger Eltern ein freudloses Schicksal.

Aber ein Vorbild? Harlow, auch das macht Blum deutlich, ließ seine Tiere auch unsägliche emotionale Qualen leiden, um alles über deren Entwicklung zu erfahren; er isolierte sie monatelang, er machte sie depressiv. Blum bezieht dabei auch die Sicht von Harlows Gegnern ein, von Tierschützern wie Feministinnen, und relativiert deren Vorwürfe nicht. Sie will Harlow kein makelloses Denkmal setzen, wohl aber zeigen, dass seine Erkenntnisse die Psychologie in die richtige Richtung führten.

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