Lade Inhalte...

Handy Nuckelflasche am Ohr

Wenn das Handy zur Dauer-Nabelschnur wird: Als Verbindung zwischen Eltern und Kindern.

24.03.2009 00:03
WALTER SCHMIDT
Das Handy verbindet mit dem Hotel Mama und Papa - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Foto: Eberhardt

Kein Haus ist von der Haltestelle aus zu sehen, keine Laterne mindert die Dunkelheit der kalten Nacht. Den Bus um 22:45 Uhr hat Anja knapp verpasst, und der nächste kommt erst in zwanzig Minuten. Die 15-Jährige sieht sich unsicher um: ungemütlich hier. So könnte ein Krimi beginnen - aber auch eine kurze Lehrstunde in Sachen Selbstständigkeit.

Bis zur Erfindung des Mobiltelefons blieb Jugendlichen in vergleichbaren Lagen gar keine Wahl: Sie mussten nicht nur die Langeweile beim Warten aushalten, sondern auch den leichten Grusel. Und auf einer Reise blieben sie zunächst einmal mit ihren Eindrücken allein. Die Welt war ein einziges Funkloch. Doch Handys, über die inzwischen über 90 Prozent der 12 bis 19Jährigen verfügen, haben damit Schluss gemacht. Mit ihnen bleibt man stets mit Allen verbunden.

"Einerseits eine tolle Sache", urteilt Professor Joachim Bauer, Psychiater an der Universitätsklinik Freiburg. Doch andererseits sei ein Mobiltelefon "ohne Frage ein Entwicklungshemmer". Der Leiter der psychosomatischen Klinik-Ambulanz sieht in ihnen sogar eine "Nuckelflasche am Ohr".

Könnte es tatsächlich sein, dass die meist eingeschalteten Mobiltelefone Jugendlichen erschweren, das Alleinsein zu ertragen und eigene Entscheidungen zu treffen? Hängen die Heranwachsenden gar an einer Art Dauer-Nabelschnur zu Eltern, Freunden und anderen Bezugspersonen?

Der Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter findet diese Hypothese "goldrichtig". Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, habe einmal "vom Menschen als ‚Prothesengott' gesprochen, der seine Unvollkommenheit nur dank technischer Hilfsmittel aushalten könne". Das Handy könne man "als solche Prothese verstehen, die in einer bindungsgeschwächten Gesellschaft Sicherheit vermitteln soll". Es könne in der Tat Autonomie erschweren, sagt Auchter - und zwar zugunsten eines technisch verwirklichten, aber nur scheinbaren "Verbundenbleibens mit dem Hotel Mama oder Papa".

Kennzeichnend für viele Kinder und Jugendliche sei heutzutage eine naive Versorgungsphantasie, sagt auch der Hannoveraner Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann. Sie erwarteten, dass sich ständig jemand um sie kümmere. Damit befänden sie sich "auf dem Entwicklungsstand von Anderthalbjährigen" und verharrten "im seelischen Kokon eines Kleinkindes".

Wem stets alle Aufmerksamkeit zuteil wird, der gewöhnt sich rasch daran. Mit ihren Handys könnten viele Jugendliche gelegentliches Alleinsein besser aushalten, findet der Soziologe Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut in München. Womöglich sei das Mobiltelefon einem so genannten Übergangsobjekt vergleichbar - einem vom Säugling selbst gewählten Gegenstand, der es ihm erleichtert, den Schritt von der ersten frühkindlichen Bindung an die Mutter hin zu reiferen Beziehungen zu schaffen.

Was bei Kleinkindern das überall hin mitgeschleppte Schmusetuch ist, könne bei Jugendlichen das Telefon in der Jackentasche sein. "Übergangsobjekte machen die Trennung von der Mutter erträglich, weil sie Ängste abwehren", sagt der Jugendforscher und Professor an der Freien Universität Bozen. Viele Jugendliche und manchmal auch Erwachsene würden zu "Kommunikationsjunkies, die es nicht mehr ertragen können, mal alleine im Bus zu sitzen oder gar nichts zu tun."

Doch wo führt das hin? Nach Ansicht des Familienforschers Hartmut Kasten vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München ist es "ganz schwierig", wenn nicht gar unmöglich, sozialwissenschaftlich zu untersuchen, ob Handys die Selbstständigkeit junger Menschen eher fördern oder schwächen. Dazu hätte man einen Gruppe von Jugendlichen während der vergangen 10 bis 15 Jahren mit Mobiltelefonen und eine Vergleichsgruppe ohne aufwachsen lassen und beobachten müssen.

Die Würfel sind ohnehin längst gefallen. Die Jugend telefoniert uns simst, was das Zeug hält. Nach Ansicht des Medienpsychologen Professor Daniel Süss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) "leben wir alle, nicht nur Heranwachsende, in einer permanent vernetzten Welt". Die vernetzte Welt erfordere neue soziale Fähigkeiten, "zum Beispiel diejenige zur aktiven Abgrenzung, wenn man mal ungestört sein will - trotz permanenter Kommunikationsmöglichkeit".

Zudem können Mobiltelefone persönliche Grenzen erweitern. Durch Handys und andere digitale Kommunikationsmittel seien Jugendliche noch nie so unabhängig von der sozialen Kontrolle der Eltern gewesen wie heute, sagt Professor Dominik Petko, der an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Goldau das Institut für Medien und Schule (IMS) leitet. "Gerade weil ihre Eltern sie jederzeit anrufen können, genießen viele Jugendliche größere Freiheiten als früher."

Allerdings geht mehr Freiraum längst nicht immer mit größerer Selbstständigkeit einher. Schon möglich, dass mancher wegen eines Handys bis um drei Uhr nachts statt nur bis Mitternacht in der Disco bleiben darf. Doch auch dann bleibt die gefühlte Nabelschnur zu den Eltern - zumindest so lange der Handy-Akku geladen ist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen