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Grundschule Eine pädagogische Misere

35 000 Lehrer fehlen in Deutschland einer Studie zufolge bis Ende 2025. Auf dem Spiel steht auch die Qualität des Unterrichts.

Lehrermangel an Grundschulen
Unterrichtsausfall? Kann vorkommen. Noch schlimmer ist es, wenn Schule den Kindern gar nicht mehr gerecht werden kann. Foto: Caroline Seidel (dpa)

Bis Ende 2025 werden in Deutschland 105 000 neue Grundschullehrer gebraucht. Sie müssen die 60 000 Lehrkräfte ersetzen, die in Pension gehen. Zudem steigt die Schülerzahl, der individuelle Förderbedarf nimmt zu, Ganztagsschulen werden ausgebaut.

Das Problem: Die Universitäten können höchstens 70 000 Lehrkräfte ausbilden. Bleibt eine Lücke von 35 000 Lehrerstellen. Betroffen davon sind alle 16 Bundesländer. Eine Entspannung sei aufgrund der Bevölkerungsentwicklung erst von 2026 an zu erwarten.

Die Zahlen entstammen der am Mittwoch veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Lehrkräftebedarf in der Primarstufe. Die Verfasser, die renommierten Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn, warnen, dass der absehbare Mangel vor allem zulasten von ohnehin benachteiligten Schülerinnen und Schülern gehen könnte. Und damit die Bildungsungerechtigkeit vergrößere. So könnten Schulen in sozialen Brennpunkten mehr Schwierigkeiten als andere bekommen, Personal zu finden.

Eltern und Lehrervertreter fürchten, Förderangebote könnten zugunsten von Pflichtunterricht gekürzt, Klassen vergrößert oder Personal eingestellt werden, das nicht die nötige pädagogische Qualifikation mitbringt.

Schon heute ist der Lehrermangel spürbar. So blieben in Hessen zum Beginn des laufenden Schuljahrs bereits 100 Stellen an den Grundschulen unbesetzt. Zwar fehlen aktuell nur noch 30 Lehrkräfte, doch die Lücken zu stopfen wird immer schwieriger. „Der Markt ist leer gefegt“, sagt Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) können momentan bundesweit 2000 Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzt werden.

Inzwischen haben die Bundesländer damit begonnen gegenzusteuern. Um kurzfristig pädagogisches Personal zu gewinnen, wurden pensionierte Lehrkräfte reaktiviert sowie Gymnasial-, Haupt- und Realschullehrer, die keine Anstellung gefunden haben, für den Einstieg ins Grundschullehramt qualifiziert – häufig verbunden mit der Aussicht auf Verbeamtung. Teilzeitkräfte – die meisten von ihnen Frauen – sollen Anreize erhalten, ihre Stundenkontingente aufzustocken.

Zudem gibt es Qualifizierungskurse für Seiteneinsteiger, die ohne pädagogische Ausbildung in den Schuldienst aufgenommen werden wollen. Auch wurden die Ausbildungskapazitäten an den Universitäten erhöht.

Der Grundschulverband kritisiert die Personalplanung der Bundesländer scharf. Bis zum Jahr 2026 sei keine gesicherte Versorgung mit qualifiziertem Lehrpersonal zu erwarten. Die Zahlen dokumentierten das „völlige Versagen“ der Kultusverwaltungen der Länder. In den vergangenen zehn Jahren habe man es versäumt, den Nachwuchs zu sichern. Als Notmaßnahme empfiehlt der Verband, Lehrkräfte aus weiterführenden Schulen an die Grundschulen abzuordnen.

Weckruf der Bertelsmann-Stiftung

Der Verband Bildung und Erziehung spricht von einer pädagogischen Misere und warnt vor einer „Deprofessionalisierung“ des Lehrerberufs durch die Einstellung von ungenügend qualifiziertem Personal. Nach Ansicht der GEW müssen die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden, um das Grundschullehramt für Studierende attraktiver zu machen. Sonst verschärfe sich die Situation sogar noch. Zudem rolle auch an anderen Schulformen die Pensionierungswelle.

Lorz, Vizepräsident der Kultusministerkonferenz, sagte, alle 16 Länder seien sich der Lage bewusst. Den „Weckruf“ der Bertelsmann-Stiftung habe man nicht gebraucht. Maßnahmen wie die Erhöhung des Stundendeputats von Teilzeitkräften und der Einsatz von Pensionären würden in vielen Ländern bereits umgesetzt.

Steigende Geburtenzahlen und vor allem die Zuwanderung hätten den Lehrkräftebedarf in einem Maß erhöht, das nicht zu erwarten gewesen sei. Die Aufnahme von 1,3 Millionen Menschen in den vergangenen drei Jahren habe eben Auswirkungen auf die Schulen. „Vorhersehbar war das in dieser Größenordnung nicht“, so Lorz.

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