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Großer Bildungserfolg von Migranten Vietnamesen oft die besseren Schüler

Als ein Grund für das gute Abschneiden Ostdeutschlands bei der Pisa-Studie wird gerne die Tatsache angeführt, dass es dort weniger Migrantenkinder gibt. Denn diese zählen häufig zur Risikogruppe. Das scheint sich aber zu ändern.

18.11.2008 11:11
Europäisches Gymnasium Waldenburg
Die zweite Generation holt auf. Foto: dpa

Frankfurt/Main. Als ein Grund für das gute Abschneiden Ostdeutschlands bei der Pisa-Studie wird gerne die Tatsache angeführt, dass es dort weniger Migrantenkinder gibt.

Denn diese zählen häufig zur Risikogruppe, die nur das unterste Leistungsniveau erreicht. Doch nun hat eine Studie aus Brandenburg Verblüffendes zutage gefördert: Demnach sind dort Migrantenkinder in der Schule oft wesentlich erfolgreicher als ihre deutschstämmigen Mitschüler.

In den bisherigen Pisa-Studien wurden Migrantenkinder in Ostdeutschland nicht als eigene Gruppe ausgewiesen, weil sie weniger als zehn Prozent der Schüler ausmachen, wie die Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, Karin Weiss, der AP sagte. Weiss hat daher eine Studie zum Bildungserfolg vietnamesischer Schüler in Brandenburg in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im September veröffentlicht wurden.

Und diese lauten: Wenn vietnamesischstämmige Schüler die Schule verlassen, "haben sie in der Tendenz überwiegend bessere Schulabschlüsse als deutsche Schüler", wie Weiss erklärt.Der Studie zufolge besuchen 74 Prozent der Kinder vietnamesischer Einwanderer im Sekundarschulalter das Gymnasium, 17 Prozent die Gesamtschule und neun Prozent die Realschule.

Und das, obwohl ihre Eltern oft schlecht Deutsch sprechen, meistens sieben Tage in der Woche arbeiten und wenig freie Zeit haben, weil sie Textilgeschäfte, Imbissstände und ähnliche Kleinunternehmen betreiben, um sich aus wirtschaftlicher und sozialer Randständigkeit herauszuarbeiten, wie Weiss erklärt.

Hoher Stellenwert von Bildung

Damit zeige die Studie, dass es auch in einer wirtschaftlich schwierigen Situation möglich sei, hervorragende Bildungsergebnisse zu erzielen, sagt Weiss, die vor ihrem Amtsantritt als Integrationsbeauftragte Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Potsdam war.

Gesicherte Erklärungen für den schulischen Erfolg der Migrantenkinder gibt es bisher nicht, "aber einen Haufen Ideen", erklärt Weiss, die auch andere Migrantenkinder in Ostdeutschland für ähnlich erfolgreich hält. Eine Erklärung sieht sie darin, dass die Familien aus Kulturkreisen kämen, die traditionell großen Wert auf Bildung legten.

Neben den Vietnamesen, bei denen die außerordentliche Bildungsbereitschaft und die kulturelle Wertschätzung von Bildung ins Auge falle, gebe es in Brandenburg vor allem jüdische Zuwanderer aus Russland. "Die Eltern haben zu 70 Prozent einen Hochschulabschluss - logischerweise legen sie Wert auf Bildung", erklärt Weiss. Das sei natürlich schon etwas anderes, als wenn an einer Schule 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund hätten, ohne dass es eine entsprechende Förderung gebe.

Früher Kontakt mit deutscher Sprache

Als weitere Erklärung sieht die Sozialpädagogin das flächendeckende Kinderbetreuungssystem im Osten. "Die Kinder kommen alle früh in den Kindergarten und kommen somit auch früh in Kontakt mit der deutschen Sprache", erklärt Weiss. Zudem seien im Osten viele Schulen von der Schließung bedroht - das führe einerseits zu kleineren Klassen, aber vor allem auch zu einer ganz anderen Motivation, die Schüler zu halten. Und außerdem spielt laut Weiss auch eine Rolle, dass viele Lehrer in Ostdeutschland noch Russisch können und so mit russischstämmigen Hauptschülern ganz anders in Kontakt treten könnten.

Weiss sieht die Ergebnisse der Studie als "eklatanten Gegensatz" zu den Defiziten, die die Pisa-Studie und andere Untersuchungen bei Kindern mit Migrationshintergrund im Westen festgestellt haben. Für die Bildungsforschung, die immer wieder auf die soziale Vererbung von Bildungsabschlüssen, den Familienstatus und die sprachlichen Fähigkeiten der Eltern verwiesen habe, sei das Ergebnis "eine Herausforderung". (AP/Mirjam Mohr)

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